Wie Russland die Welt im Skripal-Fall von seiner Unschuld überzeugen will

In London beteuert der russische Botschafter, dass sein Land nicht an dem Giftanschlag auf den Ex-Spion beteiligt war. Zugleich äußert sich erstmals Skripals Tochter.


Man könnte es als eine Art Charmeoffensive sehen: Am Donnerstag lud der russische Botschafter Dutzende Journalisten zu einer Pressekonferenz in seine prachtvolle Dienstvilla im Londoner Süden ein. Über eine Stunde versuchte Alexander Jakowenko dann, die Öffentlichkeit von der Unschuld Russlands zu überzeugen – und ließ mehrfach Andeutungen fallen, dass andere Nationen an dem Giftanschlag beteiligt sein dürften.

Russland habe nie das Nervengift Nowichok hergestellt oder besessen, beteuerte der Top-Diplomat mehrfach. Es seien doch auch zahlreiche andere Länder in der Lage, das Nervengift herzustellen, fügte er an. Und das erste Mal sei Nowichok schließlich in den Berichten amerikanischer Wissenschaftler erwähnt worden.

Nowichok wurde, davon ist die britische Regierung überzeugt, bei dem Giftanschlag vor gut einem Monat im englischen Salisbury eingesetzt, um den Ex-Spion Sergej Skripal auszuschalten. Hinter dem Vorfall stecke „höchstwahrscheinlich Russland“, erklärte die britische Premierministerin Theresa May und löste damit eine diplomatische Krise aus, die zunehmend über Großbritannien und Russland hinaus geht.

Nachdem Großbritannien 23 Diplomaten des Landes verwies, mussten auch 23 britische Diplomaten Russland verlassen - sowie weitere Vertreter anderer Länder, die zuvor dem Beispiel Großbritanniens gefolgt waren.

Skripal ist noch immer im Krankenhaus in Behandlung. Seine Tochter Julia, die ebenfalls der Chemikalie ausgesetzt war, ist offenbar wieder bei Bewusstsein und ansprechbar. Laut einer Pressemitteilung der britischen Polizei ist die 33-Jährige auf dem Weg der Besserung.

„Ich bin vor einer Woche aufgewacht“, wird sie in der Pressemitteilung zitiert. „Seitdem spüre ich, wie die Kraft immer mehr zurückkommt. Ich bin sehr dankbar über die Aufmerksamkeit, die mir zukommt, und die vielen Besserungswünsche, die mich erreicht haben.“


Der russische Botschafter erklärte, er sei sehr froh zu hören, dass es Julia wohl wieder besser gehe und er wünsche auch ihrem Vater gute Besserung. Russland betrachte den Ex-Agenten, der sowohl für den russischen als auch für den britischen Geheimdienst gearbeitet hatte, nicht als eine Person, die man umbringen müsse.

Skripal sei schließlich für seine Taten in Russland zu einer Gefängnisstrafe verbüßt worden, die er abgesessen habe, erklärte Jakowenko. Skripal habe zuletzt als Privatmann in Großbritannien gelebt. Aber auf der Insel, sagte der Botschafter mit schwer zu deutendem Unterton, seien „in den vergangenen zehn Jahren ja viele Russen unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen“.

Russland sei in keiner Weise involviert in den Vorfall in Salisbury, erklärte er. Und sein Land habe - anders als in den Medien dargestellt - Fragen der britischen Regierung beantwortet. Andererseits erhalte man jedoch keine Antworten, kritisierte Jakowenko.

Er forderte, dass man Russland in die laufenden Untersuchungen der Briten und der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen OPCW einbinden müsse. Die für kommende Woche erwarteten Ergebnisse des OPCW müssten Russland und der Öffentlichkeit präsentiert werden – dann werde man entscheiden, wie Russland weiter vorgehe. „Das ist eine sehr ernste Sache, wir müssen die Wahrheit wissen“.


Bei einem Treffen der OPCW am Mittwoch hatte Russland den Kürzeren gezogen. Bei der Abstimmung, ob eine weitere Untersuchung der Giftattacke im englischen Salisbury stattfinden solle, wurde gegen den Antrag Russlands gestimmt. Doch als Schlappe will man das in Moskau nicht betrachten: Der größte Teil der Welt habe sich doch enthalten oder gegen die Briten gestimmt, sagte der Botschafter.

Der Streit zwischen Russland und Großbritannien hat nicht nur das Verhältnis der beiden Länder zueinander verändert, sondern auch dazu geführt, dass sich zahlreiche Nationen aus der EU und die USA hinter Großbritannien stellten.

In Großbritannien geriet derweil Außenminister Boris Johnson unter Druck, nachdem britische Experten dessen Äußerungen, man könne die verwendete Chemikalie zweifelsfrei auf russische Quellen zurückverfolgen, widerlegten. Ein entsprechender Tweet aus dem britischen Außenministerium wurde gelöscht – eine Tatsache, auf die der Botschafter nun mit sichtlicher Genugtuung hinwies.

Doch an der Einschätzung der britischen Regierung, dass Russland hinter dem Vorfall stehe, ändere sich nichts, berichteten britische Medien am Morgen. Man habe schließlich auch Beweise, die nicht der Öffentlichkeit bekannt seien – auch nicht dem Führer der Opposition, Jeremy Corbyn, der heftige Kritik an Johnson geäußert hatte.

Für Donnerstagabend hat Russland eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates zu dem Thema einberufen. Von dem russischen Vorgehen, das „schamloser Zynismus“ sei, werde sich die Welt aber nicht täuschen lassen, twitterte der britische Außenminister zuvor.