ROUNDUP/Teures Gas: Zahl der Energieberatungen geht durch die Decke

BERLIN (dpa-AFX) - Wegen steigender Energiekosten holen sich viel mehr Bürger als früher Rat von Fachleuten, um den Verbrauch zu reduzieren und um unabhängiger zu werden von Gas und Öl. Auf Basis von Zahlen des ersten Halbjahres rechnet der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) damit, dass seine Experten bundesweit in diesem Jahr 270 000 Energietechnik-Beratungen durchführen werden. 2021 waren es 178 000.

In den Jahren davor waren die Zahlen viel niedriger: 2019 waren es gut 100 000 Beratungen, 2020 etwa 150 000. Der Anstieg der vergangenen zwei Jahre lag an Corona - die Menschen waren viel daheim und beschäftigten sich mehr mit ihrer Wohnung. Dass es von diesem hohen Vergleichsniveau nun weiter steil nach oben geht, verdeutlicht die Bedeutung, die Verbraucher dem Thema Energie derzeit beimessen.

Bei den Gesprächen, die per Telefon, über Online-Tools oder vor Ort durchgeführt werden, geht es nicht nur um die Frage, wie man Energie sparen kann, sondern auch um Infos zum Heizungstausch, um Photovoltaik auf dem Dach und um andere Themen. Die Warteliste für die Gesprächen sei lang, sagt Peter Kafke, Teamleiter Energieberatung beim vzbv. "Wir arbeiten jetzt noch Anfragen vom Februar ab."

Die Verbraucherzentrale Brandenburg berichtet, dass es dieses Jahr bisher in jeder zweiter Verbraucherberatung um das Thema Energie gegangen sei. 2021 war es jede dritte gewesen, 2020 nur jede vierte.

Die Verbraucherzentrale Hessen verzeichnet einen steilen Anstieg der Nachfrage nach Rechtsberatungen in Energiefragen. In den Vorjahren habe man in einem Halbjahr zwischen 170 und 200 solcher Gespräche gehabt, im ersten Halbjahr 2022 sei die Zahl auf mehr als 2000 hochgeschnellt. "Das Kernthema sind Preissteigerungen", sagt Philipp Wendt, Vorstand der Verbraucherzentrale Hessen. Die Nachfrage zog bereits im vergangenen Herbst an, als sich Beschwerden über Preiserhöhungen häuften und zwei Discounter Kunden kündigten, die noch relativ günstige Verträge hatten. Hierzu laufen Klagen.

Der Preis für Strom und Wärme ist seit vergangenem Jahr deutlich gestiegen - das bekamen die Verbraucher zu spüren. Da Russland seine Gaslieferungen über die Nord Stream 1 Pipeline vorerst eingestellt hat und möglicherweise auch nach Wartungsarbeiten nicht wieder hochfährt, könnte sich die Situation bald wesentlich verschärfen. Die Bundesnetzagentur geht mit Blick auf die Heizperiode im Herbst und Winter von großen Preissprüngen aus. Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland kürzlich: "Ab 2023 müssen sich Gaskunden auf eine Verdreifachung der Abschläge einstellen, mindestens."

Auch die Stadtwerke bieten Energieberatungen an, dort geht die Nachfrage ebenfalls durch die Decke. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) berichtet von zahlreichen Mitgliedsunternehmen, die im ersten halben Jahr einen Nachfrageanstieg um mehr als 100 Prozent verbuchten, bei einigen ging es noch steiler nach oben. "Das Interesse daran, welche Möglichkeiten es gibt, um weg von fossilen Brennstoffen zu kommen, ist sehr hoch", sagt ein Sprecher. Häufig gehe es um Photovoltaik-Anlagen oder um Wärmepumpen. Bei den Stadtwerken München kam es Firmenangaben zufolge bei den Vor-Ort-Beratungen im ersten Halbjahr zu einer Verfünffachung.

Schon jetzt seien viele Verbraucher wegen der höheren Kosten finanziell am Limit, sagt der hessische Verbraucherschützer Wendt. Sollte die Bundesregierung die Gasmangellage ausrufen und es dann weitere Preisaufschläge geben, "dann werden wir überrannt mit Anfragen besorgter Verbraucherinnen und Verbraucher".

"Vor allem die Menschen, die bisher gerade so hinkommen mit ihrem Einkommen und nichts auf die hohe Kante legen können, werden von Energieschulden geradezu aufgefressen werden", sagt Wendt. Von der Politik fordert der Verbraucherschützer ein Verbot von Strom- und Gassperren bei säumigen Kunden. "Nächstes Jahr muss man schauen, wie man die Haushalte entschuldet bekommt: Der Staat wird Geld bereitstellen müssen und die Energieversorger werden auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssen."

Nach Darstellung vom vzbv-Experten Kafke hat sich die Sicht der Verbraucher auf das Thema Energie grundlegend geändert. "Früher mussten wir das Thema Energiesparen anpreisen - die Menschen waren skeptisch und Komforteinschränkungen waren tabu." Heute sei das Interesse der Menschen an dem Thema hingegen sehr groß.

Wie kann man den im Herbst und Winter absehbaren Anstieg seiner Heizungskosten denn abbremsen? Weniger heizen und bewusster heizen - also nur da, wo es nötig ist, sagt Kafke. "Wenn es vier Grad weniger warm ist, spart man in Bezug auf die Raumheizung ein Viertel Energie." Häufig sei den Menschen gar nicht klar, wie warm sie es zu Hause hätten. "Wenn ein Raum 22, 23 oder sogar 24 Grad warm ist, dann ist das Einsparpotenzial groß." Dessen würden sich die Verbraucher allmählich bewusst.

Den Warmwasser-Verbrauch könne man absenken, indem man weniger und kürzer dusche. Generell sei es wichtig, dass dem Verbraucher das Thema Energiesparen präsent sei - "und dass man nicht vergisst, die Heizung runterzudrehen, wenn man die Wärme gar nicht braucht", sagt Kafke.

Und wie geht es weiter? Der Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Brandenburg, Christian Rumpke, ahnt nichts Gutes. "Wir erleben jetzt die ersten Vorboten teurer Energie." Die Entwicklung werde sich beschleunigen. "Energie wird ein knappes und sehr teures Gut." Die Verbraucherzentralen haben daher gewissermaßen einen doppelten Spar-Tipp: Energie einsparen und Rücklagen bilden - um gewappnet zu sein für die Bewältigung der absehbar hohen Kosten.

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