Rekord-Gaspreise in Europa - wie hoch können sie noch steigen?

Rekord-Gaspreise in Europa - wie hoch können sie noch steigen?

Die Gasrechnungen in Europa sind nicht zu stoppen. Am Mittwoch erreichten sie an der "Title Transfer Facility" (TTF), dem wichtigsten Handelsplatz für Europa, 292 Euro pro Megawattstunde. Ein Wahnsinnswert im Vergleich zu den 27 Euro vor einem Jahr.

Das neue Allzeithoch folgt einer überraschenden Ankündigung von Gazprom, dem staatlich kontrollierten russischen Energieriesen. Vergangene Woche hieß es, dass die Pipeline Nord Stream 1, die Gas von Russland nach Deutschland leitet, bald abgeschaltet werden soll.

Es stehe eine dreitägige Wartung gemeinsam mit Siemens an. Der russische Staatskonzern sagt, dass die Pipeline auf Risse, Beulen, Lecks und andere potenzielle Störungen überprüft werden muss.

Europäische Politiker haben dem Unternehmen wiederholt vorgeworfen, Energieströme als Waffe einzusetzen und technische Fragen als Vorwand zu nutzen, um Länder nach dem Willen von Wladimir Putin unter Druck zu setzen. "Nach Abschluss der Wartungsarbeiten wird der Gastransport mit einer Rate von 33 Millionen Kubikmetern pro Tag wieder aufgenommen, sofern keine Störungen festgestellt werden", erklärte Gazprom.

Russland dreht den Gashahn allmählich zu

Diese Menge entspricht gerade einmal 20 % der Kapazität der Pipeline, die bis zu 167 Millionen Kubikmeter pro Tag transportieren kann. Die schwindenden Durchflussmengen haben Deutschland, den Hauptempfänger von Nord Stream, dazu gezwungen, die zweite Phase seines Energie-Notfallplans einzuleiten und Uniper, einem Importeur von russischem Großhandelsgas, aus der Patsche zu helfen.

Doch schon vor der aktuellen Ankündigung Gazproms hatten die Gaspreise in ganz Europa einen neuen, stetigen Anstieg begonnen. Ende Juli wurde das bisherige Rekordhoch von Anfang März, kurz nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine, durchbrochen.

Im August ist der Anstieg der Gaspreise scheinbar unaufhaltsam und bringt Europa gefährlich nahe an die 300-Euro-Marke pro Megawattstunde. Ein überdurchschnittlich heißer Sommer und die verstärkte Nutzung von Klimaanlagen haben den Aufwärtstrend angeheizt. Zudem ließ die schwere Dürre, die Wasserkraft schrumpfen und schränkte die Aktivität der Kernkraftwerke ein.

Die nächsten fünf bis zehn Winter werden schwierig werden.

Gleichzeitig sind die Regierungen in den EU-Ländern dabei, ihre Gasspeicher vor der Wintersaison aufzufüllen, weil die Angst vor der Unzufriedenheit der Bevölkerung von Tag zu Tag wächst. Ihr Kaufrausch hat zwangsläufig zu einem Anstieg der Preise geführt. Die Hauptstädte sind bereit, die teure Rechnung zu bezahlen.

"Die nächsten fünf bis zehn Winter werden schwierig werden", warnte der belgische Ministerpräsident  Alexander De Croo. Die Speicher spielen zwar eine Schlüsselrolle bei der Versorgungssicherheit, sind aber weit davon entfernt, ein Allheilmittel für die vielfältigen Energiesorgen zu sein: Die EU verfügt über eine Speicherkapazität von über 100 Milliarden Kubikmetern (bcm) Gas - ein Viertel des jährlichen Verbrauchs von 400 bcm.

Angesichts dieser Schwäche haben sich Mitgliedstaaten bereits auf einen Plan geeinigt, die Gasnachfrage bis zum nächsten Frühjahr freiwillig um 15 % zu senken. Mit dieser beispiellosen Anstrengung sollen die Auswirkungen einer vollständigen Unterbrechung der russischen Gaslieferungen abgefedert werden - ein drastisches Szenario, das aber als immer wahrscheinlicher gilt.

Preise werden wahrscheinlich im Winter ihren Höhepunkt erreichen

Während die Gaspreise weiter steigen, stellt sich eine dringende Frage: Wie hoch können sie noch steigen? "Theoretisch gibt es keine Grenze. Der Markt berücksichtigt typischerweise die schlimmsten Umstände, die schlimmste Interpretation", so Jonathan Stern, Forschungsstipendiat am Oxford Institute for Energy Studies, gegenüber Euronews.

"Wenn Nord Stream 1 nach den dreitägigen Wartungsarbeiten nicht wieder in Betrieb genommen wird, kann man nicht sagen, wie drastisch die Preise werden können. Zumindest, bis wir sehen, wie kalt der Winter wird - dann werden die Preise wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreichen."

Entkopplung von Gas- und Öl-Preis hat Europa anfälliger für Preisschwankungen gemacht

Spekulation ist ein fester Bestandteil des europäischen Energiemarktes. Das System ist heute liberalisiert und reagiert auf die grundlegende Dynamik von Angebot und Nachfrage. In den schlimmsten Monaten der Pandemie, als die Wirtschaftstätigkeit praktisch zum Erliegen kam, fielen die künftigen Gaspreise an der TTF unter 10 Euro pro Megawattstunde, was den Erzeugern große Verluste bescherte.

Das war nicht immer so: Vor den 2000er Jahren basierten die meisten Gasverträge auf einer langfristigen Perspektive und waren an den Preis eines anderen wichtigen fossilen Brennstoffs gekoppelt: Öl. Die Indexierung bot Sicherheit und Stabilität, erwies sich aber als zu starr und künstlich, um den Herausforderungen des neuen Jahrtausends gerecht zu werden.

Der Markt ging allmählich zu kürzeren Verträgen über, die sich an der wirtschaftlichen Entwicklung in Echtzeit orientierten. Das führte zu niedrigeren und wettbewerbsfähigeren Preisen sowohl für die Industrie als auch für die Verbraucher. Diese Flexibilität wurde als unerlässlich erachtet, um die Transparenz zu erhöhen und den grünen Wandel zu unterstützen.

Energiepreis treibt Inflation - es droht eine Rezession

Die Umstellung machte Europa jedoch anfälliger für Preisschwankungen: Mit der steigenden Nachfrage nach Gas stiegen auch die Rechnungen.

Bis 2022 war das Auf und Ab der Preise überschaubar. Auf die Preisspitze, die Ende 2021 inmitten des Wirtschaftsaufschwungs auftrat, hatten die politischen Entscheidungsträger eine mittelmäßige Antwort: Steuersenkungen, Gutscheine für sozial schwache Haushalte und Subventionen für Unternehmen in Schwierigkeiten.

Doch die Entscheidung Russlands als wichtigster Energielieferant der EU in die Ukraine einzumarschieren, hat das liberalisierte System bis an seine äußersten Grenzen gebracht. Spekulationen über den nächsten Schritt von Gazprom sind weit verbreitet und bestimmen das wilde Auf und Ab des Marktes.

Die Haushalte müssen sich mit unvorstellbar teuren Stromrechnungen herumschlagen, Fabriken reduzieren ihre Produktionszeiten, um Strom zu sparen, und die Regierungen arbeiten an Plänen für die gefürchtete Möglichkeit von Gasrationierungen. In der Zwischenzeit treibt die Energie die Inflation auf ein Rekordhoch, die Zentralbanken erhöhen die Zinssätze, der Euro erreicht die Parität mit dem Dollar und eine tiefe Rezession droht dem gesamten europäischen Kontinent.

Ernsthafte Versorgungsengpässe werden bleiben

"Im Falle einer Rezession wird unser Leben in vielerlei Hinsicht schwieriger, aber in Bezug auf die Energie einfacher werden. Die Gasnachfrage wird sinken und die Preise werden weit unter das derzeitige Niveau fallen", sagt Professor Stern.

"Allerdings werden wir in absehbarer Zeit keine 'normalen' Preise sehen - zumindest nicht in den nächsten drei bis vier Jahren", fügt er hinzu und schwächt damit die Warnung von De Croo ab.

Europa, so Stern, stehe aber weiter "ernsthaft unter Versorgungsengpässen", ungeachtet der jüngsten Abkommen mit den USA, Ägypten, Israel, Algerien, Aserbaidschan und Kanada, die auf eine Diversifizierung der Energielieferanten abzielen.

Die jüngsten Daten zeigen, dass Europa Rekordmengen an verflüssigtem Erdgas (LNG) aus Amerika importiert hat, zum Nachteil der asiatischen Region, einem traditionellen Abnehmer.

Doch selbst diese guten Nachrichten reichten nicht aus, um die Gaspreise zu beruhigen. LNG bietet eine  größere Vielfalt als Pipelines, bringt aber hohe Kosten für den Bau von Küstenterminals mit sich. Die Strategie, LNG verschiedener Lieferanten zu beziehen, wird voraussichtlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen, um sich voll zu entfalten und den unruhigen europäischen Energiemarkt zu beruhigen.

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