Rettet den Verbrenner

25 Professoren haben genug von der Debatte um den Verbrenner und wenden sich in einem gemeinsamen Appell an die Öffentlichkeit. Mit ihrem Aufruf wollen sie den Diesel retten – und sich selbst.


Die Luft für den Diesel wird immer enger. Immer weniger Autokäufer in Deutschland entscheiden sich für den Selbstzünder, in etlichen Städten wird über Fahrverbote diskutiert, weil die Grenzwerte für Stickoxid in der Luft regelmäßig überschritten werden. Und die Grünen fordern in ihrem Programm zur Bundestagswahl sogar ein Verbrennerverbot ab dem Jahr 2030. Nun schalten sich 25 renommierte Professoren für die Motorenentwicklung in die Diskussion ein, darunter Vertreter der wichtigsten technischen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie appellieren: Lasst den Verbrenner nicht sterben.

Unter der nüchternen Überschrift „Die Zukunft des Verbrennungsmotors / Bewertung der dieselmotorischen Situation” stellen die 25 Professoren, die sich gemeinsam in der „Wissenschaftlichen Gesellschaft für Kraftfahrzeug- und Motorentechnik” (WKM) organisiert haben, mehrere Thesen auf, mit denen sie „faktenbasierte Information” der „voreingenommenen und sehr emotionalen Berichterstattung” entgegenstellen wollen.

Der Verbrennungsmotor werde ihrer Ansicht nach durch elektrische Antriebe zwar ergänzt, aber keinesfalls ersetzt. Im Gegenteil: 2030 würden voraussichtlich weltweit mehr Verbrennungsmotoren gebaut als heute, „weshalb eine intensive Forschung
und Weiterentwicklung und ein Hochhalten der Technologieführerschaft sinnvoll ist.” Eine erfolgreiche Klimapolitik basiere auf der „technologieoffenen Weiterentwicklung von Antriebssystemen”.


Mit der Kritik am Diesel setzen sich die Professoren intensiv auseinander: Die in den vergangenen Monaten vielfach diskutierten klimaschädlichen Nebenwirkungen des Verbrennungsmotors seien längst gelöst. Der vielfach zitierte erhöhte Stickoxid-Ausstoß von Dieselfahrzeugen sei mittlerweile deutlich niedriger als in der Vergangenheit. An einer Lösung für dieses Problem sei in den vergangenen Jahren intensiv geforscht worden, darum könne „das NOx-Emissionsproblem als technisch gelöst betrachtet werden”. Moderne Diesel würden kaum noch zur Luftverschmutzung beitragen.

Im Gegenteil: Ein Verbot des Verbrennungsmotors habe „nachteilige Auswirkungen auf die Bekämpfung des Klimawandels”, schreiben die Professoren. Denn „bei Betrachtung des Gesamtsystems” könne der Verbrenner „niedrigere CO2-Emissionen als alternative Technologien” vorweisen. Umweltneutrale Verbrenner seien beispielsweise mit neuen synthetischen Treibstoffen möglich.

Ein Problem bestehe höchstens bei veralteten Dieselmotoren. Doch das dürfe bei der künftigen Planung keine Rolle spielen. „Rückblickend festgestellte Schwachstellen sind nicht mehr zukunftsrelevant”, heißt es weiter in dem Appell. In ihrem Aufruf verurteilen die Professoren aber auch deutlich die zuletzt festgestellten technischen Manipulationen des Diesels.


Es wird weiter getrickst

Unter Dieselkritikern findet die Argumentation der Professoren trotzdem nicht sonderlich viel Zustimmung. Technologisch ließe sich das Emissionsproblem des Diesels vielleicht lösen, betont Dorothee Saar, Leiterin für Verkehr und Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) – allerdings bislang meist nur zu hohen Kosten. „Der Weg vom Labor in die Praxis ist nach wie vor steinig”, sagt sie. Bei vielen Fahrzeugen werde immer noch getrickst.

Nach den Messungen der Deutschen Umwelthilfe seien auch die moderne Diesel darum noch keinesfalls durch die Bank sauber. „Die Hersteller müssten dafür beim Umwelt- und Klimaschutz ambitionierter vorgehen, notfalls auf Druck der Politik”, sagt die DUH-Vertreterin.


Dass sich die Professoren für Kraftfahrzeug- und Motorentechnik so leidenschaftlich für den Verbrenner stark machen, ist auch nicht ganz uneigennützig. An Technischen Universitäten gilt die Motorenentwicklung bis heute als Königsdisziplin der Ingenieure. Elektromotoren gelten dagegen als deutlich simpler. Sollte sich das Elektroauto flächendeckend durchsetzen, stünden damit wohl auch einige Lehrstühle auf dem Spiel.

Kurzfristig dürfte die Debatte um den Diesel auch nach dem Appell weitergehen. In der aktuellen Ausgabe der „Zeit” forderte der Vize-Chef des ADAC, Ulrich Klaus Becker, potentielle Autokäufer sogar auf, ihren Autokauf lieber erst einmal zu verschieben. „Unsere Empfehlung ist, mit einem Neuwagenkauf eventuell noch zu warten, bis im Herbst Modelle mit dem Standard Euro 6D auf den Markt kommen“, erklärte er. Fahrzeuge mit dieser Abgasnorm müssten die ab September geltenden strengeren Tests auch auf der Straße erfüllen.