Roches Milliardenwette gegen Bayer

Roche will das Biotechunternehmen Ignyta übernehmen und damit seine Forschung im Krebsbereich erweitern. Der Pharmakonzern wird damit Konkurrent von Bayer, die einen ganz ähnlichen Deal abgeschlossen haben.


Für 1,7 Milliarden Dollar will der Schweizer Pharmariese Roche das amerikanische Biotechunternehmen Ignyta übernehmen. Der Baseler Konzern bietet einen Aufschlag von 70 Prozent gegenüber dem letzten Aktienkurs von Ignyta und will mit der Übernahme seine umfangreiche Forschungs-Pipeline im Krebsbereich um einen weiteren neuen Ansatz erweitern.

Der Deal ist zugleich aber auch eine Wette gegen den Leverkusener Bayer-Konzern. Denn Bayer hat erst vor wenigen Wochen einen Deal mit einer anderen US-Biotechfirma, dem Unternehmen Loxo Oncology, besiegelt, der genau auf den gleichen Wirkmechanismus zielt. Um die Rechte an den beiden wichtigsten Entwicklungsprojekten von Loxo zu erwerben, zahlt Bayer vorab 400 Millionen Dollar an Loxo und verpflichtet sich zu weiteren Zahlungen von zusammen bis zu 1,15 Milliarden Dollar in Abhängigkeit von bestimmten Zulassungs- und Vermarktungserfolgen.

Die Wirkstoffkandidaten von Loxo und Ignyta richten sich beide gegen genetische Mutationen bei bestimmten Signalstoffen, den so genannten Tropomyosin-Rezeptor-Kinasen (TRK), die unter anderem für die Verbindungen zwischen Nervenzellen eine Rolle spielen. Mutationen der TRK wirken bei bestimmten Krebspatienten als maßgeblicher Treiber für das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen.


Loxo hat Larotrectinib in 17 Krebsarten getestet und schätzt, dass bei jeweils etwa einem Prozent der Patienten die TRK-Mutationen die entscheidende Rolle spielt. Von insgesamt 55 behandelten Patienten mit der Mutation haben nach Angaben von Bayer und Loxo 75 Prozent auf den Wirkstoff angesprochen, unabhängig vom Alter und Tumortyp, was in der Krebstherapie als hohe Quote gilt. Bayer und Loxo wollen die Wirkstoffe daher nicht für bestimmte Krebsarten in die Zulassung bringen, sondern generell für den Einsatz bei den spezifischen Mutationen.

Die gleiche Strategie verfolgt im Prinzip auch die nun von Roche übernommene Firma Ignyta mit ihrem Wirkstoffkandidaten Entrectinib. Auch der zeigte bisher in klinischen Studien Ansprechraten von 80 Prozent. Beide Substanzen werden von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA als Therapiedurchbruch eingestuft. Letztlich werden wohl die Daten aus den abschließenden klinischen Studien darüber entscheiden, welcher der beiden Konkurrenten bei der Zulassung und später auf dem Markt die Nase vorn haben wird.

Klar ist aber schon jetzt, dass diese Wirkstoffe den Weg zu einer neuen Konzeption bei der Zulassung von Krebsmittel ebnen könnten. Denn sie tragen besonders deutlich der Tatsache Rechnung, dass Krebs eine genetische Krankheit ist, für die nicht der Entstehungsort im Körper entscheidendes Merkmal ist, sondern die spezifischen genetischen Veränderungen, die das Zellwachstum antreiben.


Im Mai hatte die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erstmals ein Krebsmittel für den Einsatz bei einer bestimmten Genmutation zugelassen, unabhängig von der Krebsart. „Solche Beispiele werden wir häufiger sehen“, zeigt sich der Chef der Bayer-Pharma-Sparte, Dieter Weinand, überzeugt. Roche-Pharmachef Daniel O’Day sieht die Übernahme von Ignyta als Teil der Strategie von Roche, die Krebsbehandlung gezielt auf Patienten zuzuschneiden.

Die Krebstherapie ist nicht das einzige Feld, in dem sich der Wettbewerb zwischen den beiden Pharmakonzernen verschärft: Mit seiner erfolgreichen Neuentwicklung Ocrevus hat Roche im vergangenen Jahr seine Präsenz im Bereich der Multiple-Sklerose-Behandlung deutlich verstärkt, wo Bayer mit dem Mittel Betaferon vertreten ist.

Als neuer Konkurrent von Bayer tritt der Baseler Konzern nun zudem auch in der Behandlung der Bluterkrankheit an. Dem vor wenigen Wochen in den USA erstmals zugelassenen Mittel Hemlibra trauen Analysten Umsätze von mehreren Milliarden Dollar zu. Das wiederum dürfte Perspektiven für die Bayer-Produkt Kogenate und Kovaltry beeinträchtigen.