ROUNDUP 3: Neuer Fresenius-Chef will nach nächster Gewinnwarnung durchgreifen

(neu: Aussage von FMC-Finanzchefin Helen Giza aus Telefonkonferenz mit Analysten, Aktienkurs aktualisiert)

BAD HOMBURG (dpa-AFX) - Der neue Fresenius DE0005785604-Chef Michael Sen will nach der zweiten Gewinnwarnung des Dax DE0008469008-Konzerns binnen weniger Monate durchgreifen. Alle Aktivitäten kämen auf den Prüfstand, kündigte der Manager am Montag an. "Wir bewerten alle Geschäfte, von oben nach unten und in hoher Geschwindigkeit." Das werde in mehr Entschlossenheit resultieren. Währenddessen müssten die Kosten sinken, um mit einem harten Umfeld zurechtzukommen. Man schaue auf das gesamte Portfolio und prüfe die "Möglichkeiten und Herausforderungen" in allen Märkten. Im dritten Quartal steigerte das Unternehmen aus Bad Homburg zwar den Umsatz, der Gewinn fiel aber deutlich.

Der Gesundheits- und Klinikkonzern müsse sich auf die Angelegenheiten konzentrieren, die in "unserer eigenen Kontrolle liegen, auch genannt Selbsthilfe", sagte Sen, der Fresenius seit Anfang Oktober lenkt. Die Produktivität müsse steigen und das Unternehmen entschlossener bei den Kosten werden. Konkrete Maßnahmen nannte er Manager nicht. Schlüssel sei der Fokus auf Rentabilität.

Wegen schwieriger Geschäfte in Nordamerika hatten der Dialysekonzern Fresenius Medical Care (FMC DE0005785802) und die Mutter Fresenius am Sonntagabend die Geschäftsziele für dieses Jahr gesenkt. FMC machen ein Mangel an Pflegekräften in den USA, Lieferkettenprobleme sowie steigende Löhne und Materialkosten zu schaffen. Auch alle anderen Bereiche, besonders der Dienstleister Vamed, seien vom schwierigen wirtschaftlichen Umfeld geprägt, hieß es. Bereits Ende Juli hatten FMC und in der Folge Fresenius die ursprünglichen Ziele korrigiert.

Die Fresenius-Aktie ging über 5 Prozent höher bei 23,37 Euro aus dem Handel. Die FMC-Papiere konnten schlussendlich sogar um über 6 Prozent zulegen. Analyst Graham Doyle von der schweizerischen Großbank UBS kommentierte: Zwar dürften Investoren kaum erfreut sein angesichts des aktualisierten Jahresausblicks, doch der aktuelle Kurs der Aktie des Medizinkonzerns und Krankenhausbetreibers reflektiere bereits geringe Erwartungen. Zudem dürfte die Geschäftsentwicklung besser ankommen, sofern die Zahlen der Dialysetochter FMC herausgerechnet würden.

Wegen des schwierigen Umfeldes verzögerten sich entgegen früheren Erwartungen die Auswirkungen der Verbesserungsmaßnahmen bei den Gesundheitsdienstleistungen in Nordamerika, hieß es von FMC am Sonntag. Daher rechnet Carla Kriwet, die das Unternehmen seit Anfang Oktober führt, im laufenden Jahr nun mit einem Konzernergebnisrückgang im hohen Zehner- bis mittleren Zwanziger-Prozentbereich. Bislang hatte ein Rückgang im hohen Zehner-Prozentbereich auf dem Plan gestanden. Diese Ziele sind währungsbereinigt und vor Sondereffekten.

"Wir konnten die Zahl der offenen Stellen in unseren Dialysezentren reduzieren. Sie blieb aber auf einem hohen Niveau", sagte FMC-Finanzchefin Helen Giza am Montagnachmittag in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Das beeinflusse etwa das Wachstum im Dienstleistungsgeschäft.

Trotz eines Umsatzwachstums um 15 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro im dritten Quartal sank das Konzernergebnis von FMC im Jahresvergleich um 16 Prozent auf 230 Millionen Euro. Vor Sondereffekten fiel das Ergebnis um 17 Prozent auf 231 Millionen Euro. Der um Sondereffekte bereinigte operative Gewinn ging um 8 Prozent auf 470 Millionen Euro zurück. Dabei profitierte das Unternehmen noch deutlich von dem zum US-Dollar schwachen Euro, ohne dessen Auswirkungen es nur ein kleines Umsatzplus sowie einen noch deutlicheren Gewinnrückgang gegeben hätte.

Vor diesem Hintergrund erwartet Fresenius-Chef Sen für 2022 nunmehr einen Rückgang des währungsbereinigten Konzernergebnisses um die zehn Prozent, nach einem bisher avisierten Minus im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich. Im dritten Jahresviertel wuchs der Fresenius-Umsatz um 12 Prozent auf knapp 10,5 Milliarden Euro. Positive Wechselkurseffekte herausgerechnet, wäre es ein Plus von 5 Prozent gewesen. Das um Sondereinflüsse bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern fiel um 9 Prozent auf 949 Millionen Euro, währungsbereinigt waren es minus 17 Prozent. Das Konzernergebnis vor Sondereinflüssen sank um 15 Prozent (währungsbereinigt und inklusive Akquisitionskosten minus 22) auf 371 Millionen Euro.

Wie Kriwet bei FMC hatte Sen Anfang Oktober die Führung von Fresenius übernommen. Er hatte den Posten vom glücklosen Stephan Sturm, der den Konzern etwas mehr als sechs Jahre führte, übernommen und soll das Unternehmen aus der inzwischen seit einigen Jahren anhaltenden Krise führen. Sens Berufung war nicht überraschend gekommen, durchaus aber der Zeitpunkt: Schon bei seinem Antritt als Vorstand der Flüssigmedizinsparte Fresenius Kabi im April 2021 war er als Sturm-Nachfolger gehandelt worden.

So ist Sen ein ausgewiesener Finanzexperte, bei Investoren sehr angesehen und war schon öfter der Mann für die großen Geschäfte. Als Finanzvorstand von Eon DE000ENAG999 war er 2016 für die Abspaltung der Kraftwerksparte Uniper DE000UNSE018 mitverantwortlich. Bei Siemens DE0007236101 verantwortete er 2018 den Börsengang der Medizintechniktochter Healthineers DE000SHL1006. Fresenius kommt nun seine Erfahrung mit Transformationen gelegen.

So gibt es schon länger Kritik von Investoren an der Fresenius-Struktur mit den Sparten Dialyse, Flüssigarzneien, Kliniken und Servicegeschäft. Mitte Oktober machten Berichte die Runde, dass der aktivistische Hedgefonds Elliott bei Fresenius eingestiegen sei und auf eine Entwirrung der komplexen Strukturen drängen könnte. Zuletzt hatte Fresenius bestätigt, Kontakt mit Elliott gehabt zu haben. Laut der "Wirtschaftswoche" beauftrage Sen mittlerweile die US-Investmentbank Goldman Sachs mit der Ausarbeitung einer Verteidigungsstrategie, sollte es zu einer Attacke von Elliott kommen.

An der Aufstellung von Fresenius gab es immer wieder Kritik von Investoren. Schon Ex-Fresenius-Chef Sturm hatte Börsengänge der Kliniksparte Helios und der Dienstleistungssparte Vamed in Betracht gezogen und sich offen für einen Verkauf des FMC-Anteils gezeigt, der bei knapp einem Drittel liegt. Zu solchen Schritten kam es aber nicht.

Die Nachricht vom möglichen Einstieg Elliotts hatte die Aktien beider Konzerne nach oben schnellen lassen. Allerdings hatte nur Fresenius einen Teil der Kursgewinne behaupten können. Die FMC-Papiere waren am Freitag bis auf 26,26 Euro gefallen und hatten sich damit dem erst vor Kurzem erreichten tiefsten Stand seit der Weltfinanzkrise 2009 von 26,19 Euro genähert. Am Montag rutschte das Papier kurz unter diesen Wert, konnte sich aber schnell erholen.

Im bisherigen Jahresverlauf gaben die Fresenius-Aktien um über 34 Prozent und diejenigen von FMC um mehr als die Hälfte nach. Beide gehören damit erneut zu den schwächsten Dax-Titeln. Die Anteile litten in den vergangenen Jahren stark unter der anhaltenden Krise des Konzerns. So sank der Börsenwert von Fresenius seit dem Rekordhoch der Aktie von 80 Euro im Sommer 2017 um rund 70 Prozent auf nur noch rund 13 Milliarden Euro. Die Marktkapitalisierung der Tochter FMC fiel seit dem Höchststand Anfang 2018 ebenfalls um circa 70 Prozent auf noch acht Milliarden Euro.

Fresenius, Deutschlands größter privater Klinikbetreiber, steckt in der Dauerkrise. Der Konzern leidet an den Folgen der Pandemie, in der viele Dialyse-Patienten sterben. Die neue FMC-Chefin Kriwet betonte, man habe mit der Ausarbeitung eines Turnaround-Plans begonnen, "zu dem auch eine Kultur der Leistung und klare Verantwortlichkeiten gehören werden".