Zuckerbergs späte Kehrtwende

Mark Zuckerberg legt neue Rekordzahlen vor, doch künftig soll höhere Sicherheit wichtiger sein als Gewinnmaximierung. Zwar perlt die Russland-Affäre bislang spurlos an Facebook ab. Aber das könnte sich bald ändern.


Colin Stretch hatte einen schlechten Tag. Der Chef-Syndikus von Facebook sah sich am Mittwoch in Washington ziemlich wütenden US-Senatoren gegenüber. Facebooks oberster Anwalt musste einräumen, dass russische Wahlpropaganda 2016 nicht wie zunächst angegeben 126 Millionen US-Bürger erreicht hatte, sondern „um 150 Millionen“, wenn man Facebooks Foto- und Video-Plattform Instagram mit einrechnet.

Das verärgerte die Volksvertreter ebenso wie die Tatsache, dass sich weder von Google, noch von Twitter oder von Facebook die Vorstandschefs die Mühe gemacht hatten, nach Washington zu kommen. Sie hatten es vorgezogen, im Silicon Valley zu bleiben.

Und Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste nun ausgerechnet an dem Tag gestiegene Nettogewinne präsentieren, an dem im Senat Vorwürfe laut wurden, das Unternehmen habe viel zu spät und zu gering auf missbräuchliche Werbung reagiert. Das Nettoergebnis war im dritten Quartal 2017 dank boomender Werbeeinnahmen um glatte 79 Prozent auf 4,7 Milliarden Dollar gestiegen. Das war noch weit kräftiger als der Umsatzanstieg um 47 Prozent auf 10,33 Milliarden Dollar. Trotzdem fiel der Aktienkurs an der Wall Street nachbörslich nach einem kurzen Plus um bis zu 1,8 Prozent.


Denn bei der Vorlage der Zahlen bekräftigte das Management zugleich beinahe flehend, dass die Gewinne bereits im laufenden Quartal nicht mehr so stark steigen könnten, da die Aktivitäten gegen missbräuchliche Werbung, Hasskommentare und Fake News massiv ausgeweitet würden. Die Zahl der für Sicherheit zuständigen Mitarbeiter soll auf 20.000 verdoppelt werden. „Die Sicherheit unserer Gemeinschaft ist wichtiger als die Maximierung der Gewinne“, versprach Zuckerberg, der zuvor noch behauptet hatte, es wäre „verrückt“ anzunehmen, Facebooks Fake-Anzeigen hätten signifikanten Einfluss gehabt.

Ob die späte Kehrtwende reicht, um regulatorische Eingriffe durch die Politik zu verhindern, wird sich zeigen müssen. Am Mittwoch veröffentlichten verärgerte demokratische Abgeordnete massenweise Daten und Informationen zu Troll-Anzeigen aus 2016. Da war ein gekauftes Posting der „Freunde des 2. Zusatzes der Verfassung, Waffenliebhaber & Patrioten“, zugeschnitten auf das Gebiet der USA und Facebook-Mitglieder zwischen 18 und 65, die affin zu Waffenbesitz, der Waffenlobby NRA und ähnlichem sind.

Bezahlt wurde in Rubel über einen Online-Bezahldienst und die Metadaten zeigten klar, dass der Absender aus Russland kam und nicht, wie der Text vortäuschte, eine Gruppe von konservativen Patrioten in den USA war. Für den Beitrag gab es 300.000 „Impressions“.


Überhaupt muss man den Russen eine ungeheure Effektivität bescheinigen. Während die Wahlkampfteams von Hillary Clinton und Donald Trump zusammen rund 81 Millionen Dollar in Facebook-Werbung investiert hatten, gab die größte russische Agentur, die Internet Research Agency aus Moskau, gerade einmal 46.000 Dollar aus. Bei früherer Gelegenheit hatte Facebook eingeräumt, 470 Kreml-nahe Accounts hätten zusammen rund 100.000 Dollar ausgegeben.

Die Angst vor einer möglichen staatlichen Regulierung ihrer Anzeigengeschäfte beschäftigt sowohl Facebook als auch Google und Twitter. Facebook bestreitet mittlerweile 88 Prozent des Werbeumsatzes mit mobiler Werbung. Die Zahl der monatlichen aktiven Nutzer legte um 16 Prozent auf 2.07 Milliarden zu.

An der Wirksamkeit der neuen Anti-Troll-Maßnahmen um diese zwei Milliarden Mitglieder zu schützen, darf aber stark gezweifelt werden. Selbst doppelt so viele Mitarbeiter lösen Facebooks Kernproblem nicht: Es dauert zu lange, bis auf Hinweise reagiert wird oder Probleme selbst erkannt werden. Bis ein Posting überprüft, bewertet und mit einer Warnflagge versehen oder gelöscht wird, vergehen oft Tage. Bis dahin hat eine Meldung ohnehin bereits ihre Runde gemacht, ist tausende Male weiterverbreitet und kommentiert worden. Der Schaden ist angerichtet.

Eine wirkliche Lösung wäre erst eine vollautomatische, sofortige Erkennung solcher Einträge durch ein System auf Basis von künstlicher Intelligenz. Aber das ist noch nicht in Sicht.

KONTEXT

Welche Facebook-Dienste die Deutschen nutzen

Mehr als "Gefällt mir"

Facebook ist nicht nur eine Internetseite oder eine App. Das soziale Netzwerk wurde in den vergangenen Jahren kräftig erweitert. Die bekanntesten Teile sind der Facebook Messenger, Instagram und Whatsapp. Das Statistik-Portal Statista hat die Deutschen gefragt, welche Dienste und Produkte sie mindestens gelegentlich nutzen.

Facebook allgemein

72 Prozent nutzen das Social Media Portal. Dabei ist der Unterschied zwischen Männern (73 Prozent) und Frauen (71 Prozent) gering.

Facebook Messenger

Den Facebook-Nachrichtendienst nutzen 43 Prozent der Befragten - Männer wie Frauen.

Instagram

Den Online-Dienst Instagram zum Teilen von Fotos und Videos nutzen 26 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen.

Whatsapp

Den Instant-Messaging-Dienst, der seit dem Jahr 2014 zu Facebook gehört, wird 70 Prozent der Befragten genutzt. Mit 71 Prozent männlichen und 70 Prozent weiblichen Nutzern sind die Unterschiede bei den Geschlechtern gering.