Risiko? Welches Risiko?


Für viele Deutsche ist die Börse ein ganz großes Spielkasino. Dubiose Investoren zocken dort wie verrückt, Privatanleger werden in diesem Spiel permanent übervorteilt. Es droht quasi jederzeit der Totalverlust.

So weit zu den gängigen Stammtischparolen. Natürlich gibt es Risiken an der Börse. Risiko, das ist per Definition ein Ereignis mit möglichen negativen Konsequenzen. An den Kapitalmärkten wären das Kursverluste. Aber: Risiko kann auch ein Ereignis mit positiver Auswirkung sein. Dann bedeutet Risiko die Chance auf Kursgewinne.

An der Börse zählt neben der Risikostreuung über viele Einzeltitel, Branchen und Regionen – im Börsendeutsch Diversifikation – vor allem der Faktor Zeit. Je länger ein Anleger investiert ist, desto geringer das Risiko, Geld zu verlieren. Und desto höher die Chance, eine stattliche Rendite einzufahren.

Wie hoch diese Chancen im Laufe der Zeit werden, zeigt das Rendite-Risiko-Radar von Donner & Reuschel. Es ermöglicht die realistische Einschätzung von Ertragschancen und Verlustrisiko für verschiedene Kapitalanlagen. „Viele Anleger lassen sich von ihrer emotionalen Einschätzung leiten“, sagt Carsten Mumm, Leiter Kapitalmarktanalyse der Privatbank. „So fühlen sich kurzfristige Verluste an der Börse dramatisch an, obwohl die Kapitalanlage ja mit dem langfristigen Blick betrieben wird, beispielsweise für die Altersvorsorge.“


Und gerade dieser langfristige Blick ist wichtig. Das zeigt auch das Rendite-Risiko-Radar. Nutzer können wählen, welche Indizes – Aktien, Anleihen, Immobilien und Rohstoffe – angezeigt werden. Auch eine Kombination ist möglich. Über einen Schieberegler wird dann die gewünschte Gewichtung eingestellt. Die Grafik zeigt dann, wie sich ein Depot im Laufe der Zeit entwickelt hätte. Je dunkler der Grünton, desto höher die Rendite. Je knalliger das Rot, desto höher die Verluste. Die genaue Rendite wird sichtbar, wenn man mit dem Mauszeiger über die Grafik fährt. Gerade bei Aktieninvestments zeigt sich, dass der Faktor Zeit entscheidend ist, das Verlustrisiko mit den Jahren schwindet, und die Chance auf satte Gewinne steigt.

Der Dax etwa weist ab einer Haltedauer von zwölf Jahren keine Verluste mehr auf. Und wer beispielsweise von 1996 bis 2017 investiert war, kann sich über eine durchschnittliche jährliche Rendite von 7,15 Prozent pro Jahr freuen – trotz mehrerer heftiger Crashs. Ein Depot, das nur auf deutsche Standardwerte setzt, ist natürlich schlecht diversifiziert. Wer internationaler anlegt, zum Beispiel zu jeweils 50 Prozent auf den US-Standardwerte-Index Dow Jones und sein europäisches Pendant, den Euro Stoxx 50, fuhr im selben Zeitraum eine durchschnittliche Rendite von 5,75 Prozent pro Jahr ein.


Auch ein reines Aktiendepot entspricht natürlich nicht einer guten Risikostreuung über mehrere Anlageklassen. Anleihen, Rohstoffe oder Immobilien sollten je nach Risikoneigung und Anlageziel ebenfalls ins Depot. Wie sich ein solches Portfolio entwickelt hätte, lässt sich mit dem Tool ebenfalls abbilden. Spannend ist es vor allem, sich die langfristige Entwicklung von Aktien anzuschauen. „Es zeigt sich, dass gerade risikoreichere im Sinne von stärker schwankenden Anlagen wie beispielsweise Aktien langfristig auch die größten Ertragschancen bieten“, sagt Mumm. „Wer also einen Anlagehorizont von mehreren Jahren hat, braucht sich um zwischenzeitliche Schwankungen nicht zu sorgen.“

Das ist im Krisenfall allerdings sehr schwierig, weil Emotionen – also Angst und Panik – einem Anleger besonders bei stärkeren Kursverlusten nahelegen, Aktien zu verkaufen. „Oftmals werden dann ohne Grund erhebliche Verluste realisiert“, so der Experte. „Das führt sogar dazu, dass sich Anleger für immer von den Börsen verabschieden. Folglich kann eine negative Wertentwicklung nie wieder aufgeholt werden.“ Dabei würde sich gerade bei niedrigeren Kursen der Einstieg lohnen. Im täglichen Leben kauft man schließlich auch lieber zu niedrigen Preisen – an der Börse schreckt das viele ab.


Der Geldanlagestau vergrößert sich


Doch die Deutschen sind einfach kein Volk von Aktionären. Daran hat weder die Börsenrally der vergangenen Jahre mit immer neuen Rekorden noch die Niedrigzinsphase etwas geändert. Die deutschen Privatanleger meiden Aktien nach wie vor, sind im internationalen Vergleich eher risikoscheu. Nur gut neun Millionen Aktionäre und Aktienfondsbesitzer zählt das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Das sind rund 14 Prozent der Bevölkerung. Alle anderen lassen die Finger von dieser Anlageform.

Dabei sind Aktien langfristig die renditestärkste Anlageklasse überhaupt. Das hat sogar die Bundesbank höchstamtlich in einem ihrer Monatsberichte festgestellt. „Viel zu wenig Deutsche nutzen damit die Chancen der Aktienanlage für Vermögensaufbau und Altersvorsorge“, kommentiert das DAI die Zahlen. Und fügt hinzu: „Eine höhere Aktionärsquote würde Deutschland bei der Bewältigung großer gesellschaftspolitischer Herausforderungen, wie etwa der Schwäche des staatlichen Rentensystems vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der zunehmenden Alterung der Bevölkerung, helfen.“

Das Rendite-Risiko-Radar zeige, sagt Kapitalmarktexperte Mumm, wie wenig passend dieser Zocker-Vergleich sei beziehungsweise welche Renditemöglichkeiten Anleger verpassten, wenn sie keine Aktien besitzen. Eine aktuelle Studie der DZ Bank offenbart jedoch einmal mehr, dass die Deutschen ihr Geld lieber mehr oder weniger unverzinst rumliegen lassen, anstatt es in Unternehmensbeteiligungen – nichts anderes sind Aktien schließlich – zu investieren. Die Privathaushalte in Deutschland lassen sich zwar in ihren Sparbemühungen nicht von niedrigen Zinsen entmutigen. So stieg die Sparquote 2017 nach Berechnungen der DZ Bank im vierten Jahr in Folge auf zuletzt 9,8 Prozent. „Allerdings hat sich auch der ‚Geldanlagestau‘ vergrößert“, schreibt Volkswirt Michael Stappel.


Hierzulande machte die Direktanlage in Aktien Ende 2017 gerade einmal 7,3 Prozent des privaten Geldvermögens aus. „Selbst wenn man Aktienfonds und Zertifikate hinzurechnet, erreicht der aktienkursreagible Anteil des Geldvermögens weniger als 14 Prozent“, so Stappel. Da private Haushalte aufgrund der extrem niedrigen Zinsen zudem nicht bereit gewesen seien, sich längerfristig festverzinslich zu binden, sei 2017 rund die Hälfte aller neuen Anlagemittel in Form von Sichteinlagen und anderen täglich fälligen Geldern „zwischengeparkt“ worden. Daneben hätten vor allem Versicherungen und in geringerem Umfang Investmentfonds die Neuanlage dominiert. Inzwischen bestehen die Bankeinlagen der privaten Haushalte in Deutschland zu über 60 Prozent aus Sichteinlagen. Der Anteil von Bargeld und Sichteinlagen am gesamten privaten Geldvermögen ist bis Ende 2017 auf rund ein Viertel gestiegen.

„Viele Deutsche vertrauen nach wie vor zu stark auf verzinsliche Anlagen wie Festgeldkonten oder Bundesanleihen“, sagt auch Mumm. „Da diese derzeit kaum noch eine positive Rendite vorzuweisen haben, sollten mehr denn je andere Anlagen berücksichtigt werden.“ Mit dem Rendite-Risiko-Radar können Anleger nicht nur langfristig stabile Renditen berechnen, sondern auch sehen, wie ihr Risiko mit den Jahren schwindet. Und die Stammtischparole vom Kasino Börse lässt sich so auch schnell widerlegen.