Rezept gegen verschuldete Weltwirtschaft? Noch mehr Schulden

Enda Curran
1 / 2

Rezept gegen verschuldete Weltwirtschaft? Noch mehr Schulden

(Bloomberg) -- Zombie-Unternehmen in China. Lähmende Studentenkredite in Amerika. Horrende Hypotheken in Australien. Angst vor einem erneuten Zahlungsausfall in Argentinien.

Nach einem Jahrzehnt des leichten Geldes haben Staat, Unternehmen und private Haushalte weltweit eine Rekordverschuldung von insgesamt 250 Billionen Dollar angehäuft. Das ist fast das Dreifache der globalen Wirtschaftsleistung und entspricht etwa 32.500 Dollar für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind auf der Erde.

Ein Großteil davon ist auf die Bemühungen der geldpolitischen Entscheidungsträger zurückzuführen, dass Fremdkapital eingesetzt wird, um die Weltwirtschaft nach der Finanzkrise wieder flott zu machen. Die äußerst niedrigen Zinsen in den letzten Jahren haben die Belastung für die meisten tragbar gehalten, wodurch der Schuldenberg jedoch immer weiter wachsen konnte.

Nachdem die geldpolitischen Entscheidungsträger nun mit dem langsamsten Wachstum seit der Finanzkrise zu kämpfen haben, zeigen eine Reihe von Optionen zur Wiederbelebung ihrer Volkswirtschaften eine Gemeinsamkeit: noch mehr Schulden. Befürworter der Defizitfinanzierung argumentieren, dass die Zentralbanken mit ihren Maßnahmen am Ende sind und dass massive fiskalpolitische Ausgaben erforderlich sind, um Unternehmen und Haushalte aus dem Schlamassel zu ziehen.

Fiskalpolitische Falken argumentieren, dass solche Vorschläge nur die Saat für mehr Probleme sein werden. Aber die Einschätzung, wie hohe Schulden eine Wirtschaft sicher schultern kann, scheint sich zu ändern.

Zentralbanker und geldpolitische Entscheidungsträger von der Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, bis zum Internationalen Währungsfonds haben die Regierungen aufgefordert, mehr zu tun. Sie argumentieren, es sei ein guter Zeitpunkt Kapital für Projekte aufzunehmen, die sich wirtschaftlich rechnen.

“In Bezug auf die Limits, die bei Industrieländern für die Verschuldungsquote gelten, scheint sich die gängige Meinung zu wandeln“, sagte Mark Sobel, ein ehemaliger Mitarbeiter im US-Finanzministerium und im Internationalen Währungsfonds. “Angesichts niedrigerer Zinsaufwendungen und der aufgestauten Nachfrage der Märkte nach sicheren Vermögenswerten könnten große Industrieländer möglicherweise sehr wohl höhere Schuldenlasten verkraften.”

Eine Bremse für die Entscheidungsträger stellen jedoch die Altlasten in Form früherer Ausgaben dar, die global Kreditstress verursachen.

Die neu gewählte argentinische Regierung hat versprochen, mit dem IWF eine Rekordkreditlinie in Höhe von 56 Milliarden Dollar neu zu verhandeln, was Erinnerungen an den wirtschaftlichen Zusammenbruch und die Zahlungsunfähigkeit des Landes im Jahr 2001 weckte. Besorgnis gab es auch bei der Türkei, Südafrika und anderen Ländern.

Bei den Unternehmensschulden entfielen rund 70% der gesamten Ausfälle in diesem Jahr auf amerikanische Unternehmen. Und in China dürften die Zahlungsausfälle am Onshore-Markt laut S&P Global Ratings im nächsten Jahr einen Rekord erreichen.

Sogenannte Zombie-Unternehmen sind auf rund 6% der nichtfinanziellen, börsennotierten Aktien in den Industrieländern gestiegen, den höchsten Stand seit mehreren Jahrzehnten, sagt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Das schadet sowohl der gesünderen Konkurrenz als auch der Produktivität. Unter Zombie-Unternehmen sind Gesellschaften zu verstehen, die nicht in der Lage sind, die Kosten für den Schuldendienst über einen längeren Zeitraum aus dem operativen Gewinn zu decken, und deren Wachstumsaussichten gedämpft sind.

Bei den privaten Haushalten zählen Australien und Südkorea zu den am höchsten verschuldeten Ländern.

Die Schuldenlast macht auch der nächsten Generation von Arbeitnehmern zu schaffen. In den USA haben die Studenten jetzt etwa 1,5 Billionen Dollar an Schulden, und Probleme, diese zurückzuzahlen.

Selbst wenn das Fremdkapital billig ist, kann es Probleme bereiten, wenn die Last zu schwer wird. Solides Wirtschaftswachstum ist zwar der einfachste Ausweg, dies ist jedoch nicht immer der Fall. Stattdessen müssen die politischen Entscheidungsträger die Balance zwischen Sparmaßnahmen, finanzieller Repression, bei der Sparer Kreditnehmer subventionieren, oder Zahlungsausfällen und Schuldenerlass finden.“Das Beste ist, allmählich und kontinuierlich herauszuwachsen. Dies ist die Lösung für viele, aber nicht alle Phasen der gegenwärtigen Verschuldung”, sagte Mohamed El-Erian, Chef-Wirtschaftsberater der Allianz SE.

Wachstum im Visier

Geldpolitische Entscheidungsträger hoffen auf ein derartiges Ergebnis.

Um den Aufschwung in den USA zu stützen, hat die Federal Reserve die Zinsen in diesem Jahr dreimal gesenkt, obwohl das Land durch Steuersenkungen finanzierte fiskalpolitische Anreize erhielt, die das Defizit in Richtung 5% vom BIP treiben. Japan denkt über neue Ausgaben nach, während die Geldpolitik ultra-locker bleibt. Und in den wohl wichtigsten Wahlen Großbritanniens seit Jahrzehnten haben beide großen Parteien eine Rückkehr zu öffentlichen Ausgabenniveaus versprochen, die zuletzt in den 1970er Jahren zu verzeichnen waren.

China hält vorerst an seiner Linie fest und versucht, lieber über Liquiditätsspritzen statt einer allgemeinen geldpolitischen Lockerung, die Verschuldung zu begrenzen. Auf der fiskalpolitischen Seite hat das Land die Steuern gesenkt und Anleiheemissionsquoten vorgezogen, anstatt auf die Ausgabenexzesse früherer Zyklen zurückzugreifen.

Während sich globale Investoren an eine stark verschuldete Welt gewöhnen, haben sie das Risiko neu eingepreist, das einigen zufolge nur die Blase nährt. Anleihen im Volumen von rund 12 Billionen Dollar weisen negative Renditen auf. Anne Richards, CEO von Fidelity International, sagt negative Anleiherenditen sind jetzt eine systemische Sorge.

“Mit den niedrigsten Leitzinsen der Zentralbanken und den höchsten Bewertungen der US-Staatsanleihen seit 100 Jahren scheinen wir dem Bereich einer Blase nahe zu sein, aber wir wissen nicht, wie oder wann diese Blase platzen wird.”

Im Oktober sagte der IWF, dass niedrigere Renditen Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen bewegen, “in risikoreichere und weniger liquide Wertpapiere zu investieren“, um höhere Erträge zu erzielen.

“Schulden sind kein Problem, solange sie tragfähig sind“, sagte Alicia Garcia Herrero, Chefökonomin für den asiatisch-pazifischen Raum bei Natixis SA in Hongkong, die zuvor für die Europäische Zentralbank und die spanische Notenbank gearbeitet hatte. “Die Frage ist, ob sich die seit der globalen Finanzkrise entstandenen massiven Schulden als profitabel herausstellen werden.”

Überschrift des Artikels im Original:The Way Out for a World Economy Hooked On Debt? More Debt (1)

--Mit Hilfe von Zoe Schneeweiss.

Kontakt Reporter: Enda Curran in Hong Kong ecurran8@bloomberg.net

Kontakt verantwortlicher Editor: Malcolm Scott mscott23@bloomberg.net, Simon Kennedy

For more articles like this, please visit us at bloomberg.com

©2019 Bloomberg L.P.