Der Richtungsstreit der Bosse schadet dem FC Bayern

Martin Hoffmann, Sebastian Mittag

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lenken sie mittlerweile die Geschicke des FC Bayern München.

Uli Hoeneß - einst als Manager, jetzt als Präsident und Aufsichtsratschef. Karl-Heinz Rummenigge - einst als Vizepräsident, jetzt als Vorstandschef. Zwei unterschiedliche Typen mit unterschiedlichen Stilen und teils auch sehr unterschiedlichen Ansichten.

Geschadet hat es dem Klub alles in allem nicht: Die beiden pflegen ein produktives Neben- und Miteinander, das dem Klub lange Zeit gut getan hat.

Tut es das aber immer noch? Das ist die Frage, die sich stellt, seit Hoeneß nach dem Ende seiner Haftstrafe wieder im Präsidentenamt ist und mit Rummenigge um die Ausrichtung des Klubs ringt. In der aktuellen Krise stellt sie sich mehr denn je.


Hoeneß und Rummenigge immer wieder uneins

Bei der Suche nach einem Nachfolger für Carlo Ancelotti hatten die beiden Anführer einmal mehr unterschiedliche Meinungen.
Rummenigge kämpfte nach SPORT1-Informationen für Thomas Tuchel, Hoeneß für eine Übergangslösung, die Julian Nagelsmann den Weg bereitet - die er in Jupp Heynckes nun offenbar gefunden hat.


Rummenigge meint dies, Hoeneß etwas anderes: Man kennt es mittlerweile. Seit Hoeneß nach Verbüßung seiner Haftstrafe in die Ämter des Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden zurückkehrte, widersprechen sich Rummenigge und er immer wieder, auch öffentlich.

Hoeneß kritisierte die Saisonvorbereitung in China als "grenzwertig", Rummenigge feierte den Trip als vollen Erfolg. Als Robert Lewandowski die Transferpolitik des Vereins in einem Interview bemängelte, reagierte Rummenigge empört und drohte dem Polen mit "Stress mit mir persönlich". Hoeneß betonte daraufhin, er sei ein Freund der Meinungsfreiheit und beschwichtigte: "Wir leben in einer Demokratie, in der jeder seinem Ärger auch mal Luft machen kann."

Zwist statt Arbeitsteilung

Liefe sonst alles glatt, könnte man solche Meinungsverschiedenheiten als produktive Reibung deuten, im besten Fall sogar als strategische Arbeitsteilung: guter Cop, böser Cop.

Bei Hoeneß und Rummenigge läuft aber längst nicht mehr alles glatt: Die jüngsten großen Personalentscheidungen haben es bewiesen.

Man denke an die Suche nach einem Sportdirektor: Rummenigge machte sich für Philipp Lahm stark, Hoeneß wollte Gladbachs Max Eberl. Nach langem Hin und Her sagten beide ab, auch und gerade weil sie merkten, dass der jeweils andere Bayern-Boss skeptisch war.

Unterschiedliche Meinungen auch in der T-Frage

Auch in der T-Frage offenbarten sich zuletzt Meinungsverschiedenheiten.

Die letzte Trainerentscheidung fällte Rummenigge, als Hoeneß noch Freigänger und bei Bayern aus dem Spiel war. Ancelotti und der lange Zeit in Italien aktive Vorstandschef verstanden sich bestens. Hoeneß sah Ancelottis Arbeit kritischer - und behielt Recht.

Nach Ancelottis Aus taten sich wieder Gräben auf, nicht nur inhaltlich: In den Stunden nach dem Rauswurf kommunizierte der FC Bayern, der Verein werde an diesem Tag keinerlei Statements mehr dazu abgeben. Rummenigge hielt sich daran, Hoeneß trat am Abend im Rahmen eines "Kamingesprächs" bei einem Büromöbel-Hersteller in Siegen auf und plauderte aus dem Nähkästchen.

Heynckes und Nagelsmann: eine Hoeneß-Lösung

Die Lösung mit Heynckes - und dann wohl Nagelsmann - kommt nun eher Hoeneß entgegen. Bei Rummenigges Favorit Tuchel, einem in vielerlei Hinsicht sehr anderen Typen als Hoeneß, sah der Präsident mehr die Risiken als die Chancen.

Dass Tuchel sich bei einer ersten telefonischen Kontaktaufnahme vergangene Woche zierte, sein Engagement an Bedingungen knüpfte, half Hoeneß, seine Wunschvorstellung durchzusetzen - mit der auch Rummenigge letztlich leben kann. Wenn sie funktioniert.

Auch die Nachfolge ist ungeklärt

Bei der Sportchef-Frage war die Kompromissfindung schwieriger.

Hasan Salihamidzic wirkt wie der kleinste gemeinsame Nenner - und ist bislang nicht als starke Sportchef-Persönlichkeit aufgefallen: Er meidet klare Ansagen, flüchtet sich in Floskeln, wirkt erkennbar bemüht, es den beiden Alphatieren recht zu machen, statt ein eigenes Profil zu entwickeln.


Abgeschwächte Konsenslösung statt starker Richtungsentscheidung: Wenn das das Ergebnis des Widerstreits von Hoeneß und Rummenigge ist, funktioniert der nicht mehr richtig.

Die Folgen sind unangenehm: Bei der missglückten Sportchef-Suche gingen den Bayern schließlich auch zwei potenzielle Erben für das Führungsduo durch die Lappen. Ihre eigene Nachfolgeregelung gehört zu den Problemen, die es auch noch nicht lösen konnte.
Hoeneß ist mittlerweile 65, Rummenigge 62. Ewig können sie sich nicht weiter streiten.