Roadbook-Verteilung kurz vor dem Start: Die Hintergründe und Auswirkungen

Gerald Dirnbeck

Die Rallye Dakar betritt im Jahr 2020 mit Saudi-Arabien nicht nur ein neues Land, sondern es gibt auch neue Regeln für das Roadbook. Bei den Etappen zwei, drei, fünf, sechs, zehn und elf wird beziehungsweise wurde das Roadbook erst 15 Minuten vor dem Start an die Teilnehmer verteilt. Bei den restlichen sechs Etappen wird das Buch wie gehabt am Abend ausgegeben und die Fahrer beziehungsweise Beifahrer können sich am Abend auf den kommenden Tag vorbereiten.

Veranstalter ASO will damit erreichen, dass die Navigation wieder mehr in den Vordergrund rückt. Kennen die Teams das Roadbook nicht vorab, stehen alle an der Startlinie vor den gleichen Voraussetzungen. Die sogenannten "Mapman" der großen Teams werden somit mehr oder weniger obsolet. Privatfahrer haben theoretisch die gleichen Voraussetzungen wie die Topteams.

Der Wechsel von Südamerika nach Saudi-Arabien war optimal, um die neue Regelung einzuführen, denn in den vergangenen Jahren hatten praktisch alle das Roadbook schon vorab und konnten sich dementsprechend vorbereiten. "Das war natürlich nicht was wir wollten, denn dann können wir auch Rundstrecke fahren, wenn man alles weiß", sagt Jutta Kleinschmidt gegenüber 'Motorsport.com'.

Südamerika: Roadbooks konnten "gekauft" werden

Kleinschmidt gewann im Jahr 2001 die Dakar und arbeitet derzeit als Präsidentin der FIA-Kommission für Cross-Country-Rallyes. "Das größte Problem war, dass die Roadbooks ans Militär und alle Zuständigen vor Ort ausgegeben wurden. Sie haben sehr schnell erkannt, dass das ein lukratives Business ist, wenn man die vorher an die Teams verkauft." Das war die Situation in Südamerika.

Timo Gottschalk ist Beifahrer von Jakub Przygonski

Timo Gottschalk ist Beifahrer von Jakub Przygonski Ellen Lohr

Ellen Lohr

Weil es ein logistischer Kraftakt ist, hat man sich zunächst dazu entschieden, das Roadbook nur bei der Hälfte der Etappen vor dem Start auszugeben. Erstmals getestet hat man dieses Prozedere bei der Marokko-Rallye im vergangenen Oktober. Zuvor gab es Workshops, die Kleinschmidt mit den Beifahrern organisiert hat, um Richtlinien für das kolorierte Roadbook zu erarbeiten.

"Bei meinem ersten Workshop mit den Beifahrern wurde das nicht ganz so positiv gesehen, weil natürlich der eine oder andere gesagt hat, dass ich ihm den Job wegnehme", sagt Kleinschmidt. "Aber jetzt haben alle verstanden, dass es sogar besser ist. Die Challenge ist viel größer, aber auch schwieriger. Es ist super fair. Die Werksteams und Privatfahrer haben die gleichen Voraussetzungen."

Die Beifahrer müssen umdenken

Der Beifahrer ist noch wichtiger geworden, denn er kann vor dem Start nur einen kurzen Blick auf das Roadbook werfen und muss dann intuitiv handeln. "Man muss ein wenig umdenken, aber generell ist man konzentrierter, weil man mehr auf der Hut sein muss", sagt Co-Pilot Timo Gottschalk. "Früher hat man sich Passagen markiert, wo man meinte, sie könnten schwierig sein."

"Es ist für den Beifahrer schon eine härtere Aufgabe. Du musst versuchen, sich in die Person reinzudenken, die das Roadbook geschrieben hat. Wenn man seine eigenen Informationen nicht mehr nutzen kann, muss man dem vertrauen und versuchen ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das gemeint ist. Wie er das schreibt, zeichnet und wie die Distanzen sind."

Gottschalk ist mit der neuen Regelung zufrieden. Einerseits ist es im Auto eine Herausforderung, andererseits hat er an den sechs Abenden mehr Zeit, weil er kein Roadbook vorbereiten muss: "Das ist der große Vorteil. Man kann als Beifahrer jetzt auch mal zur Physio gehen, was man vorher nicht geschafft hat. Oder in Ruhe essen und duschen. Man kann früher ins Bett gehen und ist ausgeschlafener. Das ist schon ein Vorteil davon."

Roadbook soll in Zukunft digital werden

Anders ist die Situation bei den Motorradfahrern, die Einzelkämpfer sind. Nach der dritten Etappe hagelte es von den Bikern Kritik, weil kurz vor dem Schluss ein Wegpunkt falsch verzeichnet war. Die Offiziellen reagierten und korrigierten das Tagesergebnis. Aus dem Motorradlager gibt es bisher positive und negative Stimmen zur neuen Regelung.

"Natürlich ist es eine Umstellung, man muss sich daran gewöhnen", antwortet Kleinschmidt auf die Kritik. "Auf der anderen Seite haben wir gesehen, dass es den Speed etwas herausnimmt. Deswegen würde ich es positiv sehen. Bei den Motorrädern war es auch der Fall, dass sie schneller fahren konnten, wenn sie die ganzen Notizen im Roadbook haben, was ja auch verboten ist."

Langfristig ist es das Ziel, das Roadbook bei allen Etappen erst am Morgen auszugeben. Und im nächsten Schritt soll das Roadbook digital werden, was vor allem für die Veranstalter die Arbeit vereinfachen wird. Im Laufe des Jahres will die FIA das bei zwei Rallyes im Marathon-Weltcup testen und dann entscheiden, wie praxistauglich ein digitales Roadbook ist.

Mit Bildmaterial von X-raid.