Resilienz fürs Leben: Wie ihr euren Kindern dabei helfen könnt, flexibel und widerstandsfähig zu werden

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Wahrscheinlich wisst ihr, dass Kinder von Geburt an von ihrem Umfeld und der Familie geprägt werden. Wie gut sich ein Kind später an neue Situationen und andere Herausforderungen des Lebens anpassen kann, wie es mit Rückschlägen umgeht und ob es sich auch gegen andere durchsetzen kann, können Eltern durchaus beeinflussen. Die Harvard-Psychologin und -Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett verrät in einem „CNBC“-Artikel, wie ihr euer Kind für die Zukunft stärken könnt.

Die Expertin erklärt, dass das Gehirn eines Kindes nicht einfach nur die Mini-Version eines Erwachsenen-Gehirns ist. Es muss sich in der Kindheit und Jugend erst vernetzen und lernen, wie diese Welt funktioniert und wie es in ihr zurechtkommt. Eltern sollten für ihr Kind daher eine soziale und physische Umgebung schaffen, in der sich das Kind gut ausprobieren kann.

Versucht nicht, euer Kind zurecht zu schnitzen

Die Psychologin Feldman Barrett verwendet das Bild eines Gärtners und eines Tischlers: Während Tischler das Holz nach ihren eigenen Vorstellungen schnitzen, helfen Gärtner ihren Pflanzen dabei, von selbst zu wachsen –indem sie eine nahrhafte Landschaft schaffen. Ihr solltet euch also lieber als Gärtner verstehen.

Anstatt eurem Kind beispielsweise vorzuschreiben, dass es Geige lernen soll, könntet ihr es zum „Schnupperkurs“ für verschiedene Instrumente schicken. So kann sich euer Nachwuchs selbst aussuchen, ob es wirklich Geige lernen will – oder lieber etwas anderes. Feldman Barrett betont: Wenn euer Kind gezwungen wird, hat es wahrscheinlich nicht so viel Spaß daran, als wenn es sich sein Instrument selber aussuchen darf.

Wo genau die Interessen, Stärken und Schwächen euere Kindes liegen, zeigt sich erst mit der Zeit. Deshalb ist es gut, zu Beginn zunächst Angebote zu machen und zu beobachten, wohin es euer Kind zieht, was ihm Freude macht und was ihm leicht oder schwerfällt. Um im Bild der Psychologin zu bleiben: Sobald ein Gärtner dann weiß, welche Art von Pflanze er heranzieht, kann er den Boden anpassen – damit sie Wurzeln schlagen und gedeihen kann.

Bücher lesen und über Gefühle sprechen

Im Januar 2019 veröffentlichte die Soziologin Joanna Sikorra eine Studie darüber, wie sich Bücher im Haushalt auf Kinder ausüben. Die Studie legt nahe: Bücherlesen verschafft Kindern kognitive Vorteile, die nicht nur unmittelbar, sondern auch bis ins Erwachsenenalter andauern, wie Business Insider damals berichtete.

Auch die Harvard-Psychologin Feldman Barrett schreibt wie wichtig es ist, viel mit Kindern zu sprechen und ihnen vorzulesen – auch schon im Baby-Alter. Denn selbst wenn die Kleinkinder den Inhalt der Worte noch nicht richtig verstehen, verarbeitet das Gehirn sie trotzdem und lernt dabei. In einer Studie, die im "Annual Review of Psychology" veröffentlicht wurde, schreiben die Autorinnen, dass Sprache im ersten Lebensjahr eines Säuglings eine große Rolle spielt – so können sie demnach mehr lernen, als wenn sie nur beobachten.

Vor allem solltet ihr dabei auch Wörter benutzen, die Emotionen beschreiben – nicht nur „traurig“ und „glücklich“, sondern zum Beispiel auch „frustriert“, „beruhigt“, „ängstlich“ oder „gelassen“. Dies kann die sozialen und emotionalen Kompetenzen fördern, wie Experten herausgefunden haben.

Am besten verbindet ihr das Sprechen damit, sich mit den Gefühlen anderer auseinanderzusetzen. Denn so könnt ihr die emotionale Intelligenz eurer Kinder schärfen, wie eine Studie zeigt. Feldman Barrett schreibt, dass ihr eurem Kind so beim Verstehen von Gefühlen und deren Auswirkungen helfen könnt. Zum Beispiel, indem ihr erklärt: „Siehst du den weinenden Jungen? Er hat Schmerzen, weil er hingefallen ist und sich das Knie aufgeschürft hat. Er ist traurig und möchte wahrscheinlich von seinen Eltern umarmt werden.“

Erklärungen liefern

Kinder sind sehr wissbegierig – und es kann auch ganz schön anstrengend sein, wenn ein Kind ständig „Warum?" fragt, ohne mit den Antworten zufrieden zu sein. Trotzdem ist es wichtig, dass ihr euren Kindern Erklärungen liefert, besonders, wenn es um ein bestimmtes Verhalten geht.

„Gehirne arbeiten besser, wenn sie Situationen voraussagen können“, schreibt Feldman Barrett. Daher solltet ihr es vermeiden, einfach nur „Das ist so, weil ich es so sage“ zu benutzen. Wenn ein Kind zum Beispiel weiß: „Ich darf nicht alle Kekse aufessen, weil es sonst Ärger von Mama und Papa gibt“, bringt diese Argumentation wenig, wenn die Eltern nicht da sind.

Weiß das Kind aber: „Wenn ich alle Kekse esse, bekomme ich Bauchschmerzen und meine Geschwister sind traurig, weil ich nicht mit ihnen geteilt habe“, können sie die Folgen ihres Handelns besser verstehen.

Stellt ihnen viele verschiedene Menschen vor

Wahrscheinlich hat euer Kind neben euch auch Kontakt zu den Großeltern, Tanten und Onkeln sowie anderen Kindern aus ihrer Kita. Allerdings solltet ihr laut Neurowissenschaftlerin Feldman Barrett dafür sorgen, dass euer Kind möglichst viele verschiedene Gesichter sieht – am besten schon als Baby.

Denn jenen, die schon früh viele verschiedene Gesichter sehen, fällt es später leichter, Gesichter zu unterscheiden und sich an sie zu erinnern. Und: Es könnte auch ein einfacher Schritt gegen Rassismus sein, wenn Kinder früh lernen, dass es viele, unterschiedlich aussehende Menschen gibt, so die Psychologin.

Auch die Sprache spielt hier eine wichtige Rolle. So zeigt eine Studie von der University of British Columbia, dass Kinder, die regelmäßig mit verschiedenen Sprachen in Kontakt kommen, schneller neue Wörter lernen, erkennen und verarbeiten können. So schafft ihr eine gute Grundlage dafür, dass euer Kind später weitere Sprachen lernt.

Zeigt, dass mentale Gesundheit wichtig ist

Die Autorin Amy Morin schreibt in einem Artikel für „Psychology Today“, dass Eltern ihren Kindern häufig beibringen, wie sie auf ihren Körper achten – aber nicht auf ihren Geist. Ihr solltet ihnen aber nicht nur beibringen, dass es wichtig ist, sich die Zähne zu putzen und gesund zu essen – sondern ihnen auch zeigen, wie wichtig psychische Gesundheit ist, und wie man sich darum kümmert.

Studien zeigen auch, dass Kinder, die in einer liebevollen Umgebung aufwachsen, im Erwachsenenalter seltener psychisch erkranken. Amy Morin betont, dass ihr euren Kindern auch früh auf den Weg mitgeben solltet, dass es in Ordnung ist, nach Hilfe zu fragen: Bei Zahnschmerzen geht man zum Zahnarzt und wenn man sich mental nicht gut fühlt, kann man zur Therapie gehen, schreibt sie.

Über Taten, nicht über Personen urteilen

Ihr solltet euren Kindern vermitteln, dass man nicht eine falsche Handlung jemanden nicht direkt zu einem schlechten Menschen macht – sondern, dass man seine Handlungen auch anpassen kann. Ein Beispiel: Euer Sohn schlägt eurer Tochter auf den Arm. Anstatt zu sagen, er sei ein „schlechter Bruder“, solltet ihr präziser sagen, was passiert: „Wenn du deine Schwester schlägst, tust du ihr weh und sie ist genervt. Du solltest dich bei ihr entschuldigen.“ Psychologin Feldman Barett sagt, dass diese Regel auch umgekehrt funktioniert. Anstatt zu sagen „Du bist eine gute Schwester“, solltet ihr ihr Verhalten loben, zum Beispiel, indem ihr sagt „Es ist gut, dass du nicht zurückgeschlagen hast.“

Eure Kinder sollten lernen, zwischen einzelnen Taten eines Menschen und seinen Charaktereigenschaften zu unterscheiden. Sagt nicht: „Tom ist ein Lügner“, sondern lieber „Tom hat gelogen“. Danach könnt ihr über die Motive sprechen:„Was denkst du, warum Tom gelogen hat? Hatte er vielleicht Angst, dass er Ärger bekommt?“ Denn so können Kinder lernen, die Konzepte von Handlungen und ihren Folgen zu begreifen. Und sie verurteilen sich selbst nicht so stark, wenn sie einmal etwas falsch gemacht haben.

Eigeninitiative fördern

Wie bereits erwähnt, sind Kinder sehr wissbegierig. Das bedeutet auch, dass sie versuchen, neue Dinge alleine auszuprobieren. Laut Feldman Barett solltet ihr euer Kind dabei unterstützen, Eigenverantwortung zu entwickeln. Das bedeutet auch, vermeintliches Fehlverhalten zuzulassen. Schließlich könnt ihr Kinder nicht vor allem bewahren und sie sollten auch lernen, Fehler zu machen.

Außerdem schreiben Kinderpsychologinnen in einem Artikel des Magazins „Beyond Behavior“, dass es gerade verhaltensauffälligen Kindern helfen kann, ihre Emotionen und ihr Verhalten zu kontrollieren, wenn man ihnen Auswahlmöglichkeiten gibt – zum Beispiel darüber, welche Aufgabe sie in der Schule zuerst bearbeiten oder mit welchem Spielzeug sie spielen möchten. Später dann können Kinder dann auch größere Entscheidungen alleine treffen und die Konsequenzen erleben und tragen.

Es ist dabei sicher eine Herausforderung, zu erkennen, wann man eingreifen sollte und wann nicht, schreibt die Expertin. „Aber wenn man sein Kind ständig anleitet und sich um all seine Bedürfnisse kümmert, lernt es keine Selbstständigkeit.“ Um die Widerstandsfähigkeit eures Kindes zu stärken, solltet ihr es daher unnebdingt regelmäßig auch die Konsequenzen seines Handelns erleben lassen – und zwar nicht nur die positiven.

hr

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