Das Revival des Autokinos: Zwischen Nostalgie und Sicherheitsabstand

(dms/spot)
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Das Autokino in Gravenbruch - vor 60 Jahren wurde dort das erste Autokino Deutschlands eröffnet. (Bild: imago images/epd)
Das Autokino in Gravenbruch - vor 60 Jahren wurde dort das erste Autokino Deutschlands eröffnet. (Bild: imago images/epd)

In Quentin Tarantinos (57) aktuellem Streifen "Once Upon a Time... in Hollywood", seiner Hommage an die Traumfabrik, wohnt Brad Pitt (56) in einem Trailer nahe des "Van Nuys Drive-In". Es sind Szenen, die fast schon befremdlich wirken, so weit weg scheint die Institution Autokino. Über 4.000 Stück gab es damals in den USA, heute sind es gerade einmal um die 300. Seine Popularität hatte es in den 1950er- und 60er Jahren vor allem bei Teenagern, die sich in der letzten Wagenreihe, der "Love Lane", zu B-Movies - die Betreiber konnten sich meist die großen Produktionen nicht leisten - amüsierten.

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Diese sogenannten "Drive-in-Movies", meist aus dem Horror-Genre, prägten mit all ihren kleinen Geschichten vorrangig das Erlebnis Autokino. Zeugnisse von den Kuschel- und Knutschkinos unter freiem Himmel gab es dann später in Filmen wie "American Graffiti" (1973) oder "Grease" (1978) - Autokino im Kino sozusagen. Von Amerika schwappte der Trend in den Sechzigern auch nach Deutschland. So wurde in Gravenbruch am 31. März 1960 das erste deutsche Autokino eröffnet. Und genau dort, in einem Stadtteil von Neu-Isenburg in Hessen, erlebt das Autokino exemplarisch eine Auferstehung in Zeiten von Corona.

Autokino-Revival in der Kleinstadt

Orte wie diese sind alles andere als der Nabel der Welt, und dennoch - oder gerade deswegen - mausern sich kleine Städte wie Gravenbruch oder Aschheim mit ihren Original-Schauplätzen auf gewisse Weise plötzlich zu kulturellen Metropolen, als Zentrum des derzeitigen Filmgeschehens. Denn in Großstädten, in denen sonst Festspiele und nationale Premieren stattfinden, herrscht gerade nahezu vollständige Leere in den Kinosälen. In Berlin und Co. muss erst einmal aufgerüstet werden.

Ohne Auto kein Kino

In Berlin soll am 6. Juni das "Carrona" am Olympiastadion in Charlottenburg öffnen, ein Projekt des Zoo-Palasts und der Medienagentur "Pixelpitch Media Concept". Auch in München wurden bereits Pläne für eine Auto-Eventstätte auf der Theresienwiese mit Film-, Konzert- und Theaterveranstaltungen geschmiedet, um eine Alternative für die in diesem Jahr leerstehende Fläche zu bieten. Einen entscheidenden Haken hat die Sache mit den Autokinos in den Großstädten allerdings: Wer dort wohnt, hat bzw. braucht üblicherweise kein Auto und wird sich nur dafür wahrscheinlich kein neues anschaffen.

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Autokino als logische Antwort auf Social Distancing?

Das Autokino feiert eine unverhoffte Renaissance als nostalgisches Erlebnis mit zwei Metern Sicherheitsabstand. Das Gebot des Social Distancing erfüllt das Auto als die eigene Isolations-Bastion in der Öffentlichkeit perfekt und bietet sowohl der älteren Generation den perfekten Kompromiss zum traditionellen Kinobesuch, als auch dem Netflix-Publikum eine abwechslungsreiche Alternative zum eintönigen Sofa-Streaming. Zusätzlich wächst die Zahl der neuen Pop-Up-Autokinos, auch wenn aktuelle Filme momentan Mangelware sind.

Da es nur eine Leinwand gibt, fügen sich die Betreiber doch eher dem breiten Publikumsgeschmack oder greifen auf Klassiker zurück, was dem Ganzen zusätzlichen Charme verleiht. Alle schauen den Film zusammen und doch sieht ihn jeder und jede für sich. Das Auto als intimer Rückzugsort in Gesellschaft. So ist das Autokino gerade in diesen Zeiten ein romantisches Aufflackern eines alten Relikts, das es verdient hätte, zu bleiben. Auch über den Sommer hinaus, wenn die Kinos irgendwann ihren Normalbetrieb wiederaufnehmen.

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