Roche oder Celgene: diese Fakten sollten Anleger unbedingt kennen, um ähnlich wie Warren Buffett zu investieren

Dr. Stefan Graupner, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Sowohl Roche (WKN:855167) als auch Celgene (WKN:881244) haben beide eine der besten Pipelines von Medikamentenkandidaten gegen Krebs, allerdings konnten Neuigkeiten beider Firmen in den letzten Wochen unterschiedlicher nicht sein. Während Celgene geradezu einbrach nach negativen Phase III-Daten, konnte Roche gleich mehrfach Erfolge vermelden. Doch wer hat die besseren Karten über die lange Sicht?

Was Roche alles so auf der Pfanne hat

Roche ist eine von bisher nur wenigen Pharmafirmen, die den neuen und sehr wichtigen Markt für Checkpoint-Inhibitoren mit ihrem Medikament Tecentriq angehen. Mitbewerber sind hier bisher nur Opdivo von Bristol-Myers Squibbs sowie Keytruda von Merck.

Dieser Antikörper bindet an den PDL-1-Liganden (engl. Programmed Cell Death Ligand 1), der auf vielen Tumorzellen vorkommt und dort die körpereigene Immunabwehr durch Hemmung von T-Zellen unterbindet. Durch Blockieren der Interaktion zwischen PD-L1 und T-Zell-Oberflächenproteinen können T-Zellen aktiviert werden und so den Tumor zerstören.

Tecentriq ist bisher als Zweitlinientherapie für Lungenkrebs und kleinzelliges Lungenkarzinom zugelassen. In weiteren Studien wird die Aktivität gegenüber Krebs der Niere, Prostata, Darm, Eierstöcke, Brust, solide Tumoren, Melanom, multiples Myelom sowie Leukämie untersucht.

Zudem ist Roche extrem erfolgreich bei HER2-positivem Brustkrebs mit der Kombination Herceptin und Kadcyla, die in 2016 stolze 7,5 Mrd. US-Dollar Umsatz erzielt hat. Nachfolger Perjeta hat eine andere Funktionsweise und eröffnet damit neue Kombinationstherapien, um dieses Segment für Roche nicht nur zu halten, sondern weiter auszubauen.

In diesem Jahr nun endlich hat Roche mit Ocrevus den Markt für Multiple Sklerose (MS) betreten. Nicht nur, dass Ocrevus das effektivste derzeitige Medikament gegen die schubförmig verlaufende Form von MS ist, sondern es ist auch das einzig zugelassene Präparat für die primär progrediente MS. Damit sollte Roche in der Lage sein, einen bedeutenden Teil dieses 20 Mrd. US-Dollar-Marktes zu gewinnen.

Was viele nicht wissen, ist, dass Roche auch in der Diagnostik führend ist. Diese Sparte machte immerhin 23 % des Jahresumsatzes in 2016 aus und wuchs um 7 % in 2016. Und dazu ist dies ein konstant gutes Geschäft mit vielen Synergieeffekten für die eigene Forschung.

Die beste Neuigkeit war kürzlich, dass das neu zugelassene Hemlibra bei Patienten mit Hämophilie A die Überlebenschance gegenüber den gängigen Behandlungsmethoden stark verbesserte. Die Ergebnisse zum Gesamtüberleben sollen im ersten Halbjahr 2018 folgen, so dass auch hier erhebliche Einnahmen zu erwarten sind.

Aber: Kopfschmerzen machen die auslaufenden Patente für Blockbuster (Jahresumsatz > 1 Mrd. US-Dollar pro Jahr) wie Rituxan, Avastin, Herceptin und Lucentis, die zusammen einen Umsatz von mehr als 24 Mrd. US-Dollar in 2014 erreichten.

Entsprechende Biosimilars werden auf den Markt kommen und erheblichen Preisdruck verursachen, so dass Roche wohl nicht nur Marktanteile verlieren wird, sondern auch die Preise insgesamt fallen sollten.

Celgene ist ein Biotech-Monster

Die amerikanische Celgene ist eins der weltweit erfolgreichsten Biotech-Unternehmen überhaupt. Für 2017 erwartet Celgene einen Umsatz von 13 Mrd. US-Dollar, der eine Steigerung von 16 % gegenüber dem Vorjahr bedeuten würde.

Kürzlich jedoch wurde für GED-0301 (Mongersen) die Phase III-Studie gegen Morbus Crohn abgebrochen, da der primäre Endpunkt nicht erreichbar schien. Daraufhin brach die Aktie geradezu ein. Dabei erzeugt dieses Ergebnis „nur“ ein Loch von ca. 750 Mio. US-Dollar.

Gerechtfertigt oder nicht ist Celgene damit für ein so erfolgreiches Biotech-Unternehmen nun geradezu spottbillig zu haben. Bei angenommenen 6,18 Euro Gewinn pro Aktie in 2017 und einem Kurs von 87,50 Euro (28.11.2017) ergäbe sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von gerade einmal 14,2. Jedoch plant das Unternehmen in den kommenden drei Jahren mit je 19,5 % jährlichem Umsatz- und Gewinnwachstum.

Dabei ist das Blutkrebsmedikament Revlimid Celgenes Flaggschiff mit ca. 8 Mrd. US-Dollar Umsatz, der aber dank neuer Indikationen weiter wächst. Und trotz neuer Medikamente auf dem Markt, wirken all diese meist besser, wenn sie zusammen mit Revlimid eingesetzt werden. Damit verliert Celgene nicht, sondern gewinnt noch mehr dazu. Und bis 2027 läuft das Patent in dem wichtigsten Markt USA (in Europa bis 2024).

Celgene wäre nicht da, wo sie ist, wenn es nicht viele weitere Kandidaten mit Blockbusterpotenzial gäbe. Viel wichtiger wird die erwartete Zulassung für Ozanimod sein, das sich in finaler Klinischer Phase gegen MS sowie Colitis ulcerosa befindet.

Interessant ist auch, dass Ozanimod sehr gute Daten gegen Morbus Crohn in Phase II lieferte, so dass ein Spitzenumsatz für alle drei Indikationen von 6 Mrd. US-Dollar realistisch erscheint. Ende 2017 soll schon der Zulassungsantrag für Ozanimod gegen MS eingereicht werden, so dass das Medikament bereits 2018 vermarktet werden könnte.

Ein weiterer Kandidat in der Pipeline ist Luspatercept, das in zwei späten Studien gegen Myelodysplastisches Syndrom sowie Beta-Thalassämie geprüft wird. Eine Zulassung wird für 2019 angestrebt mit Umsatzpotenzial von mehreren Mrd. US-Dollar pro Jahr.

Ein anderer Wirkstoff, Marizomib, hat die seltene Eigenschaft, die Blut-Hirn-Schranke überwinden zu können. Die Blut-Hirn-Schranke schützt das Gehirn vor im Blut zirkulierenden Krankheitserregern, Toxinen und Botenstoffen. Gerade gegen Glioblastome gibt es derzeit kaum ein Mittel.

Dazu kommen unzählige Partnerschaften wie mit Bluebird Bio und Juno Therapeutics, die Celgene zum führenden Anbieter von CAR-T-Therapien machen könnte. Bluebird Bio hat mit bb2121 in Klinischer Phase I von 100 % Wirksamkeit bei Patienten mit Multiplem Myelom berichtet. Das nennt man effektiv, und genau deshalb ist die Zelltherapie die neue medizinische Revolution. Für Celgene bedeutet dies potenzielle Multimilliarden US-Dollar Umsätze.

Eine weitere Partnerschaft besteht mit Jounce Therapeutics, dessen JTX-2011 sich in Klinischer Phase II befindet. Dieser Antikörper ist ein Protein, das T-Zellen durch Bindung aktiviert. Die Erwartung ist, dass Patienten mit geringem Anteil an PDL-1-Liganden dadurch besser auf die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren ansprechen. In 2018 werden dazu Daten erwartet.

Fazit

Sowohl Roche als auch Celgene haben hervorragende Pipelines, doch über Roche hängt das Damoklesschwert der Biosimilars, das viele Milliarden Euro schwer ist.

Celgene hingegen wächst organisch stark und hat dazu so viele Partnerschaften, dass die Umsatz- und Gewinnprognosen für die nächsten Jahre meiner Ansicht nach eher als zu konservativ bezeichnet werden können.

Zudem ist Celgene derzeit so günstig wie selten zuvor – und das bei fast 20 % Umsatz- und Gewinnwachstum pro Jahr. Wenn also Warren Buffett die Wahl hätte, so würde er sich meiner Meinung nach hier klar gegen Roche und für Celgene entscheiden.

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Stefan Graupner besitzt Aktien von Celgene. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Bluebird Bio und Celgene. The Motley Fool empfiehlt Juno Therapeutics.

Motley Fool Deutschland 2017