Wie das Reisen vom Luxusgut zur Massenware wurde

Alljährlicher Urlaub ist für viele Deutsche heute normal. Wie es zum Wandel von der Kavaliersreise zum Massentourismus kam und wie eine der größten Industrien Deutschlands entstand, erklärt der Historiker Hasso Spode.

Herr Spode, seit wann reist der Mensch – nicht im Sinne von Wanderungsbewegungen, sondern um des Reisens willens?
Die Reise als Selbstzweck taucht erstmals in der Antike auf, vor allem in der Römischen Kaiserzeit. Die Römer schufen den Cursus publicus, ein fantastisches System, das hunderttausend Straßen- und Schifffahrtskilometer umfasste. Dieses System war allerdings nur für Funktionsträger gedacht, nötig war eine Art Erlaubnisschein. Teile dieses Systems befahren wir bis heute mit dem Auto, etwa die Via Appia in Rom. Das Straßensystem und die innere Sicherheit, die die Pax Augusta gewährte, machten das Reisen so komfortabel, dass reiche Menschen erstmals bloß zum Vergnügen reisten.

Wofür unternahm die Oberschicht diese Reisen?
Man hatte seine Villa am Golf von Neapel, besuchte Heilquellen, Tempel, auch die Spiele von Olympia und sogar die Pyramiden. Mit dem Zusammenbruch der römischen Staatlichkeit ab  dem fünften Jahrhundert ging das verloren. Im Mittelalter reisten die Menschen dann nur noch, wenn es zwingend nötig war oder sie sich davon einen Gewinn versprachen – Händler, Soldaten, Gesandte, aber auch Pilger, die furchtbare Angst vor dem Höllenfeuer hatten, unternahmen dieses gefährliche Unterfangen.

Wann keimte die touristische Reisekultur wieder auf?
In der frühen Neuzeit, vom 16. bis 18. Jahrhundert, etablierte sich die Institution der Grand Tour – die Kavaliersreise. Der europäische Adel schickte seine Söhne für mehrere Monate, manchmal sogar für Jahre auf die große Rundreise. Sie sahen den Versailler Hof, besuchten Florenz und andere berühmte Städte. Da gab es einen richtigen Kanon und entsprechende Bücher, die die Sprösslinge des Adels währenddessen abarbeiteten. Parallel dazu entwickelte sich die Walz, die Handwerkerreise, die mehrere Jahre dauerte. Die Grand Tour wie die Walz dienten vor allem der Ausbildung, blieben also zweckgebundene Unternehmungen.


Das klingt noch nicht so recht nach Urlaub.
Erst mit dem Aufkommen der Romantik entstanden die Vorläufer unseres heutigen Tourismus. Die Romantik war fortschrittskritisch; heute heißt es: „früher war alles besser“, damals: „zurück zur Natur!“. Denken Sie an Jean-Jacques Rousseau, der schrieb, der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten. Die Ketten, das waren die Konventionen und Gesetze. Um den Naturzustand noch einmal zu erleben, musste sich der Mensch weg von den städtischen Zentren hinaus in die ländliche Peripherie begeben – in die Berge, die man bis dahin für hässlich und gefährlich hielt. Speziell die Alpen waren für die Menschen der Horror. Als Martin Luther um 1510 nach Rom pilgerte, führte er ein detailliertes Tagebuch, dort findet sich allerdings keine Zeile über die Alpen, die er durchquert hatte.

Weil sie ihn nicht interessierten?
Weil die Berge für ihn schrecklich waren. Das ändert sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts – der romantische Blick betont die Erhabenheit der Natur, die Natur ist etwas Großartiges. Nicht nur die Berge werden völlig neu betrachtet, auch die Meeresküsten. Vor der Romantik waren die Meere ebenfalls etwas Schreckliches, bewohnt von allerlei Ungeheuern und Piraten. Plötzlich fingen die Menschen an, freiwillig ans Meer zu reisen, um dort zu baden.



Die Kommerzialisierung des Reisens


Der Küsten- und Gebirgstourismus sind also die direkten Vorläufer unseres heutigen Tourismus. Wie kam es dann zur Kommerzialisierung?
In den Städten, durch die die Grand Tour die Sprösslinge des Adels führte, gab es bereits Souvenirhändler, Gastwirte und Kutscher, die davon lebten. Das waren aber kleine Gewerbe, die weit davon entfernt waren, was wir heute unter Tourismusindustrie verstehen. Die entwickelte sich mit dem Aufkommen der Eisenbahn. Die erste Strecke für den Personenverkehr eröffnete 1830 in England, und sogleich wurde die Bahn genutzt, um verbilligte Sammelfahrten zu organisieren.

Damit verbinden wir heute als erstes den Namen Thomas Cook.
Dass die Menschen bis heute glauben, Thomas Cook hätte die Pauschalreise erfunden, hat mit einer hervorragenden Legendenbildung zu tun. Cook war keineswegs der erste in diesem Metier, er war nur erfolgreicher als alle anderen. Allzu viel Innovatives kam von ihm nicht. Nehmen wir beispielsweise die Hotelcoupons – eine tolle Idee. Dank ihnen wussten Reisende schon Wochen vor Reiseantritt, wo sie schlafen würden und mussten sich keine Unterkunft vor Ort suchen. Erfunden hat Cook die Coupons nicht, aber er hat das System perfektioniert. Eine ähnliche Rolle in Deutschland spielte Carl Stangen. Sie und viele andere etablierten erste Ansätze einer Industrialisierung des Reisens.

Woran machen Sie das fest?
Stangen beispielsweise schickte hunderte Menschen gleichzeitig mit Sonderzügen nach Venedig für fünf oder sechs Tage. Das musste entsprechend organisiert werden: die An- und Abreise, die Verpflegung, die Unterkünfte.


Jeder wurde mit dem gleichen Paket abgefertigt.
Genau. Den Durchbruch erreichte der seriengefertigte Pauschalurlaub allerdings erst während der Nazizeit. Kraft durch Freude (KdF)…

… eine Organisation, die das Ziel hatte, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten und zu überwachsen…
… war gleich mit ihrer Gründung der größte Reiseveranstalter der Welt. Der Leiter des Amtes für Reisen, Wanden, Urlaub war ein wahres Organisationsgenie. Am Eröffnungstag kutschierte er 10.000 „Arbeiter“ durch das Reich und brachte sie preiswert unter – ein propagandistischer Paukenschlag, der auch im Ausland große Wirkung hatte.

Konnten sich damit auch die einfachen Menschen Reisen leisten? Die waren ja bis dato vom Tourismus ausgeschlossen.
Das behauptete zumindest die Propaganda. Zwar schickte KdF bis zum Kriegsbeginn sieben Millionen „Volksgenossen“ auf Urlaubsreise und weitere 36 Millionen auf Wochenendfahrt, darunter viele aus unteren Schichten, dennoch gelang damit noch kein sozialer Durchbruch. Weiterhin blieb die Urlaubsreise letztlich eine Sache der „besseren Leute“ – gegenüber der Kaiserzeit war das kein fundamentaler Fortschritt. Was KdF leistete, war es, den Wunsch zu reisen in die Köpfe der Deutschen zu pflanzen. Weite Teile der Bevölkerung wären vorher niemals auf die Idee gekommen, dass sie Urlaub machen könnten. KdF war quasi eine riesige Wunschmaschine. In anderen europäischen Ländern gab es übrigens ähnliche Entwicklungen – das war nichts, was nur den Nazis in den Sinn kam.



„Die Demokratisierung des Luxus ist ein Widerspruch in sich“


Wann kam es dann zu einer wirklichen Demokratisierung des Reisens, wie wir sie heute kennen?
Das war ein langer Prozess, der nicht schlagartig ablief. Begonnen hat er, als das Bürgertum während der Kaiserzeit anfing zu reisen. Ein weiterer wichtiger Schritt kam mit KdF in der Nazizeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Massen in Deutschland völlig verarmt und damit beschäftigt, wieder den Wohlstand der Vorkriegszeit zu erreichen. Ans Reisen war da für die meisten nicht zu denken. Der Massentourismus entwickelte sich erst im Laufe des „Wirtschaftswunders“. Ab den 1960er-Jahren revolutionierte zudem das Flugzeug das Transportwesen auf ähnliche Weise wie die Eisenbahn zuvor. Damals wurden erstmals Düsenflugzeuge eingesetzt, die waren billiger, flogen schneller und höher als Propellermaschinen. Das brachte weniger Turbulenzen in der Luft und die Menschen griffen nicht mehr so oft zum Speibeutel. Mit den Großraumflugzeugen Anfang der 1970er-Jahre, voran dem „Jumbo-Jet“, fielen die Flugpreise dann ins Bodenlos. Erstmals verreiste mehr als die Hälfte der Deutschen, in den Achtzigern wurde die alljährliche Urlaubsreise für breite Schichten normal.

Wie sehr hat das Flugzeug unser heutiges Reisen geprägt?
Soziologisch betrachtet hat das Flugzeug am Reiseverhalten wenig verändert. Die Reiseintensität stieg zur gleichen Zeit wie in Westdeutschland auch in der DDR an – und dort reisten die Menschen per Bahn oder Auto und nicht per Flugzeug. Das Flugzeug hat auch kaum neuen Reisepraktiken geschaffen. Es hat lediglich dazu geführt, dass entferntere Ziele leichter zu erreichen waren.

Aber das ist doch eine immense Veränderung.
Das Flugzeug hat das Reisen endgültig globalisiert. Wir hatten schon um 1900 Strandurlaub, „Rucksacktouristen“ in den Bergen und auch exklusivere Dinge, etwa eine Bärenjagd in Sibirien oder eine Fahrt mit dem Luxusdampfer bis nach Grönland waren schon vor dem Ersten Weltkrieg möglich. Die Reisebranche ist absolut nicht innovativ, auch wenn sie sich das selbst gerne erzählt. Die ach so neuen Baukastenreisen kennen wir ja seit Thomas Cook.


Heute, wo das Reisen kein Luxus mehr ist, geht es vor allem um die Inszenierung der Reisen: Die Menschen erklimmen höhere Berge, besuchen entlegenere Städte und betreiben ausgefallenere Sportarten. Ist das die Folge der Demokratisierung des Reisens?
Die Demokratisierung des Luxus ist ein Widerspruch in sich. Die Demokratisierung führt zwangsläufig dazu, dass die einfache Reise entwertet wird und sich die Distinktionsspiele verschärfen. Man setzt sich über den Reisestil von anderen ab. Das Bürgertum ist da sehr erfinderisch. Aber auch das gab es schon lange vor dem Flugzeug. Wir sind Reisende und ihr seid Touristen – das war seit dem 19. Jahrhundert die gängige Reaktion des etablierten Bürgertums auf nachdrängende Schichten. Die Reisen des Bürgertums, etwa in die „Sommerfrische“, mussten dabei nicht einmal teuer sein – sie sollten „guten Geschmack“ demonstrieren.

Am Münchener Flughafen konnten wir jüngst eine der Auswirkungen betrachten: Ein kleiner Fehler im System führte zu gigantischem Chaos – die Abfertigungsmaschinen laufen an den Knotenpunkten auf Hochtouren, nahe der Überforderung. Glauben Sie, dass es noch lange so weitergehen kann, insbesondere im Hinblick auf die Umweltschäden durch Flugreisen?
Mit dem Massentourismus hat das Fliegen fantastische Dimensionen angenommen, das  exklusive Flair ist dahin. Das grüne Bildungsmilieu beklagt denn auch gerne die Zunahme der Flugreisen, nicht ganz zu Unrecht. Allerdings ist diese Haltung verlogen, denn diese Schicht ist es, die am meisten fliegt und den größten ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Die fliegen nach Sri Lanka in den Urlaub und leben dann dort in einem Nullenergiehaus. Solche Menschen werden sich ihren Spaß an Fernreisen nicht kaputt machen lassen – und gleichzeitig auf die vermeintlich primitiven Touristen herabblicken, die nur nach „Malle“ zur „Schinkenstraße“ reisen. Dabei ist das allemal ökologischer als ein Trip nach Sri Lanka, egal wo man da haust. Ich glaube nicht, dass unsere jetzige Art des Reisens ewig so weitergeht, aber das dürfte eher von unvorhersehbaren Entwicklungen abhängen. Stiege beispielsweise langfristig der Kerosinpreis, würde das Fliegen wieder deutlich teurer und exklusiver. Vielleicht wird die Bahn dann wieder das Reisemittel der Wahl – und auch das derzeit so gescholtene Auto.