Russland: Mariupol ist eingenommen - Ringtausch für Waffenlieferung

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Seit Wochen toben die Kämpfe um die ukrainische Hafenstadt Mariupol. Nun meldet Russland den Fall der Stadt. Ein eingekesseltes Stahlwerk mit Zivilisten und Verwundeten soll abgeriegelt werden. Die Ukraine fleht um Hilfe. Deutschland bereitet einen Tausch für Waffen vor.

Russland verkündet die Einnahme der ukrainischen Hafenstadt Mariupol. (Reuters/Alexander Ermochenko)
Russland verkündet die Einnahme der ukrainischen Hafenstadt Mariupol. (Reuters/Alexander Ermochenko)

Moskau/Kiew/Berlin - Russland hat die seit fast zwei Monaten umkämpfte ukrainische Hafenstadt Mariupol nach eigenen Angaben vollständig eingenommen. Das teilte Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einem Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin mit. Das Stahlwerk der Fabrik Azovstal, in dem ukrainische Soldaten und Zivilisten ausharren, soll nun nicht mehr gestürmt, sondern hermetisch abgeriegelt werden. Mit der Entwicklung in Mariupol wächst der Druck auf Deutschland, schwere Waffen zur Verteidigung der Ukraine zu liefern. Die Bundesregierung bereitet nun einen Ringtausch für Waffen vor.

Russlands Präsident Putin zeigte sich am Donnerstag im Staatsfernsehen bei dem Treffen mit Schoigu. Der Befehl, das Stahlwerk Azovstal zu stürmen, werde zurückgenommen, so Putin. "Blockiert diese Industriezone so, dass nicht einmal eine Fliege rauskommt." Die ukrainischen Kämpfer sollten die Waffen niederlegen, dann würden sie mit dem Leben davonkommen. Putin sprach von einem Erfolg und einer "Befreiung Mariupols".

Die südostukrainische Hafenstadt war schon kurz nach Beginn des von Putin am 24. Februar befohlenen Angriffskrieges gegen die Ukraine von russischen Truppen eingekreist worden. Mariupol hatte vor dem Krieg mehr als 400.000 Einwohner, nun sind es noch etwa 100.000. Es wurde bei den Gefechten weitgehend zerstört. Mehrere Versuche einer geordneten Evakuierung von Zivilisten schlugen fehl.

Selenskyj hält besetztes Mariupol nicht für komplett verloren

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält die Hafenstadt Mariupol hingegen noch nicht für komplett verloren. "Die Situation ist schwierig, die Situation ist schlecht", sagte der Staatschef am Donnerstag Journalisten örtlichen Medien zufolge in Kiew. Es gebe mehrere Wege, die Stadt zu befreien.

Über dem eingekesselten Stahlwerk Azovstal in Mariupol steigt Rauch auf. (Bild: Reuters/Alexander Ermochenko)
Über dem eingekesselten Stahlwerk Azovstal in Mariupol steigt Rauch auf. (Bild: Reuters/Alexander Ermochenko)

"Es gibt einen militärischen Weg, auf den man sich vorbereiten muss, und wir bereiten uns vor", sagte Selenskyj. Dazu brauche es die Hilfe westlicher Partner. "Für uns selbst ist es schwierig, wir brauchen entsprechende Waffen, doch denken wir darüber nach", meinte er. Ein anderer Weg sei ein diplomatischer, humanitärer.

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Kiew habe Moskau bereits mehrere Varianten vorgeschlagen, darunter einen Austausch von "Verwundeten gegen Verwundete". "Dort gibt es über 400 Verwundete in dieser Zitadelle. Das sind nur die Soldaten." Es gebe ebenfalls verletzte Zivilisten. "Vor uns liegen entscheidende Tage, die entscheidende Schlacht um unseren Staat, um unser Land, um den ukrainischen Donbass", betonte Selenskyj.

Weitere Eroberungen durch Russland

Russische Truppen stoßen in der Ukraine derweil weiter vor, die befürchtete Großoffensive im Osten könnte jedoch erst noch bevorstehen. Entlang der gesamten Front in den Gebieten Donezk, Luhansk und Charkiw griffen die Russen zwar seit Dienstag an, sagte der Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrats, Olexij Danilow, in einem Radio-Interview. Es handele sich aber wahrscheinlich erst um "Probeangriffe". Der Großteil von Luhansk ist allerdings nach ukrainischen Angaben bereits unter russischer Kontrolle.

Die russischen Streitkräfte nahmen nach eigenen Angaben auch die Kleinstadt Kreminna im Osten der Ukraine ein, die zuvor von der ukrainischen Armee in eine Befestigungsanlage verwandelt worden war.

Im Kiewer Vorort Borodjanka wurden nach ukrainischen Angaben zwei Gräber mit insgesamt neun Leichen entdeckt. Es handele sich um Zivilisten, Männer wie Frauen, teilte Andrij Njebytow von der Polizei der Hauptstadtregion auf Facebook mit. Einige von ihnen wiesen Folterspuren auf.

Nach Tagen eindringlichen Bittens um mehr Waffen sieht Selenskyj mehr Verständnis bei Partnerländern der Ukraine aufkommen. Er könne mit "vorsichtigem Optimismus" sagen, dass die Partner Kiews "sich unserer Bedürfnisse bewusster geworden sind", sagte er in einer Videobotschaft in der Nacht zum Donnerstag.

Forderung nach mehr Waffen aus Deutschland

Die Ukraine fordert von der Bundesregierung Waffen wie Luftabwehrsysteme, Kampf- und Schützenpanzer sowie schwere Artillerie, um der erwarteten russischen Offensive in der Ostukraine standhalten zu können. Vor allem Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), wird Zögerlichkeit in dieser Frage vorgeworfen.

Die Bundesregierung bereitet nun einen Ringtausch für die Lieferung schwerer Waffen vor. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur vom Donnerstag soll dabei der Nato-Partner Slowenien eine größere Stückzahl seiner Kampfpanzer an die Ukraine abgeben und aus Deutschland dafür den Schützenpanzer Marder sowie den Radpanzer Fuchs erhalten. Slowenien nutzt noch eine jugoslawische Variante des Kampfpanzers T-72 unter der Bezeichnung M-84.

Das noch aus der Sowjetzeit stammende Waffensystem T-72 wird vom ukrainischen Heer bereits eingesetzt und erfordert keine umfangreiche Zusatzausbildung. Nach Informationen der dpa aus Regierungskreisen hat Slowenien als Kompensation auch moderneres Gerät aus Deutschland angefordert, darunter den deutschen Kampfpanzer Leopard 2, den Radpanzer Boxer sowie den Schützenpanzer Puma, der in der Bundeswehr als Nachfolger des seit 50 Jahren genutzten Marder eingeführt wird.

Panzer fehlen auf Waffenliste

Die Bundesregierung hat der ukrainischen Regierung Ende März eine Liste mit 210 Angeboten für Rüstungslieferungen der deutschen Industrie im Gesamtwert von 307 Millionen Euro vorgelegt. Darauf finden sich Panzerabwehrwaffen, Granaten, Drohnen, Schutzausrüstung und Munition. Die schwersten dort aufgeführten Waffen sind 12 Mörser mit einem Kaliber von 120 Millimeter. Panzer, schwere Artilleriegeschütze, Kampfhubschrauber oder Kampfflugzeuge sind darauf nicht zu finden.

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