ROUNDUP/Aktien Europa Schluss: Stabilisierung stockt - Konjunkturängste

PARIS/LONDON (dpa-AFX) - Der jüngste Stabilisierungsversuch an Europas wichtigsten Aktienmärkten hat zur Wochenmitte bereits wieder ihr Ende gefunden. Deutlichere Verluste verhinderte eine zwischenzeitlich positive Tendenz an der Wall Street. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 <EU0009658145> schloss mit einem Minus von 0,84 Prozent bei 3464,64 Punkten. Der französische Cac 40 <FR0003500008> fiel um 0,81 Prozent auf 5916,63 Punkte. Der britische FTSE 100 <GB0001383545> büßte 0,88 Prozent auf 7089,22 Zähler ein.

Neue Inflationsdaten verdüsterten die Stimmung an den Märkten, wie Analystin Sophie Lund-Yates von der Investmentgesellschaft Hargreaves Lansdown feststellte. Im Mai hatten sich die Verbraucherpreise in Großbritannien zum Vorjahresmonat um 9,1 Prozent erhöht. Das war die höchste Rate seit Beginn der Erfassung im Jahr 1997. Derartige Daten heizen nach Ansicht der Analystin Befürchtungen an, die Notenbanken könnten bei der Bekämpfung der Teuerung noch aggressiver vorgehen.

Am Nachmittag standen Aussagen von US-Notenbankchef Jerome Powell im Anlegerfokus. In seiner regelmäßigen Anhörung vor dem US-Senat bekräftigte Powell, dass die Federal Reserve weiter gegen die hohe Inflation vorgehen wird. Die US-Wirtschaft sei sehr stark und könne eine straffere Geldpolitik verkraften, betonte der Notenbankchef. Er verwies zudem darauf, dass die von den Finanzmärkten bereits eingepreisten Zinserhöhungen angemessen seien. Marktteilnehmer bezweifeln allerdings, ob es der Fed gelingen wird, die Wirtschaft angesichts der schnellen Zinswende vor einem harten Absturz zu bewahren.

An der Spitze der Verlierer standen die Öl- und Rohstoffwerte, die unter fallenden Preisen litten. Analyst Carsten Fritsch von der Commerzbank verwies zudem auf das anstehende Treffen von Vertretern der US-Ölindustrie mit US-Präsident Joe Biden. "Biden hatte die Raffinerien in der letzten Woche öffentlich scharf kritisiert und ihnen vorgeworfen, zu wenig Benzin zu produzieren und durch die rekordhohen Verarbeitungsmargen Gewinne auf Kosten der Autofahrer einzustreichen", so Fritsch. "Offenbar geht eine Reihe von Marktteilnehmern davon aus, dass sich die Ölindustrie gefügig zeigen und das Benzinangebot deutlich ausweiten wird."

Stahlwerte litten zudem unter kritischen Analystenstimmen. Unter Druck standen hier ArcelorMittal <LU1598757687> mit 9,6 Prozent Abschlag. Die US-Bank JPMorgan hatte die Aktie von "Overweight" auf "Neutral" abgestuft und das Kursziel von 48 auf 32,50 Euro gesenkt. In der Stahlbranche sei Vorsicht angesagt, schrieb Analyst Luke Nelson. Preise und Profitabilität seien deutlich gesunken, die Lagerbestände in Europa und China hoch und die Wirtschaftsaussichten mau.

Verluste verzeichneten auch konjunkturabhängige Sektoren wie Auto und Chemie. Einen Kurseinbruch von 8 Prozent erlitten dabei Aktien des Recyclingkonzerns Umicore. Die Belgier hatten sich ambitionierte Ziele gesetzt und massive Investitionen angekündigt. Laut Jefferies-Experte Charlie Bentley liegen sie in den kommenden fünf Jahren um 40 Prozent über den Markterwartungen. Damit werde Fremdkapitalbedarf immer wahrscheinlicher.

Defensive Sektoren wie Telekommunikation, Nahrungsmittel und Pharma hielten sich dagegen besser. Orange-Papiere stiegen um 1,7 Prozent, nachdem Barclays die Einstufung der Aktie des Mobilfunkunternehmens von "Underweight" auf "Equal Weight" erhöht hatte. Auch Aktien des Nahrungsmittelkonzerns Nestle <CH0038863350> erwiesen sich als Fels in der Brandung und kletterten um 1,8 Prozent, was den Sektor der Lebensmittelhersteller leicht steigen ließ.

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