Die Rekordjagd geht weiter

Die EZB setzt ihr Anleihe-Kaufprogramm fort. Das treibt die Kurse in Europa weiter. Dass Zinsentscheidungen und Konjunkturdaten den Aufwärtstrend in den nächsten Tagen umkehren werden, ist unwahrscheinlich.


Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), ihr Anleihe-Kaufprogramm bis Ende September 2018 fortzusetzen, aber das Ankaufvolumen auf 30 Milliarden Euro im Monat zu halbieren, hat wie ein Doping-Mittel auf den Deutschen Aktienindex (Dax) gewirkt. Das Kursbarometer für die wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften kletterte um 0,64 Prozent nach oben auf den Schlussrekord von 13.212 Punkten.

Die größten Index-Treiber waren der Autokonzern VW und der Industriegase-Lieferant Linde. Beide punkteten bei den Aktionären mit guten Quartalszahlen. Besonders gefragt waren Technologiewerte, beflügelt von den guten Zahlen der US-Konzerne Amazon, Microsoft und Google. Die hatten hohe zweistellige Wachstumsraten in den ersten neun Monaten verkündet. Gefragt waren auch die europäischen Technologiewerte, deren Branchenindex die Marke von 455 Punkten überstieg und damit so hoch notierte wie zuletzt vor 16 Jahren.
Wie es in der nächsten Woche weitergeht, wird von der Interpretation eine ganzen Reihe von Konjunkturdaten im Euroraum und den USA abhängen. Aber Zahlen, die die Höhenflüge von Dax und Dow ins Gegenteil verkehren, werden nicht erwartet. „Die Vorzeichen für weiter steigende Börsen stehen generell gut“, sagte Portfoliomanager Paul Flood vom Vermögensverwalter Newton, der Nachrichtenagentur Reuters. Die Konjunktur brumme weltweit, der Auftakt der Bilanzsaison zum dritten Quartal sei ermutigend und es bestehe die Chance auf Steuersenkungen in den USA. Doch ein Aktienmarkt wird vorläufig weiter schwächeln – der spanische. Dort wird die Auseinandersetzung über die Autonomie Kataloniens weitergehen.


Die Palette der Konjunkturdaten in der nächsten Woche ist groß: Es werden die Einzelhandelsumsätze in Deutschland für September, Daten über das Verbrauchervertrauen im Euroraum im Oktober und die Höhe des Bruttoinlandsprodukts im Euroraum bekanntgegeben. Dienstag entscheidet die japanische Notenbank über die Höhe des Zinses und einen Tag später kommen die Fed-Notenbanker zu einer Sitzung zusammen.

Von der Fed-Zusammenkunft werden keine spektakulären Entscheidungen erwartet. Notenbank-Beobachter gehen davon aus, dass die Institution die Leitzinsen bei 1,25 Prozent belässt, aber keine Hinweise darauf gibt, ob eine Zinserhöhung im Dezember bevorsteht. „Die November-Sitzung ist eine der letzten Möglichkeiten in großem Rahmen diesen Zinsschritt anzukündigen“, meint die BayernLB.



Spekulation um Yellen-Nachfolge spitzt sich zu


Allerdings spitzt sich in der nächsten Woche die Diskussion über die Nachfolge von Notenbank-Chefin Janet Yellen im Februar 2018 zu. Als Kandidaten hoch gehandelt werden Fed-Gouverneur Jerome Powell und John Taylor, ein Professor der Universität Stanford. Von Powell wird erwartet, dass er die Zinsen vorsichtig erhöht. „Seine Nominierung wäre daher ein Signal für einen schwächeren Dollar“, meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Nominierung Taylors wäre ein Signal für die entgegengesetzte Richtung: schnellere und kräftigere Zinserhöhungen, die den Dollar-Kurs hochtreiben würden. Das wiederum wäre ein weiteres gutes Signal für die Exportwirtschaft im Euroraum. Der Ausgang des Kandidaten-Wettbewerbs sei kaum zu prognostizieren, sagt Krämer. Powell selbst hält am Donnerstag eine Rede in New York.

Am gleichen Tag entscheidet die Bank von England über die Leitzinsen und stellt ihren Inflationsreport vor. „Die Bank of England wird ihren Leitzins erhöhen“, erwarten die Experten der Helaba. Entsprechendes habe die Notenbank jüngst angedeutet. Sie gehen davon aus, dass der Leitzins von 0,25 auf 0,50 Prozent steigt. Das wäre die erste Anhebung seit 2007. „Die Inflation von drei Prozent sowie eine niedrige Arbeitslosenquote sprechen klar für eine restriktivere Geldpolitik“, kommentieren die Frankfurter Landesbanker. Am Freitag bieten die USA ein großes Programm an Konjunkturdaten: Arbeitslosenquote im Oktober, Handelsbilanz und Auftragseingang der Industrie für September, den ISM-Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe im Oktober.


Schon am Freitag ging ein Teil der guten Dax-Performance auf das Konto eines nach der EZB-Entscheidung gegenüber dem Dollar weiter nachgebenden Euros. Der Wert der Gemeinschaftswährung bewegte sich in Richtung 1,16 Dollar je Euro. Vor der EZB-Entscheidung gab es noch rund zwei US-Cent mehr. Fallende Euro-Kurse sind vor allem gut für die im Export starke deutsche Wirtschaft, weil ihre Waren im Ausland preisgünstiger werden, sich also ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöht.

Aber es läuft nicht nur gut für die deutsche, sondern für die gesamte europäische Wirtschaft. Das geht aus den Wachstumsprognosen hervor, die auf einer Experten-Umfrage der EZB basieren. Danach sagen die befragten Volkswirte nun für dieses Jahr einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hervor.

Die EZB treibt die Kurse in Europa weiter. Die Fortsetzung der Anleihekäufe schwächt den Euro. Das nützt Europas Wirtschaft. Dass Zinsentscheidungen und Konjunkturdaten den Aufwärtstrend umkehren, wird nicht erwartet.