ROUNDUP: Triebwerksbauer MTU verdient überraschend gut - Aktie sackt dennoch ab

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Die Erholung des Luftverkehrs von der Corona-Krise hält den Münchner Triebwerksbauer MTU <DE000A0D9PT0> auf Wachstumskurs. Zwar schickten Fluggesellschaften nicht ganz so viele Jets in die Wartungsbetriebe des Konzerns wie noch im Frühjahr gedacht. Doch der starke US-Dollar trieb den Umsatz in Euro nach oben, und an Laufzeitverträgen mit Airlines verdiente der Dax-Konzern <DE0008469008> sogar mehr als erwartet. Vorstandschef Reiner Winkler hält daher an dem Ziel eines Rekordumsatzes für 2022 fest und will auch den Gewinn im Tagesgeschäft wie geplant steigern. Dennoch ging es für die MTU-Aktie nach der Zahlenvorlage am Mittwoch abwärts.

Am Morgen verlor das Papier vorübergehend rund viereinhalb Prozent an Wert. Um die Mittagszeit gehörte es mit einem Abschlag von noch gut zwei Prozent auf 188,45 Euro immer noch zu den schwächsten Titeln im Dax. Damit wird das Papier jedoch noch rund fünf Prozent teurer gehandelt als zum Jahreswechsel, während es für den Dax seitdem um 17 Prozent nach unten gegangen ist. Das Rekordhoch von 289,30 Euro von Anfang 2020 ist jedoch immer noch weit entfernt.

In früheren Jahren hatte die MTU-Führung bei der Vorlage der Zwischenbilanz im Sommer oft ihre Jahresziele angehoben. Diesmal hätte sie ihre Umsatzprognose sogar kappen müssen, wenn der starke Dollar den schwächeren Nachfrageanstieg im Wartungsgeschäft nicht ausgleichen würde.

So aber sehen MTU-Chef Winkler und Finanzvorstand Peter Kameritsch den Triebwerksbauer auf Kurs zu seinen Jahreszielen. So soll der Umsatz auf 5,2 bis 5,4 Milliarden Euro steigen. Der um Sonderfaktoren bereinigte operative Gewinn soll den Vorjahreswert von 468 Millionen Euro um rund ein Viertel übertreffen. Damit bleibt der operative Rekordgewinn von 757 Millionen Euro aus dem Jahr 2019 noch ein ganzes Stück entfernt.

Unerwartet gut macht sich laut MTU das Getriebefan-Triebwerk für die Mittelstreckenjets aus Airbus' <NL0000235190> Modellfamilie A320neo. Der Antrieb müsse seltener zur Wartung als gedacht, berichtete Winkler in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Dadurch steige zwar der Wartungsumsatz des Konzerns weniger stark. An Laufzeitverträgen mit den Flugzeugbetreibern verdiene das Unternehmen aber wegen des geringeren Aufwands mehr, erläuterte Kameritsch.

Der sogenannte Getriebefan-Antrieb der Raytheon-Technologies-Tochter <US75513E1010> Pratt & Whitney ist einer der beiden Triebwerkstypen, unter denen die Käufer von Airbus' meistgefragter Modellreihe auswählen können. MTU steuert wesentliche Teile zu dem Triebwerk bei und betreibt eine eigene Endmontagelinie für die kompletten Antriebe.

Der weltgrößte Flugzeugbauer Airbus will die Produktion der A320neo-Familie von derzeit etwa 50 Maschinen pro Monat auf 75 Stück im Jahr 2025 ausweiten, um seinen immensen Auftragsbestand abzuarbeiten. Während Pratt & Whitney dieses Ausbautempo vergangene Woche in Frage gestellt hatte, ist MTU aus Winklers Sicht "in der Lage, den Hochlauf zu stemmen". Während viele Unternehmen unter Teile-Knappheit leiden und auch Airbus über verspätete Lieferung von Triebwerken klagt, sagte Winkler: "Unsere Lieferkette ist stabil."

Im zweiten Quartal steigerte MTU den Umsatz im Jahresvergleich um 27 Prozent auf fast 1,3 Milliarden Euro. Der um Sondereffekte bereinigte operative Gewinn (bereinigtes Ebit) legte sogar um 54 Prozent auf 159 Millionen Euro zu und übertraf die durchschnittlichen Erwartungen von Analysten deutlich.

Allerdings schrieb MTU 24 Millionen Euro auf den Antrieb für einen Militär-Hubschrauber des Herstellers Sikorsky ab, weil sich ein erhoffter Auftrag des Bundes zerschlagen hat. So hat sich die Bundesregierung statt für Sikorskys Modell King Stallion für den Chinook-Hubschrauber von Boeing <US0970231058> entschieden. An dessen Antrieb ist MTU nicht beteiligt. Wegen der Abschreibung legte der Nettogewinn des Münchner Konzerns im zweiten Quartal nur um 22 Prozent auf 66 Millionen Euro zu.

Die erneuten Verzögerungen von Boeings modernisiertem Großraumjet 777X führten bei MTU hingegen zu keiner weiteren Sonderbelastung. "Wir hätten uns trotzdem gewünscht, dass wir 2023 schon hätten ausliefern können", sagte Finanzchef Kameritsch. Boeing hatte Ende April mitgeteilt, dass sich die Auslieferung der ersten 777X ein weiteres Mal verschiebt - von 2023 auf 2025. Bei der vorigen Verschiebung hatte MTU eine Sonderbelastung von 70 Millionen Euro verbucht.

Zum kommenden Jahreswechsel steht bei MTU ein Wechsel an der Vorstandsspitze an. Winkler gibt seinen Posten Ende 2022 auf - aus persönlichen Gründen, wie der Konzern Anfang Mai mitgeteilt hatte. Nachfolger wird der bisherige Technikvorstand Lars Wagner. Winkler führt MTU seit Anfang 2014. Zuvor hatte er seit 2005 das Finanzressort geleitet und diese Aufgabe bis 2017 parallel zum Vorstandsvorsitz verantwortet.

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