ROUNDUP 3/Spitzenwechsel bei Disney: Langjähriger Chef Bob Iger kommt zurück

(Neu: Details, Kursentwicklung aktualisiert)

BURBANK (dpa-AFX) - Beim Unterhaltungsriesen Disney US2546871060 gibt es einen überraschenden Chefwechsel: Der langjährige Konzernlenker Bob Iger kehrt an die Spitze zurück. Iger habe sich bereiterklärt, noch einmal für zwei Jahre die Führung zu übernehmen, teilte Disney in der Nacht zum Montag mit. Er war 15 Jahre lang Disney-Chef. Sein Nachfolger Bob Chapek sei zurückgetreten, hieß es.

An der Wall Street hatte Chapek, der im Gegensatz zum charismatischen Iger als blasser Sachverwalter gilt, von Anfang an einen schweren Stand. Seit Jahresbeginn ist Disneys Aktie um über 40 Prozent gefallen. Auf Igers Rückkehr reagierten Anleger euphorisch - der Kurs stieg im vorbörslichen US-Handel zeitweise um rund zehn Prozent.

So wertet Analyst Brett Feldman von der Investmentbank Goldman Sachs die Personalie aus Anlegersicht positiv. Allerdings komme der Rücktritt von Chapek zu einer für Disney durchaus schwierigen Zeit. Investoren dürften nun von Iger unter anderen erwarten, dass er die langfristigen Ziele für die Streaming-Sparte neu bewertet - mit Blick auf die Balance zwischen Abonnenten-Wachstum und Profitabilität. Auch dürften sie einen Plan erwarten, den Sportsender ESPN vom traditionellen TV via Kabel und Satellit hin zu einem Streaming-Service auszurichten.

Der 71-jährige Iger übernimmt wieder das Ruder in einem schwierigen Moment für Disney und auch die gesamte Unterhaltungsbranche. Der Konzern muss der gesunkenen Ausgabebereitschaft der Verbraucher in Zeiten hoher Inflation Rechnung tragen. Zugleich sinken die Erlöse im Kabel-TV mit Sendern wie ABC in den USA.

Ein besonderes Problem ist aber das Streaming-Geschäft. Es wächst mit Diensten wie Disney+ zwar schnell, schreibt aber tiefrote Zahlen. Allein im vergangenen Quartal brachte es einen operativen Verlust von 1,47 Milliarden Dollar (1,42 Mrd. Euro) ein. Grund sind die hohen Kosten für aufwendig produzierte Filme und Serien, die bisher nicht von den Abo-Erlösen eingespielt werden. Chapek hatte in Aussicht gestellt, dass der Bereich zum September 2024 profitabel arbeiten soll. Für die Verluste kommen die nach der Pandemie-Auszeit boomenden Freizeitparks auf.

Mit dem jüngsten Quartalsgewinn von 162 Millionen Dollar verfehlte Disney die Erwartungen der Börse, die Aktie sackte weiter ab. Chapek kündigte Sparmaßnahmen wie ein Einstellungsstopp und einen Stellenabbau an. Zudem geriet Disney in diesem Jahr ins Visier aggressiver Investoren, die sich bei Unternehmen einkaufen und dann Veränderungen fordern. So forderte der Milliardär Dan Loeb zeitweise, den Sportsender ESPN abzustoßen.

Iger ist der Architekt des heutigen Disney-Konzerns. In seiner Ära kaufte der Unterhaltungsriese das Animationsstudio Pixar, die Firmen hinter der "Star Wars"-Reihe und den lukrativen "Marvel"-Filmen sowie das Hollywood-Studio 21st Century Fox. Und er brachte Disney auf der Zielgeraden seiner Amtszeit ins Streaming-Geschäft. Im Geschäftsjahr 2005 kam Disney auf knapp 32 Milliarden Dollar Umsatz - 2019 vor der Corona-Pandemie waren es bereits 69,6 Milliarden.

Die interne E-Mail, in der Iger seine Rückkehr an die Konzernspitze bekanntgab, kam für die Mitarbeiter so überraschend, dass einige erst an eine gefälschte Nachricht von einem gehackten Account dachten, berichtete das "Wall Street Journal".

Chapeks Vertrag war erst im Sommer bis Ende 2024 verlängert worden. Und Iger hatte mehrfach gesagt, dass er an einem Job bei Disney nicht interessiert sei. Die Gespräche über seine Rückkehr hätten erst vor wenigen Tagen begonnen, schrieb das "Wall Street Journal".

Chapek, der zuvor für die Themenparks zuständig war, hatte 2020 als von Iger selbst bevorzugter Nachfolger übernommen. Disney zog ihn Streaming-Chef Kevin Mayer vor, der sich Hoffnungen auf den Chefposten machte. Mayer verließt den Konzern und war zeitweise Chef der Video-Plattform Tiktok.

Zuletzt lagen Chapek und Iger aber laut Medienberichten im Streit. Der Wirtschaftssender CNBC berichtete, die Spannungen hätten schon frühzeitig mit einem Interview Igers angefangen, in dem dieser Chapek Unterstützung beim Meistern der Pandemie zugesichert hatte. Der neue Chef habe sich jedoch dadurch von seinem mächtigen Vorgänger bevormundet gefühlt, hieß es unter Berufung auf informierte Personen.

Iger war da auch noch als Vorsitzender des Verwaltungsrates Chapeks Chefaufseher und verließ diesen Posten erst vor elf Monaten. Ein Faktor in dem Zerwürfnis sei auch ein von Chapek durchgeführter Konzernumbau gewesen, bei dem die Etat-Verantwortung zentralisiert worden sei, berichtete CNBC bereits im März. Dadurch habe Disney zwar schneller Entscheidungen treffen können, die Chefs einzelner Sparten hätten aber viel Freiheit bei den Ausgaben verloren und seien unzufrieden gewesen, hieß es.

Als ungeschickt galt unter Chapeks Führung Disneys Vorgehensweise in einem Streit mit der Schauspielerin Scarlett Johansson. Sie verklagte den Konzern wegen entgangener Einnahmen, nachdem ihr Film "Black Widow" in der Corona-Pandemie auch online veröffentlicht wurde. Disney konterte, dass Johansson bereits 20 Millionen Dollar bekommen habe. Der Streit wurde außergerichtlich beigelegt, ließ den Konzern aber schlecht dastehen.

Chapek agierte auch unentschlossen im Umgang mit einem Gesetz im Bundesstaat Florida, das in öffentlichen Schulen Unterricht zu Themen wie sexuelle Orientierung und Gender-Identität bis zur dritten Klasse verbot. Der Disney-Konzern, der einen großen Themenpark in dem Bundesstaat hat, äußerte sich zunächst nicht zu dem Gesetz.

Chapek reagierte dann erst nach Protesten von Mitarbeitern, die ihm gezeigt hätten, "wie schmerzhaft unser Schweigen war". Er kündigte den Stopp politischer Spenden in Florida an - sowie Unterstützung für Gruppen, die gegen ähnliche Gesetze in anderen Bundesstaaten kämpfen. Die Parlamentarier des Bundesstaates entzogen Disney daraufhin einen Sonderstatus, der es dem Konzern weitreichende Kontrolle über das Gelände seines Themenparks gab, etwa was Gebühren, Straßen oder Versorgungsinfrastruktur anging. Iger seinerseits kritisierte frühzeitig das Gesetz, weil es Kindern schaden könne.