ROUNDUP: Nord Stream 1 ohne Gas - Warnung vor Rezession und 'Zerreißprobe'

BERLIN/LUBMIN (dpa-AFX) - Wie sicher ist die Gas- und Energieversorgung in Deutschland? Ab Montagmorgen wird Nord Stream 1, die zuletzt wichtigste Verbindung für russisches Erdgas nach Deutschland, für planmäßige Wartungsarbeiten abgeschaltet. Unter anderem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat jedoch akute Bedenken geäußert, dass Russland den Gashahn auch nach Abschluss der Wartung nicht mehr aufdrehen könnte. Wie würde es dann weitergehen - und was bedeutet die gedrosselte Gasversorgung schon jetzt?

Industrie sieht sich vorbereitet - Angst vor Rezession

Derzeit ist die Gas-Versorgung in Deutschland noch stabil. Selbst eine dauerhafte Abschaltung von Nord Stream 1 hätte wohl keine unmittelbaren Konsequenzen. Bei einer Mangellage wäre die Industrie aber als Erste von Abschaltungen betroffen. Als geschützt gelten hingegen private Haushalte, öffentliche Einrichtungen sowie die Gesundheitsbranche, etwa mit Krankenhäusern.

Vor allem in der energiehungrigen Chemie- und Pharmaindustrie sind die Sorgen vor einem Gasmangel groß. Die Branche ist laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher. Sie braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung in Produkten - etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln. Die Preise für Gas seien "atemberaubend" hoch, sagte VCI-Präsident Christian Kullmann. Um lieferfähig zu bleiben, stocke die Branche Lager auf, um Kunden im Krisenfall trotzdem weiter versorgen zu können.

"Wir bereiten uns für eine Drosselung oder sogar Einstellung der Gasimporte vor", sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Die Unternehmen im Süden und Südosten Deutschlands würden wegen des Pipeline-Systems als Erstes leiden. Im Norden und Westen ist die Versorgung über Häfen hingegen einfacher.

Auch in anderen Unternehmen laufen längst Vorbereitungen für den Ernstfall. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag befürchtet bei einem Totalausfall russischer Gaslieferungen allerdings trotzdem eine tiefe Rezession in Deutschland. Präsident Peter Adrian sagte der Deutschen Presse-Agentur, der DIHK schließe nicht aus, dass die Wirtschaftsleistung in einem solchen Fall in den Wintermonaten sogar um einen zweistelligen Prozentwert abstürzen könne. Adrian forderte die Bundesregierung zu Entlastungen auf, damit Firmen schneller Alternativen zum Gas einsetzen können.

Wissenschaftler vorsichtig optimistisch

Wie hoch ist die Gefahr eines Gasengpasses tatsächlich? Beim Blick auf vor kurzem veröffentlichte Berechnungen der Bundesnetzagentur konnte man durchaus in Sorge geraten, denn in immerhin drei von sieben Szenarien ergab sich dabei ein Gasmangel im kommenden Winter.

Eine jüngere Gemeinschaftsdiagnose von mehreren deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten kommt dagegen zum Schluss, dass selbst bei einem sofortigen Komplett-Stopp von Nord Stream 1 auch im ungünstigsten Fall dieses Jahr kein Gasengpass mehr drohe und im kommenden Jahr auch nur in eher ungünstigen Szenarien.

Die Wirtschaftswissenschaftler haben dafür 1000 Kombinationen aus 26 Faktoren gerechnet, wie Stefan Kooths vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) erklärt. Dadurch simuliere man verschiedene Szenarien. In der Mitte der Prognosen sehen die Forscher keine Gaslücke mehr in diesem oder kommenden Jahr. Das liegt vor allem daran, dass sich die Speicher gefüllt haben. Völlige Entwarnung geben sie aber nicht. Bei einem kompletten Lieferstopp im Juli ergebe sich für kommendes Jahr im schlimmsten der 1000 Szenarien eine Gaslücke von 157 600 Gigawattstunden. Nimmt man die Nummer 200 der ungünstigsten Szenarien, sind es aber nur noch 23 800 Gigawattstunden, die fehlen.

Warnung vor der gesellschaftlichen "Zerreißprobe"

Doch was ist mit den hohen Energiepreisen? "Auch wenn wir in keine Gasnotlage kommen, bleibt das Gas teuer", sagte Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller dem "Focus". Dabei seien die Folgen der aktuellen Gasknappheit preislich bei den Verbrauchern noch gar nicht angekommen. "Das kann für eine Familie schnell eine Mehrbelastung von 2000 bis 3000 Euro im Jahr bedeuten. Da ist die nächste Urlaubsreise oder die neue Waschmaschine dann oft nicht mehr drin." Deutschland drohe eine "Gasarmut".

Sollten die Preise tatsächlich in diesem Maße steigen - etwa weil die Bundesnetzagentur den Energieversorgern erlaubt, gestiegene Preise an die Verbraucher weiterzugeben - hält Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Grüne) ein Moratorium für Strom- und Gassperren für nötig. Einerseits müsse sichergestellt werden, dass die Versorger die Energieversorgung im Land aufrechterhalten können, sagte Lemke der "Bild am Sonntag". "Und andererseits darf niemandem in solch einer Krisensituation der Strom oder das Gas abgestellt werden, weil er mit einer Rechnung in Verzug ist."

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnte vor einer "sozialen Zerreißprobe". Bewegungen wie die Gelbwesten in Frankreich seien auch in Deutschland möglich, sagte Fratzscher dem "Handelsblatt". "Die gegenwärtige Krise könnte der letzte Tropfen sein, der das Fass der zunehmenden sozialen Spaltung zum Überlaufen bringt." Der DIW-Chef forderte höhere Löhne und eine dauerhafte Anhebung der Sozialleistungen. Die Politik sollte nicht versuchen, "mit Placebos wie Einmalzahlungen Menschen ruhig zu stellen".

Bundeswirtschaftsminister Habeck sprach im Interview mit dem Deutschlandfunk ebenfalls von einer drohenden "Zerreißprobe". Sollte das "Albtraum-Szenario" einer Gas-Unterversorgung Realität werden, rechne er mit heftigen Debatten, sagte Habeck. "Das wird Deutschland vor eine Zerreißprobe stellen, die wir lange so nicht hatten", fügte er hinzu. "Das wird die gesellschaftliche Solidarität bis an die Grenze und wahrscheinlich darüber hinaus strapazieren."

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