Jetzt aber richtig


Wer am Donnerstagmorgen an der Frankfurter Wertpapier Börse vorbeilief, konnte es nicht übersehen. „Varta AG geht an die Börse“, prangte es sogar in großen Buchstaben auf einem Banner über dem Eingang. Weitere Banner und Fähnchen waren überall auf dem Vorplatz aufgestellt. Den beiden für die Börse typischen Symboltieren Bulle und Bär hatte der Batteriehersteller Banner als Halstücher umgebunden. Und auf dem Börsenplatz liefen zwei schick gekleidete Damen herum und verteilten Nüsse und Müsliriegel in gelb-blauer Varta-Verpackung. Ein Mann bekam das Paket mit den Snacks entgegen gestreckt und fragte: „Was kann ich damit machen? Varta? Batterien?“ „Sie können das essen“, sagte die Dame, „das gibt Ihnen Energie.“ Die beiden lachten.

Der Aufwand, den Varta für seinen Börsengang betrieben hat, wurde dem Ergebnis gerecht. 24,25 Euro war der erste Preis – höher als die Preisspanne von 15 bis 17,50 Euro. Auf dem Börsenparkett brachte Finanzvorstand Michael Pistauer über den Preis nur ungläubig ein „Ne!“ heraus. Er klatschte heftig in die Hände, während sein Kollege Herbert Schein, Varta-Vorstandsvorsitzender, die Börsenglocke nahm und sie langsam, aber kräftig läutete.


Die beiden Manager sowie Aufsichtsratsvorsitzender Michael Tojner und Aufsichtsratsmitglied Sven Quandt waren stolz – nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die gute Performance ihres Unternehmens. Varta hatte die Zeichnungsfrist verkürzt und den Termin für den IPO (Initial Price Offering) vorgezogen. Eigentlich sollte der Börsengang eine Woche später, am 25. Oktober, stattfinden – aber die Nachfrage nach den Aktien war so hoch, dass die Preisspanne schon früher feststand.

Varta stellt Mikrobatterien und Batteriespeichersysteme her. Im Bereich Hörgerätebatterien ist das Unternehmen Marktführer. In den Märkten für Wearables und vor allem Hearables sieht die Varta AG hohe Wachstumschancen, weil immer mehr Geräte ohne Kabel gefragt sind. Die Bluetooth-Kopfhörer von Apple und Co. beispielsweise werden immer beliebter. Das Marktumfeld für den Börsengang war optimal.


Das weiß auch CEO Schein. Denn vor einem Jahr hatte er schon einmal versucht, an die Börse zu starten. Aber damals war die Nachfrage nach den Varta-Aktien zu gering, der Börsengang musste abgesagt werden. „Im vergangenen Jahr hatten wir ein schwieriges Marktumfeld“, sagt Schein deshalb. „Aber in diesem Jahr haben wir es geschafft – und das auf Rekordniveau“, ruft er stolz in die Fernsehkameras auf dem Börsenparkett. Das Ergebnis sei hervorragend und wäre ohne seine Mitarbeiter nicht möglich gewesen.

Varta war in diesem Jahr gut vorbereitet. 2016 machte es einen Umsatz von 213,8 Millionen Euro und einen Gewinn nach Steuern und Abzügen (Ebitda) von 23,8 Millionen Euro. Nach der ersten Hälfte dieses Jahres erreichte Varta schon einen hohen Umsatz: 119,7 Millionen Euro. Auch der Gewinn (Ebitda) nach dem ersten Halbjahr lässt sich sehen: 23 Millionen Euro. Die Platzierung von 13,5 Millionen neuen Aktien bringt Varta nun rund 233,5 Millionen Euro ein.


Produktion soll ausgebaut werden


Mit dem neu erworbenen Geld will Varta weiter wachsen. Der Bruttoemissionserlös von 150 Millionen Euro soll zum Großteil in den Ausbau der Produktion fließen. Zum Beispiel sind 80 Millionen Euro davon für die Produktion von Lithium-Ionen-Mikrobatterien und 30 Millionen Euro für den Aufbau einer neuen Produktionslinie für Zink-Luft-Hörgerätebatterien vorgesehen. Der Rest geht an den Österreicher Michael Tojner, der nicht nur Chefaufseher, sondern auch Investor ist und dem Varta über seine schweizerische Holding Montana Tech gehört. Er hält auch nach dem Börsengang die Mehrheit an dem Unternehmen, der Streubesitz liegt bei rund 35 Prozent. In zehn Jahren sieht Tojner einen Umsatz von einer Milliarde für Varta.

Hauke Stars, Vorstandsmitglied der Deutschen Börse, wünschte dafür viel Erfolg. Dem Management gratulierte sie zu dem guten Ergebnis. Dabei hatte sie kurz vor der Verkündung noch erklären müssen, wo überhaupt der Emissionspreis angezeigt werden würde. „Da hinten auf der Tafel. Sie haben das Kürzel VAR1“, sagte Stars und zeigte auf die Börsentafel am anderen Ende des Handelssaals. Nachdem der Konsortialführer dann den Preis verkündet hatte und Vorstand und Aufsichtsrat in bester Stimmung waren, überreichte Hauke Stars die Bulle-und-Bär-Trophäe. „Wenn sie hier über die Hörner reiben, steigt der Aktienkurs, so heißt es“, erklärte sie den Brauch der Mini-Statue. Dann rieb sie selbst zwei-, dreimal über die goldenen Hörner des sonst schwarzen Bullen.


Es ist wichtig, dass ein zukunftsorientiertes Unternehmen wie Varta an der Börse ist. Vor einer Woche startete auch Voltabox, ein Batteriehersteller mit Fokus auf Elektromobilität, an die Börse und nannte seine Papiere selbst „die E-Aktie“. „Wir haben in dem Bereich auch Know-How“, sagte Herbert Schein von Varta beim Börsendebüt, „und wir schließen ihn auch in Zukunft nicht aus.“ Aufsichtsratschef Tojner glaubt jedoch, dass der Markt für Mikrobatterien am stärksten wachsen werde. Auch im Bereich Storage, also Batteriespeicher, tue sich einiges: „Niemand will mehr Kabel haben, ob an Kopfhörer oder an größeren Geräten. Selbst meine Frau nutzt einen Staubsauger ohne Kabel“, sagte Tojner und lachte.

Am ersten Börsentag stürzte der Kurs dann bereits das erste Mal stark ein: ein Minus von 5,22 Euro, mehr als 21 Prozent. Am Nachmittag pendelte sich jedoch ein Preis von etwa 20 Euro je Aktie ein. Damit das Unternehmen weiterhin erfolgreich ist, muss es Energie haben – nicht nur in seinen Batterien, nicht nur im Müsliriegel, auch unter den Mitarbeitern.