ROUNDUP 2: Kraftwerkssparte und Windgeschäft bleiben Siemens-Sorgenkinder

dpa-AFX

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der Technologiekonzern Siemens hat im vierten Quartal wegen schwacher Ergebnisse im Kraftwerksgeschäft sowie Verlusten beim Windkraftunternehmen Siemens Gamesa Federn lassen müssen. Seine Gesamtjahresziele konnte der Konzern dennoch erreichen und einen Milliardengewinn erzielen. Aktionäre können sich nun auf eine höhere Dividende von 3,70 Euro je Aktie freuen. Für das neue Geschäftsjahr erwartet das Management jedoch weiteren Gegenwind: Hohe Kosten für den geplanten Stellenabbau unter anderem in der Kraftwerkssparte sowie der starke Euro dürften das Ergebnis belasten. Die Aktie verlor am Mittag fast 2 Prozent.

Dabei entwickeln sich die meisten Geschäfte von Siemens gut, insbesondere die mit Software und digitalen Dienstleistungen, Medizintechnik oder auch die Zugsparte, wie Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz in München sagte. Die Problemfälle trüben jedoch die Stimmung. Trotz eines Milliardengewinns von netto 6,1 Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr steht der Konzern vor erheblichen Einschnitten - betroffen sind neben der Kraftwerkssparte, die Prozessindustrie und das Windenergiegeschäft. "Für das Geschäftsjahr 2018 liegt sehr viel Arbeit vor uns", kommentierte Kaeser.

Für das bis Ende September 2018 laufende Geschäftsjahr kündigte der Konzern ein leichtes Wachstum beim Umsatz an. Der Gewinn dürfte gleich durch mehrere Faktoren belastet werden: Erwartete niedrigere Margen im Kraftwerksgeschäft sowie bei Siemens Gamesa, hohe Kosten für den anvisierten Personalabbau sowie den starken Euro. Dessen negative Effekte auf das Ergebnis bezifferte Finanzvorstand Ralf Thomas auf einen niedrigeren dreistelligen Millionen-Euro-Betrag. Dagegen stehen die Milliardenerlöse aus dem Verkauf der letzten Anteile an dem Lichtkonzern Osram.

Siemens will im laufenden Geschäftsjahr 2017/18 (Ende September) ein unverwässertes Ergebnis je Aktie von 7,20 bis 7,70 Euro erreichen - allerdings bereinigt unter anderem um Aufwendungen für Personalrestrukturierungen. Besonders die Kraftwerkssparte steht wegen der schwachen Geschäfte vor harten Einschnitten. Die Arbeitnehmervertreter sollen am 16. November über Details informiert werden. Befürchtet werden die Schließungen von Werken und der Abbau tausender Jobs. "Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, müssen wir reagieren", sagte Kaeser. Der Konzern bekommt wie die Wettbewerber den Boom für erneuerbare Energien und den Trend zur dezentralen Energieversorgung zu spüren, der für einen Nachfrageschwund bei großen Gasturbinen mit Preisdruck und Überkapazitäten gesorgt hat.

Aber auch in der Sparte Prozessindustrie und Antriebe stehen weitere Einschnitte bevor. Das Geschäft schwächelt seit einiger Zeit. Hier konnte Siemens im Schlussquartal erste Erfolge jüngster Einsparungen erzielen. Dennoch wollte Finanzvorstand Thomas noch keine Entwarnung geben. Weitere "strukturelle Anpassungen" seien notwendig. Ein weiteres Problemkind ist das Windturbinengeschäft. "Siemens Gamesa ist bisher deutlich unter seinen Möglichkeiten geblieben", sagte Finanzchef Thomas. Erst zu Beginn der Woche hatte Siemens Gamesa den Abbau von 6000 Stellen und eine Ausdünnung der Produktpalette für Land-Windturbinen angekündigt. Siemens hält an dem mittlerweile in Spanien börsennotierten Geschäft noch die Mehrheit.

Dagegen machen die Vorbereitungen des Börsengangs der Medizintechnik Fortschritte. Kaeser bekräftigte den Zeitplan, nachdem die Sparte im ersten Halbjahr 2018 an die Börse gebracht werden soll. Mit der Fusion von Siemens Gamesa, dem anvisierten Zusammenschluss des Siemens-Zuggeschäfts mit der französischen Alstom sowie dem Medizintechnik-Börsengang verändert sich auch die Struktur von Siemens. Seit längerem wird erwartet, dass Siemens seine Geschäftsfelder verstärkt als eigenständige Unternehmen unter dem Dach einer Holding führen will. Kaeser verneinte jedoch, Siemens in eine Finanzholding umwandeln zu wollen. Eine solche schaffe "keinen Wert" und mache "keinen Sinn".

In welche Richtung sich Siemens in den Jahren nach 2020 entwickeln soll, will Kaeser mit seinem Management in den kommenden Monaten ausarbeiten. Im Laufe des kommenden Jahres will er dabei "zu Ergebnissen kommen". Und auch wenn Kaeser die Bildung einer Finanzholding ablehnt, so machte er aber auch klar: "Wir haben verstanden, dass Konglomerate alten Zuschnitts keine Zukunft haben."