"Riesendurchbruch für Deutschland": Lauterbach lobt bei "Hart aber fair" Impfstoff-Entwicklung

Julian Weinberger
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Es war die Meldung des gestrigen Tages: Über 90 Prozent Schutz soll der Biontech-Impfstoff vor dem Coronavirus bieten. Die Diskussion bei "Hart aber fair" verdeutlichte jedoch: Es warten weitere Herausforderungen.

Mitten in die verschärften Maßnahmen des sogenannten "Lockdown light" und angesichts deutlich angestiegener Infektionszahlen mit dem Coronavirus in den vergangenen Wochen platzte am Montag eine Erfolgsmeldung: Der Impfstoffhersteller Biontech gab bekannt, dass sein Präparat BNT162b2 mit einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit vor dem Coronavirus schütze. Schon ab kommender Woche soll er der US-Arzneimittelbehörde FDA zur Zulassung vorgelegt werden. Doch ist der Impfstoff der Mainzer Firma und des US-Unternehmens Pfizer wirklich der lange erhoffte Befreiungsschlag im Kampf gegen die Pandemie? Die Diskussion beim ARD-Talk "hart aber fair" zum Thema "Durchbruch beim Impfstoff: Hoffnungsschimmer statt Horror-Winter?" verströmte am Montagabend zwar Optimismus, zeigte aber auch, dass noch viele Dinge geregelt werden müssen.

Besonders die Worte von SPD-Politiker Karl Lauterbach, der während der Pandemie oft Warnungen ausgesprochen hatte und von Kritikern immer wieder als Schwarzmaler bezeichnet wurde, ließen aufhorchen. Er sprach als Gast bei Moderator Frank Plasberg von "einem Riesendurchbruch für Deutschland" und zeigte sich optimistisch über den "guten Weg", auf dem sich Deutschland befinde. "Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Impfstoff nicht wirklich gut wirkt, ist sehr gering." Dennoch merkte der 57-Jährige mit einiger Skepsis an: "Statt 100 werden jetzt nur 10 krank. Was wir nicht wissen, ist, ob die anderen 90 angesteckt oder ansteckend sind." Zudem sei bei den zehn Menschen, bei denen die Impfung nicht anschlägt, ein schwerer Krankheitsverlauf möglich.

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Eine schnelle Rückkehr zur Normalität werde es trotz Impfstoff nicht geben, wie die Virologin Isabella Eckerle von der Universitätsklinik Genf betonte: "Man darf sich das nicht so vorstellen, dass der Impfstoff kommt, und ab morgen können wir wieder in unser altes Leben zurück." In "einer langen Übergangsphase" sei die Einhaltung von Regeln weiter wichtig. In die gleiche Kerbe schlug Lauterbach, der die Wichtigkeit von Masken und Sicherheitsabständen herausstellte: "Bis wir zur Herdenimmunität durchgeimpft haben, vergeht mindestens ein Jahr."

Logistische Herausforderung und hoher Arbeitsaufwand bei Massenimpfungen

Welcher enorme Arbeitsaufwand hinter einer Massenimpfung steckt, machte eine Rechnung Lauterbachs klar, der erklärte: "Wir impfen pro Tag ungefähr 300.000 Leute. Wenn man pro Patient sechs Minuten zur Verfügung hat, würde man an 240 Tagen im Jahr diese 60 Zentren hindurchbetreiben müssen, um über die Runden zu kommen." Dazu müsse die Lagerung des Impfstoffs bei minus 70 Grad fachgemäß und unter Einsatz von GPS-Sendern erfolgen - eine Herausforderung, die nur mithilfe der Bundeswehr zu meistern sei, wie der SPD-Politiker erläuterte.

Ein Allheilmittel, das die Gesellschaft innerhalb weniger Woche aus der Krise zurück in die Normalität führt, kann der Biontech-Impfstoff nicht sein, so viel wurde in der "hart aber fair"-Sendung deutlich. Trotzdem war es erneut Karl Lauterbach, der mit einer weiteren Wortmeldung auch Optimismus verbreitete. Drei weitere aussichtsreiche Präparate seien derzeit in der Entwicklung, wie der Experte zu berichten wusste: "Wie man hört, sind dort die Ergebnisse ähnlich vielversprechend. Und im nächsten Jahr kommen noch mal drei andere."

Größtenteils Rückhalt für aktuelle Corona-Bestimmungen

Wirksame Impfstoffe hin oder her - letztlich kommt es wie bei der Umsetzung der Schutzmaßnahmen auf die Bereitschaft der Bevölkerung an. "50 Prozent haben erklärt, sie wären bereit, sich impfen zu lassen", warf FDP-Politiker Wolfgang Kubicki in den Raum - nicht ohne auf die harte Impfgegnerschaft hinzuweisen. "Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten jetzt 13 Millionen zwangsweise mit der Polizei zum Impfen schleppen", gab er zum Thema Impfpflicht zu bedenken. Eine solche sei auch nicht zwingend nötig, wie Lauterbach meinte. Er zeigte sich überzeugt: "Wenn der Impfstoff wirklich 90 Prozent erreichen würde, dann bekomme ich mit Freiwilligkeit die Herdenimmunität hin."

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Interessant war neben der Diskussion auch ein Einspielfilm, der aktuelle Zahlen des ARD Deutschlandtrends zu den Corona-Einschränkungen präsentierte. Demnach stehen aktuell 56 Prozent der Deutschen hinter den Beschränkungen, und 16 Prozent wünschen sich sogar härtere Maßnahmen. Eine große Zustimmung von 86 Prozent erhielt der Weiterbetrieb von Schulen und Kitas. Dazu hält ein Großteil die Kontaktbegrenzung auf zwei Haushalte und die Schließung von Bars und Kneipen für richtig.

Ablehnung formierte sich jedoch gegen die erneute Schließung von Kinos und Theatern, die die Hälfte der Befragten nicht nachvollziehen konnten. Auf Kritik stößt der Umfrage nach vor allem der Gastro-Shutdown, gegen den sich 57 Prozent aussprachen.

Im Video: Biontech und Pfizer: Corona-Impfstoff zu mehr als 90 Prozent wirksam