Russischer Diamantenriese in der Krise


Das Geschäft mit dem Luxus ist in Moskau eigentlich krisensicher. Noble Designerklamotten und edle Karossen gehören hier selbstverständlich zu den Auftritten der gesellschaftlichen Elite wie der wertvolle Diamantschmuck. Doch der größte Diamantenförderer des Landes, Alrosa, steckt trotzdem in einer tiefen Krise. Im August war die Diamantenmine „Mir“ in der sibirischen Teilrepublik Jakutien (Sacha) geflutet worden.

151 Bergarbeiter wurden mehrere hundert Meter unter Tage von dem plötzlichen Wassereinbruch überrascht. Immerhin 143 Männer konnten gerettet werden, doch die Suche nach den verbliebenen acht Kumpeln wurde später ergebnislos eingestellt, nachdem der Wasserspiegel in der Grube trotz ständigen Abpumpens immer weiter anstieg. Die finanziellen Folgen des Grubenunglücks sind für den Betreiber bis heute spürbar.

Der Gewinn beim russischen Diamantenförderer Alrosa ist in diesem Jahr um die Hälfte eingebrochen. Laut den nun von Alrosa veröffentlichten Neunmonatszahlen erwirtschaftete das Unternehmen 61,86 Milliarden Rubel (880 Millionen Euro), 47 Prozent weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum.

Dabei sind die Ursachen des Unglücks weiter ungeklärt. Die technische Aufsichtsbehörde spricht nebulös von schweren hydrogeologischen Gegebenheiten und Projektentscheidungen. Am Freitag, gut drei Monate nach dem Unglück, entließ der seit März amtierende Konzernchef Sergej Iwanow – gleichnamiger Sohn des Putin-Vertrauten und langjährigen Chefs der Kremlverwaltung Sergej Iwanow – den Direktor und den Chefingenieur des Bergbaukombinats „Mirninski“ als Schuldige. Weiteren 22 Managern drohen Disziplinarmaßnahmen.

Der Zustand der Mine wurde allerdings seit längerer Zeit bemängelt. „Alle wussten, dass das früher oder später eintreten wird. Sie wollten bloß kein Geld investieren, als es nötig war, zu verstärken und umzubauen. Natürlich wurde wie immer alles auf den letzten Moment verlegt, und so ist es eben passiert“, beklagte der Abgeordnete des Regionalparlaments Gawril Parachin Fahrlässigkeit. In dem Zusammenhang gab es auch Kritik an Iwanow selbst, dem unzureichende Qualifikation für den Posten vorgeworfen wurde – immerhin war der 37-Jährige zuvor nur als Finanzexperte in Staatsbanken tätig. Nach seinem Amtsantritt nahmen mehrere erfahrene Top-Manager ihren Abschied.


Finanziell verursachte die Katastrophe laut Konzernangaben einen Verlust von bisher umgerechnet 100 Millionen Euro, der gerade das dritte Quartal schwer belastete. Da „Mir“ allerdings immerhin neun Prozent der Alrosa-Gesamtförderung ausmachte und die Wiederinbetriebnahme der Mine laut Iwanow „einige Jahre“ dauern wird, sind auch die kurzfristigen Aussichten getrübt. 2018 werde das Unternehmen jedenfalls kaum den Förderverlust auffangen können, sagte er. Auf das Verkaufsvolumen wird sich das hingegen kaum auswirken, da Alrosa noch größere Diamantenreserven hat.


Nützliche Verbindungen zum Kreml

Der Ergebnisrückgang ist nicht allein dem Grubenunglück geschuldet. Schon zuvor hatte Alrosa prognostiziert, dass sich das Rekordjahr 2016 in den nächsten Jahren nicht wiederholen lasse. Laut Dmitri Gluschakow von VTB Capital glänzte Alrosa im vergangenen Jahr aber auch vor allem auf dem Papier wegen Buchungsbereinigungen infolge der Rubelabwertung. In diesem Jahr schmälerte zudem die geringere Qualität der Diamanten die Verkaufserlöse. Insgesamt erzielte der mehrheitlich staatliche Diamantenförderer drei Milliarden Euro an Einnahmen, ein Rückgang von 16 Prozent.

Die Verkäufe stagnieren nicht allein bei Alrosa: Auch Branchenriese De Beers musste heuer einen leichten Rückgang quittieren: Die Erlöse sanken von 5,2 Milliarden Dollar auf 4,8 Milliarden. Auch wenn es im November einen leichten Aufwärtstrend bei den Verkäufen gab, sind die Profite gering: „Insgesamt ist es eine schwere Zeit für Rohdiamantenhändler, Sightholder (lizenzierte Diamantenhändler) und Produzenten“, schreibt Dudu Harari von der Diamantenbörse Bluedax in einem Branchenreport.


Alrosa hofft allerdings trotzdem in den nächsten Jahren weiter auf schwarze Zahlen. Dabei soll eine Fokussierung auf das Kerngeschäft helfen. Alrosa plant den Verkauf von Gaslagerstätten, die dem Unternehmen noch gehören. Die Investmentgesellschaft Finam verweist auf die nützlichen Verbindungen Iwanows zum Kreml bei diesen Geschäften, da auf der Käuferseite mit Rosneft ebenfalls ein Staatsunternehmen mit bester Lobby bereit stehe.

Möglicherweise steht auch ein SPO an: Die russische Regierung erwägt, ihren Anteil an Alrosa bis 2019 um vier Prozent auf 29 Prozent zu senken. Daneben gehört der Republik Jakutien ein Viertel der Aktien. Weitere acht Prozent werden von lokalen, staatlichen Einrichtungen gehalten. 34 Prozent der Aktien sind im Streubesitz.