ROUNDUP: Der Machtkampf zwischen Conte und Renzi bewegt Italien

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ROM (dpa-AFX) - Die Italiener sind schnelle Regierungswechsel und politische Dramen gewohnt. Doch das Duell zwischen Ministerpräsident Giuseppe Conte und dem früheren Premier Matteo Renzi mitten im Kampf gegen die Corona-Pandemie macht viele fassungslos.

Renzi hatte mit seiner Splitterpartei Italia Viva am Mittwoch die Mitte-Links-Koalition platzen lassen. Die steht damit ohne Mehrheit im Parlament da. Die großen Koalitionspartner Fünf-Sterne-Bewegung und Demokratische Partei (PD) suchten am Donnerstag nach Lösungswegen aus der Krise. Conte, dessen Verbleib auf der Kippe stand, erhielt viel Zuspruch, auch in sozialen Medien.

Außenminister Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung kritisierte das Vorgehen Renzis scharf. Er sprach auf Facebook von einer "unverantwortlichen Geste" in einer dramatischen Weltlage. Zugleich forderte er eine Rückkehr zur Vernunft. Viele ähnliche Äußerungen mit doppelter Botschaft machen deutlich, wie kompliziert und verfahren die Lage in Rom gerade ist.

Das Zwei-Kammern-Parlament unterbrach deswegen zeitweise die Sitzungen. Der Präsident der Abgeordnetenkammer, Roberto Fico, forderte den parteilosen Premier im Namen aller Fraktionen auf, die Situation im Parlament zu erläutern, wie die Nachrichtenagentur Ansa schrieb.

In den Medien des Mittelmeerlandes wurde über mehrere Optionen spekuliert: Danach könnte der 56-jährige Conte nach neuen Mehrheiten suchen. Auch ein schneller Rücktritt des Juristen galt als möglich. Er war 2018 eher überraschend an die Spitze einer damals noch anderen Regierung des Mitte-Rechts-Spektrums gerückt, genannt "Conte 1". Seit September 2019 führt er das aktuelle Bündnis ("Conte 2").

Außerdem kursierten Ideen über eine sogenannte Einheitsregierung, an der auch Parteien der rechten Opposition wie die konservative Forza Italia von Ex-Premier Silvio Berlusconi beteiligt sein könnten. Eine Rückkehr von Italia Viva (Italien lebt) ins Kabinett wurde ebenfalls nicht ausgeschlossen. Renzi, der von 2014 bis 2016 Premier war, bestritt am Mittwoch, dass er hauptsächlich Conte von dem Posten im Regierungspalast drängen wolle. Der 46-Jährige sagte aber auch: "Es gibt nicht nur einen Namen für den Palazzo Chigi."

Der Machtkampf der beiden ungleichen Politiker hatte sich in den vergangenen Monaten zugespitzt. Offiziell sorgte ein Streit um die EU-Gelder in der Corona-Krise für den aktuellen Bruch. Renzi forderte, dass Rom auch Kredite des europäischen Rettungsschirms ESM beantragen solle. Die Fünf-Sterne-Bewegung, der Conte nahe steht, lehnt das ab. Die Bewegung stellt seit den Wahlen von 2018 die stärkste Kraft. Renzi wirft den Sterne-Populisten ideologische Sturheit vor. Sie selbst sehen nach der Erfahrung aus der Finanzkrise 2008 den ESM als Instrument der Einmischung Brüssels.

Eine Umfrage des Instituts Ipsos von Anfang der Woche ergab, dass fast die Hälfte der Bürger des Landes die Gründe für die Krise der Regierung nicht versteht. Außerdem kam der frühere Jungstar Renzi, der bei vielen Landsleuten inzwischen als überheblich gilt, auf niedrige Popularitätswerte. Der Politiker aus Florenz war lange eine zentrale Figur bei den aktuell mitregierenden Sozialdemokraten der PD. Dann stieg er dort 2019 aus, in der Zeit, als Conte ein zweites Kabinett bildete - die 66. Regierung der Italienischen Republik. Renzi gründet Italia Viva. Seine Partei kommt bei Umfragen auf magere drei Prozent.

Regierungschef Conte dagegen genießt bei den 60 Millionen Bürgern weiter hohe Sympathien. Nach dem Bruch der Koalition boomte in den Sozialen Netzwerken der Hashtag "#AvantiConte", wo viele auf Renzi schimpften. Andere wiesen darauf hin, dass eine Schwächung der Regierung der rechten Opposition um die Lega des Ex-Innenministers Matteo Salvini in die Hände spiele. Dieser saß bis 2019 im Kabinett "Conte1".

Renzi habe die Regierung wegen seiner Kritik an der Wirtschaftspolitik und einem mangelhaften Konjunkturprogramm Contes verlassen, urteilt der Politik-Experte Wolfango Piccoli vom Institut Teneo. "Außerdem hat der frühere Premier darauf gewettet, dass die meisten politischen Parteien, auch einige Oppositionsparteien, gegen vorgezogene Wahlen sind."