ROUNDUP: Wirecard beschneidet Macht von Chef Braun - Anleger jubeln

ASCHHEIM (dpa-AFX) - Der Zahlungsabwickler Wirecard <DE0007472060> kommt seinen Kritikern entgegen. In einem Vorstandsumbau beschneidet der Dax-Konzern die Macht von Chef Markus Braun. Die Investoren bejubeln die Schritte - im frühen Handel am Montag steigt das Papier in der Spitze um rund 12 Prozent.

Konzernchef Markus Braun muss zumindest einen Teil seiner Macht abgeben, nachdem Ende April eine mit Spannung erwartete Sonderprüfung der Wirecard-Bücher durch KPMG nicht alle Zweifel an den Geschäftspraktiken des Zahlungsdienstleisters hatte ausräumen können. Braun entschuldigte sich laut Mitteilung vom Freitag bei allen "Aktionären, Kunden, Partnern und Mitarbeitern für die Turbulenzen der vergangenen Wochen und Monate". Am Samstag legte er auf Twitter nach: "Es wurden die richtigen Entscheidungen über die Zukunft der Organisation gefällt", teilte er mit.

Wie schon länger ankündigt schafft Wirecard ein Compliance-Ressort, das die Einhaltung von Gesetzen und Regeln überwachen soll. Wie der Konzern am Freitag in Aschheim bei München mitteilte, wird der Bereich auf der Vorstandsebene aufgehängt und soll vom 49-jährigen Amerikaner James Freis geführt werden. Der Manager wird entsprechend zum 1. Juli in den Vorstand berufen. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Thomas Eichelmann, zeigte sich erfreut, dass er mit ihm "einen international anerkannten Compliance Experten" gewinnen konnte.

Zudem wird der Vorstand um zwei weitere Sitze auf dann insgesamt sieben erweitert. In einem neu geschaffenen Vertriebsressort soll der zuständige Top-Manager sämtliche Aktivitäten und Strategien steuern. Auch soll das ebenfalls für das Tagesgeschäft zuständige Ressort des Chief Operating Officer in seinen Zuständigkeiten neu aufgestellt und unter eine neue Leitung gestellt werden. Die in den vergangenen Jahren ebenfalls oftmals kritisierte Finanzmarktkommunikation soll überdies direkt beim Finanzchef Alexander von Knoop angesiedelt werden.

Analysten zeigten sich erfreut. Er begrüße die vom Zahlungsabwickler angekündigten Maßnahmen zum Vorstandsumbau und zur Verbesserung der organisatorischen Prozesse, schrieb etwa Analyst Knut Woller von der Baader Bank. Der Experte hofft, dass sich der Kapitalmarkt nun wieder auf den fundamentalen Wert des Geschäftsmodells von Wirecard fokussiere.

Analystin Heike Pauls von der Commerzbank schrieb, Wirecard habe mit der Ankündigung von Änderungen in der Organisationsstruktur und dem Vorstand bahnbrechende Neuigkeiten bekannt gegeben. Die Ernennung von Freis zum Leiter des neuen Compliance-Ressorts sei von hoher symbolischer Wichtigkeit. Sein Lebenslauf sei makellos.

Der Experte Simon Bentlage von der Privatbank Hauck & Aufhäuser sah in den Maßnahmen einen Schritt hin zur Wiedererlangung des Vertrauens unter den Anlegern.

Unlängst waren bereits Rufe nach dem Rücktritt von Braun, der selbst rund sieben Prozent an Wirecard hält, laut geworden. So sieht sich der Konzern selbst zwar von den in der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" laut gewordenen Vorwürfen des angeblichen Bilanzbetrugs entlastet, weil die Wirtschaftsprüfer von KPMG keine substanziellen Belege für Bilanzfälschung gefunden haben. Allerdings konnte der Bericht Teile der Vorwürfe nicht ausräumen. Stattdessen hagelte es von den Sonderprüfern Kritik - so seien Dokumente teils verspätet und in unzureichender Form bereitgestellt worden, Gesprächstermine wurden demnach immer wieder verschoben.

Wirecard-Chef Markus Braun wird sich den Angaben zufolge künftig auf die strategische Weiterentwicklung des Dax-Konzerns konzentrieren. Aufsichtsratschef Eichelmann, der erst im Januar Wulf Matthias an der Spitze des Kontrollorgans abgelöst hatte, versucht damit offenbar eine Neuordnung und breitere Verteilung der Macht, ohne Braun zu schassen. So hatte Eichelmann unlängst in einem Interview im "Handelsblatt" betont, dass eine Personaldebatte mit Blick auf Braun im Moment "in keinster Weise zum Wohl des Unternehmens" wäre.

Wie am Freitag nochmals betont wurde, will Wirecard nun auch in Märkten außerhalb Europas verstärkt eigene Lizenzen erwerben oder eigenlizenzähnliche Beziehungen eingehen. So hatte sich die Kritik von KMPG Ende April insbesondere auch auf das Geschäft mit Drittpartnern der Bayern bezogen. "Ursächlich sind neben den Mängeln in der internen Organisation insbesondere die fehlende Bereitschaft der Third Party Acquirer, umfassend und transparent an dieser Sonderuntersuchung mitzuwirken", hatte es von den Prüfern geheißen.