Russland verzaubert Putin und die Nation

Denis Tscheryschew erzielte das 2:0 für Russland

Stanislaw Tschertschessow dozierte nach dem Rekordsieg über Taktik und die neue russische WM-Euphorie, als sein Handy vibrierte. Der Nationaltrainer entschuldigte sich während der Pressekonferenz mal eben und ging vor die Tür - schließlich war kein Geringerer als Wladimir Putin dran, um höchstpersönlich zum perfekten Start zu gratulieren. "Das war der Präsident", sagte Tschertschessow. Und weiter ging es mit der Analyse.

Putin hatte schon in der Ehrenloge genüsslich gelächelt. Das 5:0 (2:0) der zuvor so arg gescholtenen Gastgeber gegen Saudi-Arabien, der höchste Sieg in einem offiziellen WM-Eröffnungsspiel, war ganz nach des mächtigen Mannes Geschmack. Der Präsident nahm den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman Al Saud im Moskauer Luschniki-Stadion gütig in den Arm, als wolle er ihn trösten.

Die staatsmännische Geste fiel Putin nicht schwer, immerhin hatte er von seiner zuvor heftig gescholtenen Sbornaja in Moskau den höchsten Sieg in einem offiziellen WM-Eröffnungsspiel geschenkt bekommen.

Das 5:0 (2:0) gegen Saudi-Arabien kehrte die lange miserable Stimmung im ganzen Land um und lässt die Russen in der lösbaren Gruppe A mit Ägypten und Uruguay auf den Achtelfinal-Einzug hoffen. Trainer Stanislaw Tschertschessow war vor dem ARD-Mikrofon überwältigt: "Ein 5:0 habe ich mir nicht erträumt. Es ist ein bisschen hoch vielleicht. Aber ich weiß, was die Mannschaft kann. Wir haben uns sehr gut vorbereitet. Wichtig ist, dass die Begeisterung im ersten Spiel im Land da ist."


Russland erfüllt Putins Auftrag

Die wuchs unter den 78.011 Zuschauern von Minute zu Minute. Zwar war den Gastgebern zunächst der Druck deutlich anzumerken, doch Juri Gasinski (12.) sorgte schon früh für die Befreiung (SERVICE: WM-Spielplan)

Die Joker Denis Tscheryschew (43./90.+1) und Artem Dschjuba (71.) sowie Alexander Golowin (90.+4) bescherten der Nummer 70 der FIFA-Weltrangliste den ersten Erfolg bei einer Endrunde seit dem 2:0 gegen Tunesien 2002. "Wenn ich aber jetzt anfange zu träumen", sagte der frühere Bundesligatorwart Tschertschessow, "dann vergesse ich, meinen Job zu machen. Es ist ein Turnier. Es endet nicht mit diesem Spiel."

Während die Spieler sich mit einer Ehrenrunde von den Fans verabschiedeten, plauderte Putin noch immer auf der Tribüne mit FIFA-Präsident Gianni Infantino. Der mächtigste Mann Russlands, eigentlich ein glühender Eishockey-Liebhaber, hatte der Sbornaja vor dem Spiel persönlich aufgetragen, "modern und mit Würde" zu spielen. Mission erfüllt! Auch wenn es in den nervösen ersten Minuten nach der Eröffnungsfeier, bei der Robbie Williams mit einem Mittelfinger für Aufsehen sorgte, noch nicht danach aussah.


Gasinski erzielt erstes Tor

Im Duell der beiden nominell schwächsten WM-Mannschaften versuchte Saudi-Arabien zumindest, Kombinationen aufzuziehen. Aber es trafen die Russen - mit der ersten Chance des Turniers. Der saudische Mittelfeldspieler Taiseer Al-Jassim fiel nach einer Flanke von Golowin auf den Hosenboden, was Gasinski freistehend einen Kopfball und sein erstes Länderspieltor ermöglichte (Der WM-Spielplan zum Ausdrucken).

Torhüter Abdullah Al-Mayouf nutzte dabei auch nichts, dass kein Geringerer als Oliver Kahn mit seiner Akademie die saudischen Keeper für die WM trainiert hatte. Und Putin? Der lächelte kurz, dann breitete er entschuldigend die Hände in Richtung des Kronprinzen aus.

Es folgten allerdings zwei Momente des Luftanhaltens: Innenverteidiger Ilja Kutepow hätte den Ball beinahe ins eigene Tor geköpft (21.), Mittelfeldspieler Alan Dsagojew musste mit einer schmerzhaften Oberschenkelverletzung ausgewechselt werden (24.). Dennoch: Die saudische Spielfreude hatten die körperlich überlegenen Russen mit dem Tor gedämpft. Das Niveau auf beiden Seiten sank minütlich, bis der für Dsagojew gekommene Tscheryschew mit einer Finte zwei Abwehrspieler narrte und aus kurzer Distanz traf.

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Joker überragen

Saudi-Arabien kämpfte mit wachsender Verzweiflung um seine Chance. Das 1:2 bei der Generalprobe gegen die deutschen Weltmeister hatte Anlass zum Optimismus gegeben, doch der Aufbau der Grünen Falken wirkte planlos und selbst im Vergleich mit dem ideenarmen russischen Konterspiel noch klar unterlegen. Al-Jassim bot sich immerhin die Gelegenheit zum Anschluss, doch er rutschte nach einer Flanke knapp am Ball vorbei (57.).

Mit Dschjubas Tor 89 Sekunden nach seiner Einwechslung, dem schnellsten WM-Jokertor seit 2002, war das Spiel entschieden. Tschertschessow, einst Torwart bei Dynamo Dresden, ging beim Jubeln völlig aus sich heraus. Der Rest war ein russisches Schaulaufen mit weiteren Treffern - teils untermalt von La Ola.