Reizfigur Werner: Wird die alte Heimat zum Wendepunkt?

Martin van de Flierdt, Jochen Stutzky
Timo Werner überzeugt im DFB-Dress, wird von einigen Fans aber nach wie vor ausgepfiffen

Es hätte einen Schuss Ironie, zugegeben, wäre aber eine interessante Wendung im Drehbuch. 

Man stelle sich vor, Timo Werner kehrt beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Norwegen am Montagabend (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) nach über einem Jahr in die Stuttgarter Mercedes-Benz Arena zurück - und wird weder ausgepfiffen noch mit Schmähgesängen bedacht. 

In seiner Heimatstadt, wo sie ihm den Wechsel zu RB Leipzig im Sommer 2016 sehr übel genommen haben, weit vor der viel diskutierten Schwalbe von Schalke. "Ich freue mich, wieder in Stuttgart spielen zu dürfen", meint Werner selbst.

"Es hat lange gedauert, ein ganzes Jahr. Ich hatte eine schöne Zeit beim VfB. Selbst wenn da irgendwelche Pfiffe kommen, ist mir das dann egal.“ 

14 Jahre hat er das Stuttgarter Trikot getragen, galt als der Hoffungsträger schlechthin aus der eigenen Jugend der Schwaben - und verließ den Verein zum von Traditionalisten verhassten Aufsteiger aus Leipzig, als der VfB Stuttgart in die Zweite Liga musste.


Werner stagnierte in Stuttgart

"Timo ist nach dem Abstieg gegangen", sagt Bundestrainer Joachim Löw. "Das mag VfB-Fans nicht gefallen, ist aber völlig legitim." Werner ist immer noch der jüngste Bundesligadebütant und –torschütze der Stuttgarter.

"Da ist eine Erwartungshaltung entstanden, die man als 18-Jähriger wahrscheinlich nicht erfüllen kann", meinte der Angreifer jüngst in der Süddeutschen Zeitung. "Ich kam aus der Jugend mit dem Ruf, dass ich ständig Tore schieße. Aber zeigen Sie mir mal den Spieler, der 20-mal trifft, wenn man im Abstiegskampf steckt." 

Werner war es nicht, seine Entwicklung stagnierte. Er konnte dem VfB nicht wie gewünscht helfen und war selbst unzufrieden: "Dann ist es auch klar, dass nicht nur manche Fans, sondern vielleicht auch mal Mitspieler oder Trainer denken: Und das soll dieser Superspieler sein?“ 


Größeres Ansehen dank Millionenablöse 

Der wurde er dann erst in Leipzig. Nicht zuletzt deswegen, weil er eben nicht mehr das Talent aus dem eigenen Nachwuchs war, das sich erstmal hochdienen muss.

"Es klingt verrückt, aber eine Ablöse von zehn Millionen Euro ändert dein Ansehen in der Mannschaft", wunderte sich Werner. "Das ist ein völlig anderer Stempel.“ 

Den anderen, den er seit der Flugeinlage im Dezember 2016 trägt, würde er gerne los und erhält da komplette Rückdeckung des Bundestrainers.

"Oberpeinlich" seien die  Pöbeleien gegen seinen formstärksten Stürmer. "Das ist nicht fair, schon gar nicht mehr lustig", sagte Löw. "Timo spielt mit größter Freude und Leidenschaft für Deutschland." 

Deshalb erwarte er einen "fairen Umgang" mit dem 21-Jährigen.

Aufruf von Schlagersänger Ikke Hüftgold

Inzwischen hat sich sogar der Mann zu Wort gemeldet, der mit seinem nach eigener Aussage satirischen Ballermann-Song die Vorlage zur öffentlichen Verballhornung Werners geliefert hat.

"Lasst den Jungen Tore für Deutschland schießen und honoriert endlich seine sportliche Leistung", schrieb der Schlagersänger Ikke Hüftgold auf seiner Facebook-Seite.

Vielleicht hat ja auch seine Zielgruppe in den Stadien irgendwann ein Einsehen. Es wäre schön, wenn ausgerechnet Stuttgart am Abend mit gutem Beispiel voranginge.