Rente mit 70: Überfällig oder überflüssig?

Unter Wirtschaftsexperten tobt ein Streit, wie der Kollaps der Rentensysteme abgewendet werden kann. Die einen fordern die Rente mit 70, die anderen halten das für überflüssig - und haben eine Alternative.

Das deutsche Rentensystem steht vor einer großen Herausforderung – bis zu diesem Punkt sind sich wohl alle einig. Was daraus folgt, ist jedoch höchst umstritten. Während Deutschlands große Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten die Rente mit 70 wieder ins Spiel bringen, tut eine fast zeitgleich erschienene Studie der Hans-Böckler-Stiftung Erhöhungen des Rentenalters als unnötig ab. Das liegt vor allem daran, dass sie ihre Rechnungen auf unterschiedlichen Annahmen fußen lassen. Aber der Reihe nach.

Beginnen wir mit der Forderung nach einem höheren Renteneintrittsalter. Wenn es darum geht, den drohenden Kollaps des Rentensystems abzuwenden, werden stets Stimmen laut, die die Menschen länger arbeiten lassen wollen. Bis 67, 70, 73, ja 85 Jahre. Argument ist stets, dass in Zukunft immer weniger junge Menschen für einen Rentner aufkommen. Dieses Ungleichgewicht muss anderswo kompensiert werden.

Die einzigen Alternativen in dieser Ausgleichslogik wäre, die Beitragssätze stark anzuheben oder das Rentenniveau zu senken. Beides ist ausgesprochen unpopulär. So unpopulär, dass die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag versprochen hat, das Rentenniveau bis 2025 bei mindestens 48 Prozent zu halten, während die Beiträge nicht über 20 Prozent steigen dürfen. Will man nicht zusätzliche Milliarden in das Rentensystem stecken, ist die einzige Stellschraube, die bleibt, das Renteneintrittsalter.


Hier kommt das Frühjahrsgutachten ins Spiel: Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben errechnet, dass das Renteneintrittsalter rechnerisch auf über 70 Jahre steigen müsste, wenn die Beitragssätze tatsächlich stabil gehalten werden sollen. Ansonsten bräuchte es 500.000 junge Zuwanderer. Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn hatte vor wenigen Jahren eine noch steilere Rechnung präsentiert: Demnach bräuchte es langfristig sogar 32 Millionen erwerbsfähige Migranten, um den heutigen Lebensstandard zu halten.

Die Hans-Böckler-Stiftung wählt hingegen einen ganz anderen Ansatz. Ihr Vorwurf: Die etablierten Rechnungen, die nach einem höheren Renteneintrittsalter rufen, gingen von einer falschen Grundlage aus. Sie stellen meist die Zahl der nominell erwerbsfähigen Bevölkerung und die der potentiellen Rentner gegenüber, also Menschen zwischen 15 und 64 Jahren gegenüber Menschen ab 65 Jahren.


Die Hans-Böckler-Stiftung will stattdessen zwischen Erwerbstätigen und Transferempfängern unterschieden, also neben Rentnern etwa auch Hartz-IV-Empfänger und das über alle Altersstufen hinweg. Tatsächlich ergibt sich auf dieser Grundlage ein ganz anderes Bild. Demnach gab es im Jahr 2013 eine „demografische Abhängigkeitsquote“, also ein Verhältnis von Ab-65-Jährigen zu 15-bis-64-Jährigen von 32 Prozent. Das Verhältnis von Transferabhängigen und Erwerbstätigen lag hingegen bei 56 Prozent, es gab also bereits da weniger Menschen, die Geld erwirtschafteten, als solche, die es als Transfer bekamen.

Da diese Zahlen jedoch auch Ein-Euro- und Minijobber beinhalten, machten die Forscher der Böckler-Stiftung eine weitere Rechnung, in der sie nur jene Menschen als Erwerbstätig kategorisierten, die tatsächlich ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren können. Unter diesen Bedingungen liegt die sogenannte ökonomische Abhängigkeitsquote sogar bei 68 Prozent, also mehr als doppelt so hoch wie die „demografische Abhängigkeitsquote“.  Der deutliche Unterschied erklärt sich einerseits dadurch, dass auch Arbeitslose und Frührentner als Transferempfänger gezählt werden, andererseits vor allem durch die engere Definition des Begriffs des Erwerbstätigen – und genau hier setzt der Lösungsvorschlag der Studie an.

Während im „klassischen“ Modell an den Stellschrauben Renteneintrittsalter, Beitragshöhe und Rentenniveau gedreht werden kann, kommt beim Fokus auf die Erwerbstätigkeit ein ganz anderer Bereich ins Spiel: der Arbeitsmarkt. Frauen, aber auch ältere Männer arbeiten heute oft gar nicht oder im Minijobbereich. Würden diese Menschen nun in den Arbeitsmarkt integriert, dann würden sie die Abhängigkeitsquote drücken.


Kann der Arbeitsmarkt die Rentenkrise stoppen?

Die Hans-Böckler-Stiftung hat exemplarisch durchgerechnet, was passieren würde, wenn die Beschäftigungsquote von Frauen in Deutschland das heutige Niveau Schwedens erreichen würde. Dabei gingen sie von einem schrittweisen Anstieg aus, der erst im Jahr 2050 abgeschlossen wäre. Die Erwerbstätigenquote bei Männern würde dabei von heute 72,8 Prozent auf 78,3 Prozent im Jahr 2040 und 80,6 Prozent im Jahr 2060 steigen. Bei Frauen wäre der Anstieg noch deutlicher, nämlich von heute 57,8 Prozent auf 71,7 Prozent im Jahr 2040 und 76,7 Prozent im Jahr 2060.

Die Abhängigkeitsquoten würden dadurch deutlich weniger schnell ansteigen. Im „klassischen Szenario“ der demografischen Abhängigkeit würde die Quote bis 2040 um bis zu 75 Prozent und bis 2060 dann sogar um bis zu 86 Prozent ansteigen. Nimmt man hingegen das „Schweden-Szenario“ der ökonomischen Abhängigkeit, so läge der Anstieg nur bei maximal 19 Prozent im Jahr 2040 und 18 Prozent 2060.

Es scheint, als hätten die Experten der Böckler-Stiftung damit eine Lösung für die demografische Krise gefunden. Doch wie so oft steckt hinter dem Schein eine komplexere Wahrheit. Zwar ist es tatsächlich so, dass der Anstieg der Abhängigkeit deutlich geringer wäre.


Die absolute Abhängigkeitsquote zwischen Transferempfängern und Beschäftigten ist jedoch stets höher als die demografische. Sie wächst im „Schweden-Szenario“ von 68 Prozent heute bis zu 80 Prozent im Jahr 2060, während die demografische Abhängigkeit von 32 Prozent auf bis zu 59 Prozent wächst.  Im Klartext: Die Abhängigkeit steigt zwar langsamer an, ist aber größer. Für die Böckler-Forscher ist das kein Widerspruch. Sie argumentieren, dass es die rapide Steigerung ist, die das System herausfordert. Die gelte es zu bändigen.

Dennoch geben auch die Experten von der Hans-Böckler-Stiftung zu, dass sich der demografische Wandel nicht alleine über den Arbeitsmarkt abfangen lässt. Zusätzlich wollen auch sie an einer der klassischen Stellschrauben drehen, vorzugsweise an der Beitragshöhe. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters sei hingegen unnötig.