ROUNDUP: Israelische Bodentruppen kämpfen im Gazastreifen - Weltweite Proteste

TEL AVIV/GAZA (dpa-AFX) -Nach drei Wochen heftiger Luftangriffe stoßen seit dem Wochenende auch immer mehr israelische Bodentruppen mit Kampfpanzern gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas vor. Israels erklärtes Ziel ist Zerschlagung der in dem Küstenstreifen herrschenden islamistische Organisation. Terroristen der Hamas und anderer extremistischer Gruppen hatten am 7. Oktober das schlimmste Massaker unter israelischen Zivilisten seit der Staatsgründung Israels 1948 angerichtet. Weltweit kam es zu Protesten gegen Israel angesichts von immer mehr Toten im Gazastreifen. Die UN sprechen von einer prekären humanitären Situation. Im Gazastreifen plünderten Menschen UN-Lebensmittellager.

Israel verstärkt Kämpfe im Gazastreifen

"Wir treten in die nächste Phase unseres Krieges gegen die Hamas in Gaza ein. Aus der Luft, zu Lande und zur See", sagte Israels Armeesprecher Daniel Hagari in einem vom Militär in der Nacht zum Sonntag auf der Plattform X veröffentlichten Video. Dazu wurden nächtliche Luftaufnahmen israelischer Kampfpanzer veröffentlicht, die bereits in bebautem Gebiet aus kurzer Distanz feuerten. Zwei israelische Soldaten seien bei den Kämpfen im nördlichen Gazastreifen verwundet worden, so die Armee.

Als Israel nach dem Hamas-Überfall am 7. Oktober die Mobilisierung von 300 000 Reservisten ankündigte, war von vielen eine großangelegte Bodenoffensive erwartet worden. Tatsächlich aber scheint Israel einen solchen Frontalangriff vermeiden zu wollen, der die Hisbollah im Südlibanon zu einem Angriff auf Israel verleiten und die Armee in einen Zwei-Fronten-Krieg verwickeln könnte. Die Schiitenmiliz ist wie die Hamas mit Israels Erzfeind Iran verbündet. Statt eines plötzlichen Großangriffs setzt Israel deshalb offenbar eher auf eine allmähliche Ausweitung seiner Bodeneinsätze gegen die Hamas.

Netanjahu entschuldigt sich für Vorwürfe gegen Geheimdienst

Israels Regierungschef Netanjahu entschuldigte sich für Vorwürfe gegen den Geheimdienst, ihn nicht vor Kriegsabsichten der Hamas gewarnt zu haben. In einem Post auf der Online-Plattform X, den er am Sonntagvormittag veröffentlichte, hieß es: "Ich habe mich geirrt. Dinge, die ich nach der Pressekonferenz (am Vorabend) gesagt habe, hätten nicht gesagt werden dürfen, und ich entschuldige mich dafür." Zuvor hatte der Ministerpräsident auf X geschrieben, er sei zu keinem Zeitpunkt vor kriegerischen Absichten der Hamas gewarnt worden. Es gab keine Erklärung für den plötzlichen Sinneswandel.

Kaum Berichte aus den Kampfgebieten

Berichte über den Verlauf der Bodenkämpfe im Norden gab es kaum, da die meisten Journalisten ebenso wie Hunderttausende Zivilisten in den Süden des Gazastreifens geflohen waren. Dazu hatte die israelische Armee tagelang aufgerufen, damit die Menschen bei kommenden kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zu Schaden kommen. Zudem waren fast alle Telefon- und Internetverbindungen in und mit dem Gazastreifen rund 36 Stunden ausgefallen, bis sie am Sonntag langsam wieder hergestellt werden konnten.

Iran: Israel hat rote Linien überschritten

Israel hat mit den Angriffen auf Gaza aus Sicht des Irans rote Linien überschritten. "Die Verbrechen der zionistischen Einheit, humanitär und militärisch, haben die roten Linien überschritten, die alle zum Handeln zwingen könnten", sagte Regierungschef Ebrahim Raisi in einem am Samstagabend veröffentlichten Interview dem arabischen Sender Al-Dschasira.

Immer mehr Opfer im Gazastreifen

Die Opferzahlen im Gazastreifen stiegen nach den heftigen Luftangriffen weiter. Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden seit dem 7. Oktober mehr als 8000 Palästinenser getötet und rund 20 000 verletzt. Unterdessen wurde auch Israel wieder mit Raketen aus dem Gazastreifen beschossen. Von weiteren Opfern wurde nichts bekannt. Seit dem 7. Oktober hat Israel 1400 Tote und rund 4000 Verletzte zu beklagen. Zudem wurden vor drei Wochen mindestens 229 Menschen aus Israel in den Gazastreifen verschleppt.

Versorgungslage dramatisch - Menschen plündern UN-Nothilfelager

Die Lage der mehr als 2,2 Millionen Einwohner des Gazastreifens wird immer prekärer. Nach Angaben von Hilfsorganisationen gehen Trinkwasser, Lebensmittel und Medikamente zur Neige. Über den Grenzübergang Rafah aus Ägypten kamen seit Beginn des Kriegs rund 90 Lastwagen. Gebraucht würden 100 - pro Tag. Nach Angaben des UN-Palästinenserhilfswerks UNRWA brachen Tausende Menschen in Lager- und Verteilpunkte für Hilfsgüter ein. Sie hätten dabei Mehl und andere Dinge wie Hygiene-Artikel mitgenommen. "Dies ist ein besorgniserregendes Zeichen, dass die zivile Ordnung nach drei Wochen Krieg und einer festen Belagerung Gazas langsam zusammenbricht. Die Menschen haben Angst, sind frustriert und verzweifelt", erklärte Thomas White, UNRWA-Leiter im Gazastreifen.

Israel kündigt Ausweitung humanitärer Hilfe für Gazastreifen an

Israel will die Lieferung humanitärer Hilfsgüter in den Gazastreifen nach eigenen Angaben erleichtern. Elad Goren von der zuständigen Cogat-Behörde sagte Journalisten am Sonntag, Hilfslieferungen sollten in den kommenden Wochen "dramatisch erhöht" werden. Dies geschehe auf Bitten der USA. Goren sagte weiter, die Wasserversorgung im Gazastreifen sei "nicht auf dem normalen Level", aber ausreichend für humanitäre Bedürfnisse. 90 Prozent des Trinkwassers im Gazastreifen stamme aus dem Palästinensergebiet selbst. Nach israelischen Erkenntnissen gebe es keinen Mangel an Lebensmitteln in dem Küstenstreifen.

Weltweit Kundgebungen gegen Israel und Aufrufe zu Feuerpause

Angesichts des Leidens der Zivilisten im Gazastreifen demonstrierten in zahlreichen Ländern der islamischen Welt Menschen gegen Israel. Nicht nur in Städten wie Istanbul, sondern auch in London oder New York forderten Demonstranten eine Feuerpause. Auch in mehreren deutschen Städten kam es zu wieder zu pro-palästinensischen Kundgebungen. Die größte war am Samstag mit etwa 11 000 Teilnehmern in Berlin unter dem Motto "Global South United". Am Sonntag demonstrierten in Berlin-Mitte etwa 250 Menschen gegen Antisemitismus und Islamismus.

Katar: Eskalation macht Bemühungen um Geiseln "schwieriger"

Katar und Ägypten sind als Vermittler an den Bemühungen beteiligt, die Freilassung der von palästinensischen Extremisten entführten Geiseln zu erwirken. Vor der Ausweitung der Bodeneinsätze in dem von Israel abgeriegelten Küstengebiet hatte es Berichte gegeben, wonach es angeblich Fortschritte bei diesen Bemühungen geben soll. Majed Al-Ansari, Sprecher des katarischen Außenministeriums, sagte dem US-Nachrichtensender CNN am Samstag jedoch, die Eskalation vor Ort mache die Situation nun "erheblich schwieriger". Angehörige riefen Netanjahu auf, sich für die Freilassung der Geiseln einzusetzen und solange von Angriffen auf den Gazastreifen abzusehen.