Nach Rekord-Spielen: Droht der jähe Absturz?

Michael Prieler
Die Bilanz in Pyeongchang ist historisch gut - doch böses Erwachen droht

31 Medaillen, 14 Mal Gold - so erfolgreich waren deutsche Athleten noch nie bei Olympischen Winterspielen.

Ohne Frage: Die Medaillenbilanz von Pyeongchang ist glänzend. Nach dem Debakel von Sotschi, als sich die deutschen Wintersportler mit 19 Medaillen (8 Gold, 6 Silber, 5 Bronze) begnügen mussten, hat sich "Team D" eindrucksvoll auf der olympischen Bühne zurückgemeldet.

Am Ende fehlte eine einzige Goldmedaille zu Platz eins im Medaillenspiegel. (Medaillenspiegel der Olympischen Spiele)

"Das Team D hat aus diesen Olympischen Spielen ein Spektakel gemacht", kommentierte Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig dementsprechend stolz: "Wir gehören wieder zu den führenden Wintersportnationen und haben die Nationalhymne so häufig gehört wie nie zuvor."


Allerdings besteht die Gefahr, dass die reine Medaillenrechnung des DOSB zu kurz greift.

Denn neben Sportarten, in denen Deutschland sich in den vergangenen Jahren eine unangefochtene Führungsposition erarbeitet hat, wie im Rodeln, im Bobsport oder in der Nordischen Kombination, gibt es genug Disziplinen, in denen die deutschen Sportler den Anschluss zur Weltspitze verloren haben - oder sich dort noch gar nie befunden haben.

Weltspitze im Rodeln und Bob sehr klein

Besonders heikel: Während gerade in den deutschen Parade-Sportarten im Eiskanal im Grunde nur ein halbes Dutzend Nationen konkurrenzfähig ist und die Medaillen unter sich ausmacht, laufen die deutschen Athleten in den Sportarten mit dem größten internationalen Renomee hinterher.

Beispiel: Ski Alpin. Bei den Olympischen Spielen in Sotschi retteten Maria Höfl-Riesch und Viktoria Rebensburg die deutsche Bilanz noch mit einem kompletten Medaillensatz aus Gold (für Höfl-Riesch in der Kombi), Silber (für Höfl-Riesch im Super-G) und Bronze (für Rebensburg im Riesenslalom).


Die Ausbeute des Alpin-Teams in Pyeongchang fiel dagegen ernüchternd aus. Rebensburg schrammte im Riesenslalom um zwölf Hunderdstelsekunden an einer erneuten Bronze-Medaille vorbei. Bei den Männern war Thomas Dreßen mit Platz fünf in der Abfahrt der Lichtblick. Die internationale Konkurrenz ist weit enteilt.

Genauso wie im Langlauf, wo Thomas Bing mit Platz elf im Skiathlon über 30km das beste Einzelergebnis einfuhr, im Eisschnelllauf oder im Shorttrack.

Auf der großen Eis-Runde rückt Claudia Pechstein mit nun mehr 46 Jahren noch immer keine Konkurrentin aus dem eigenen Lager auf die Pelle. Bei den Männern ist Nico Ihle mit zwei achten Plätzen der sportliche Leuchtturm. Eine Medaille war für den Vize-Weltmeister nicht ansatzweise in Reichweite.

Entwicklung in Trendsportarten verpasst

Im Shorttrack erlebte Hoffnungsträgerin Anna Seidel in Südkorea ein absolutes Debakel, klagte danach über die Trainingssituation in der Heimat und zog sogar ein Karriereende in Betracht.

Ein mehr als schlechtes Zeichen für den DOSB, sollte die 19-Jährige ihre Überlegung tatsächlich wahr machen. Denn Seidel wäre eine, die junge Nachwuchssportler für ihre Randsportart begeistern könnte.

So wie Ski-Freestylerin Lisa Zimmermann, die mit einem Kreuzbandriss für die Spiele ausfiel.

Seidel und Zimmermann sind aber absolute Ausnahmen. Denn auf der Buckelpiste, in der Halfpipe und im Slopestyle hat Deutschland die Entwicklung vollkommen verschlafen, reiht sich hinter Nationen wie Kasachstan, Großbritannien oder Australien auf den hintersten Plätzen ein.

Hausgemachte Misere

Dabei ist die Misere zum Teil hausgemacht. Die Trendsportarten werden nur mit geringen Mitteln oder gar nicht mehr gefördert. Der Deutsche Skiverband, der sich aus eigenen Mitteln finanziert, stellte die Förderung der Buckelpiste 2014 komplett ein.

Für die Disziplinen Slopestyle und Halfpipe verwendet man Zuschüsse des Bundes, die mit 180.000 Euro aber viel zu gering ausfallen.

"Wir brauchen zusammen 650.000 Euro aufwärts im Jahr, die nächsten acht Jahre", fordert der Sportliche Leite Heli Herdt.

Auch das deutsche Eishockey hinkte jahrzehntelang der Weltspitze hinterher - bis das Team von Bundestrainer Marco Sturm in Südkorea sensationell ins olympische Finale stürmte und dort zwar nicht Gold, aber die Herzen der deutschen Sport-Fans für sich gewann.


Das deutsche Eishockey-Wunder aber wurde durch mehrere, durchaus glückliche, Begleitumstände begünstigt, nicht zuletzt durch das Fehlen der NHL-Profis, das die Top-Nationen mehr schmerzte als Außenseiter Deutschland.

Sich darauf zu verlassen, dass sich eine solches Märchen im Vierjahresrhythmus auch in anderen Sportarten wiederholt, in denen Deutschland der Musik sonst hinterher läuft, wäre falsch.

Stattdessen gibt es in diesen Disziplinen noch jede Menge Anschlussarbeit zu leisten, damit "Team D" die Latte, die es sich in Pyeongchang selbst so hoch gelegt hat wie nie zuvor, in Peking 2022 nicht krachend reißt.