Rikschas am Rhein: Frische Luft weckt Sinne und Erinnerungen bei Senioren

Politiker wollen dänische Idee der Fahrrad-Rikschas für Senioren nach Köln holen.

Der Rhein ist der Sehnsuchtsort. Anneliese Rieser und Käthe Schenke sind in freudiger Erwartung. „Et jeit nohm Rhing!“, ruft Käthe Schenke fröhlich. Dass sie aus Köln kommt, ist nicht zu überhören. „Ich bin auch aus Köln“, sagt Anneliese Rieser und fügt hinzu: „Toni Steingass war mein Vetter. Kennen Sie sicher: Der schönste Platz ist immer an der Theke.“

Anders als im vielleicht bekanntesten Schlager des Sängers ist für die beiden „kölschen Mädchen“ der schönste Platz im Augenblick jedoch auf der Sitzbank einer Fahrrad-Rikscha, wo die beiden über 80-Jährigen eng nebeneinander sitzen.

Bevor es an den Rhein geht, gurtet Betreuerin Helga Kusch die beiden betagten Damen gut fest. Zum Rhein ist es nicht weit vom Gelände des Seniorenzentrums der Sozial-Betriebe Köln (SBK) in Riehl.

Selber in die Pedale treten

Auch Helga Kusch ist die Vorfreude anzumerken, obwohl sie diejenige ist, die in die Pedale treten muss. „Es macht mir selbst riesigen Spaß, weil die Stimmung gut ist und die Senioren meist viel erzählen“, sagt die Betreuungsassistentin. Einmal pro Woche steht das blaulackierte Gefährt den Bewohnern von „Haus 2“ zur Verfügung.

An den anderen Tagen in der Woche ist die Rikscha reihum unterwegs mit Fahrgästen aus anderen Häusern des Seniorenzentrums – ausgebucht ist sie so gut wie immer. Die Pfleger, die mit den Bewohnern Ausflüge unternehmen, sind geschult worden, um die mit einem elektrischen Hilfsmotor ausgestattete Rikscha sicher zu steuern.

Die wurde vor rund zwei Jahren angeschafft und schlug auf Anhieb ein. Wem es bis dahin mit dem Rollator oder dem Rollstuhl zu beschwerlich war, zum Rhein zu gelangen, fand hier ein perfektes Angebot. Aber auch viele weitere Bewohner wurden neugierig und trauten sich nach kurzen Probefahrten auf dem Gelände, auch zu längeren Ausflügen aufzubrechen. Meist führen sie zum Rheinufer, Dom und in die Altstadt.

Frische Luft weckt Sinne und Erinnerungen

Mehr Mobilität war nicht das einzige Ziel. Das Gefahrenwerden an der frischen Luft, der Blick auf die Stadt und die beliebtesten Sehenswürdigkeiten weckt die Sinne und die Erinnerungen und lässt viele geradezu aufleben. Auch Käthe Schenke und Anneliese Rieser beginnen während der Fahrt, Geschichten erzählen. Meist aus ihrer Jugend.

Käthe Schenke schwärmt vom alten Köln und wie gut die Menschen zusammenhielten. Anneliese Schenke erzählt freudig, dass sie am Morgen Post aus der Steiermark erhalten habe. Dort habe sie immer noch Kontakte aus der Zeit, als sie im Zuge der „Kinder-Landverschickung“ dort gewesen sei.

„Auf diese Weise bekommen die Betreuer einen ganz anderen Zugang zu den alten Menschen, denn eine Unterhaltung zwischen Fahrer und den hinter ihm sitzenden Gästen ist meist ohne weiteres möglich“, sagt Hanne Cürten. Die SBK-Abteilungsleiterin hat das Rikscha-Projekt an den Start gebracht. „Unser Geschäftsführer hat mich von Anfang an unterstützt“, berichtet sie.

Die SBK gehören damit zu den Ersten, die die Idee der Senioren-Rikschas in Deutschland umsetzen. Allerdings steht das Angebot nur den Bewohnern des Seniorenzentrums Riehl zur Verfügung. „Das ist ein entscheidender Unterschied zur Idee der Initiative Radeln ohne Alter“, betont Hanne Cürten.

Die aus Kopenhagen stammende Idee, Senioren mit Fahrradausflügen zu mehr Lebensfreude zu verhelfen, fand seit ihren Anfängen im Jahr 2013 ein internationales Medienecho – und Nachahmer. In mehreren deutschen Städten wurden Vereine nach dem dänischen Vorbild gegründet. Ehrenamtler bieten in Zusammenarbeit mit Senioreneinrichtungen die Fahrten an. Die Fahrzeuge werden oft mit Hilfe von öffentlicher Unterstützung oder zusätzlichen Sponsoren angeschafft.

Dänische Initiative ist Vorbild für Köln

Begeistert vom Slogan der dänischen Initiative „Das Recht auf Wind im Haar“ will die Kölner Ratsgruppe „Gut“ (ehemals Deine Freunde) ein ähnliches Angebot in Köln an den Start bringen. Vor zwei Jahren wurde eine Anfrage an die Stadtverwaltung positiv, aber auch unverbindlich beantwortet. Ein Modellversuch in einer stationären Einrichtung könne Aufschlüsse geben, hieß es damals.

In einem Podiumsgespräch in Ehrenfeld ließ sich die Ratsgruppe Erfahrungen schildern. „Wir sind sicher, dass Köln das Radeln ohne Alter gut zu Gesicht stehen würde“, sagt Ratsherr Thor Zimmermann. Hanne Cürten berichtete von der SBK-Rikscha. Aus Berlin war Calle Overweg gekommen, aus Essen Karsten Schwanekamp. Trotz organisatorischer Hürden und bislang zögerlichem Interesse von Ehrenamtlern, die sich am Fahrdienst in Berlin beteiligen, ist Overweg begeistert vom Sinn des Projekts: „Man fährt wie durch ein Bilderbuch mit seinen Passagieren“, berichtet er. Sein Verein bietet die Fahrten in sechs Heimen an.

In Essen wurde das Projekt als Beschäftigungsinitiative durch die Diakonie installiert. Die Fahrten mit Bewohnern mehrerer Senioreneinrichtungen finden in Kolonne statt. Die Rikscha-Fahrer bekommen einen Einblick in die Berufsfelder der Seniorenwirtschaft sowie der Fahrradtechnik und werden berufsperspektivisch gecoacht. Das Essener Modell wurde mit dem Deutschen Fahrradpreis 2017 ausgezeichnet.

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