RKI-Chef Wieler: Corona stellt Gesundheitskrise bisher unbekannten Ausmaßes dar

Geschlossene Geschäfte auf der Hamburger Reeperbahn

Die eskalierende Corona-Pandemie stellt nach Ansicht des Robert-Koch-Instituts (RKI) ein Krankheitsgeschehen von in Deutschland bislang noch nie erlebten Dimensionen dar. "Wir alle sind in einer Krise, die ein Ausmaß hat, das ich mir selber nie hätte vorstellen können", warnte RKI-Präsident Lothar Wieler am Freitag in Berlin. Sämtlichen Bürgern und Entscheidungsträgern müsse der Ernst der Lage nun klar sein. "Jeder muss das verstehen."

Wieler richtete einen eindringlichen Appell an die Bevölkerung, die bundesweit erlassenen Anordnungen zur Reduzierung sozialer Kontakte umzusetzen, im Alltag genügenden Abstand zu halten und sich im Fall von Krankheitssymptomen verantwortungsbewusst selbst zu Hause zu isolieren. Er betone dies, weil er "überzeugt" sei, dass dies absolut nötig sei. "Wir hatten bislang die Situation einer Epidemie dieses Ausmaßes in Deutschland noch nicht."

Zugleich forderte Wieler alle Krankenhäusern mit Nachdruck auf, sich auf einen nicht mehr aufzuhaltenden Anstieg der Zahl schwer kranker Corona-Patienten einzustellen. "Wir brauchen in den in den Hospitälern so viel wie möglich Beatmungsbetten, wir brauchen so viel wie möglich Intensivbetten." Er rufe seit Wochen dazu auf.

Bundesweit sind laut neuesten Meldezahlen derweil knapp 14.000 Corona-Infektionen registriert, bei weiterhin stark steigender Tendenz. Gegenüber dem Vortag war dies eine Erhöhung um knapp 3000. 31 mit dem Erreger infizierte Menschen starben bislang. "Wir sind in einem exponentiellen Wachstum", bekräftigte Wieler.

Dem RKI-Chef zufolge ist das neue Coronavirus in geradezu idealer Weise dazu geeignet, schwere Pandemie auszulösen. Die "schlimmste Vorstellung" eines jeden Infektionsmediziners sei stets ein Virus gewesen, der sich über Atemwege und Tröpfcheninfektion verbreite und viele Lungenentzündungen auslöse. "Das ist jetzt eingetreten."

Zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus gelten seit Tagen bundesweit erheblichen Einschränkungen. Versammlungen aller Art sind verboten. Schulen, Geschäfte und Sportstätten sind geschlossen. Dazu kommen dringende Empfehlungen, Zusammenkünfte mit anderen Menschen auf ein absolutes Minimum zu beschränken.

Nach Erkenntnissen der Behörden gibt es jedoch weiterhin vielfach Fälle, in denen Menschen die Anweisungen ignorieren. Laut Polizei betrifft dies insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene, die sich weiterhin an öffentlichen Orten versammeln. Die Beamten im niedersächsischen Göttingen etwa berichteten am Freitag auch von Eltern mit Kindern auf Spielplätzen und Gruppen in Cafés.

Göttingens Polizeipräsident Uwe Lührig sprach von einem "Schlag ins Gesicht gegenüber denjenigen, die täglich bis zur völligen Erschöpfung alles geben, um das Virus einzudämmen". Derartiges Verhalten sei "absolut verantwortungslos" und werde geahndet.

RKI-Präsident Wieler verwies auf eine aktuelle Umfrage, wonach ein Viertel der Deutschen nicht bereit sei, soziale Kontakte zu beschränken. Er könne nur um Einsicht bitten. Jüngere Menschen könnten Ältere anstecken, auch sie die Krankheit gut überstünden.

Nach einer Einschätzung des Virologen Christian Drosten könnten sich die Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie über viele Monate ziehen. "Wir müssen vielleicht davon ausgehen, dass wir gesellschaftlich ein Jahr im Ausnahmezustand verbringen müssen", sagte er "Zeit Online" am Freitag. Er rechne aber damit, dass sich nicht alle Gegenmaßnahmen so lange aufrecht erhalten ließen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, warnte vor einer Überforderung der Gesellschaft durch weitere drastische Anordnungen wie eine Ausgangssperre. "Damit schaffen Sie eine gespenstische Atmosphäre, die die Menschen extrem ängstigt", sagte er den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. "Mittelfristig" müsse deshalb auf andere, weniger einschneidende Maßnahmen gesetzt werden. Er denke dabei an eine Isolierung von Risikogruppen bei gleichzeitiger Normalisierung.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte diesen Vorstoß scharf. Es gebe in Deutschland 18 Millionen Menschen im Alter von über 65 Jahren, erklärte Vorstand Eugen Brysch am Freitag. Hinzu kämen Millionen von Menschen mit schweren Erkrankungen. Es sei unmöglich, mehr als ein Viertel der Bevölkerung zu isolieren.