"Reise ins Herz der Revolte": TV-Doku erforscht, wie aus normalen Bürgern Systemfeinde werden

·Lesedauer: 4 Min.

Viele von ihnen kommen aus der Mitte der Gesellschaft, nicht wenige haben sich seit Pandemie-Beginn radikalisiert. Doch wer sind die "Querdenker" eigentlich - und wie wurden sie dazu? Eine am späten Montagabend gesendete ARD-Doku versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen

Querdenker Leif H. demonstriert in Kiel gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Bild: NDR/Henning Wirtz)
Querdenker Leif H. demonstriert in Kiel gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. (Bild: NDR/Henning Wirtz)

Vieles, was zuvor undenkbar schien, wurde mit Ausbruch der Corona-Pandemie Realität. Das zeigt ein Blick in die Sozialen Medien - und auch auf so manche neue gesellschaftliche Strömung: Scheinbar unpolitische Bürger taten plötzlich ihre Meinung kund, gingen demonstrieren und schimpften auf die Regierung. Am auffälligsten zeigt sich diese Entwicklung bei der sogenannten "Querdenken"-Bewegung. Tausende Menschen aus der Mitte der Gesellschaft protestierten erst gegen Masken und Maßnahmen, später teilweise auch gegen die Impfung, und einige richteten ihre Wut sogar gegen eine angebliche "Corona-Diktatur". Nicht wenige von ihnen radikalisierten sich in den letzten Monaten immer mehr. Wer sind diese Leute? "Die Story im Ersten", die am späten Montagabend ausgestrahlt wurde und nun in der Mediathek zu finden ist, forscht nach.

Für ihre Dokumentation trafen die NDR-Autorinnen Svea Eckert und Caroline Schmidt drei "Querdenker", die beispielhaft für eine Bewegung stehen, deren Anhänger den etablierten Medien sonst eher feindselig gegenüber stehen. Dass sie sich im Öffentlich-Rechtlichen derart offenbaren, ist eine Seltenheit und fraglos die Stärke dieser TV-Doku. So begleitet der Film etwa ein Paar aus Schleswig-Holstein - er Segellehrer, sie Kindergärtnerin - mit vier Kindern und einer gehörigen Portion Impfskepsis. Letztere war zunächst nebensächlich, bildete ab April 2020 aber den Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die vom Protest gegen die Maßnahmen bis zum politisch extremen Rand führte.

Private Momente

Ähnlich war es auch bei einer Verwaltungsfachangestellten aus Hamburg. Nachdem sie im Netz viel zur Kritik an den Corona-Maßnahmen gelesen hatte, glaubte die Mutter zweier Kinder an die "Corona-Diktatur". Doch sie folgte den Verschwörungstheorien nicht nur, sondern wurde auch selbst aktiv - unter anderem als Mitinitiatorin der "Querdenken"-Bewegung Hamburg und Gründerin eines eigenen Telegram-Kanals. Außergewöhnlich: Die Filmemacherinnen durften sie auf von ihr angemeldete Demonstrationen begleiten. Anders als viele ihrer Mitstreiter glaubt die "Querdenkerin" noch an einen Austausch, auch mit den Medien.

Sie kommt aus der Mitte der Gesellschaft: Querdenkerin Selina F. hat sich in der Corona-Pandemie radikalisiert. (Bild: NDR)
Sie kommt aus der Mitte der Gesellschaft: Querdenkerin Selina F. hat sich in der Corona-Pandemie radikalisiert. (Bild: NDR)

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Dass die Sozialen Medien oft entscheidend zur Radikalisierung beitragen, ist bekannt. Warum das so ist, erklären im Film Experten wie der Konfliktforscher Andreas Zick und der Politologe Josef Holnburger, der Telegram-Gruppen untersucht und seit Beginn der Corona-Krise einen großen Anstieg der Interaktionen feststellte. Ein weiterer wichtiger Austausch-Kanal ist Facebook: Exemplarisch durften die NDR-Autorinnen anhand der Online-Historie eines ehemaligen "Systemgegners" dessen Radikalisierung nachverfolgen. Einblicke, die dieser Tage nicht selbstverständlich sind - und aufzeigen, wie aus ganz "normalen" Menschen plötzlich "Querdenker" werden können.

Was sagt die Konfliktforschung?

Coronaskeptiker bei einer Demo in Berlin: Wie werden Menschen zu
Coronaskeptiker bei einer Demo in Berlin: Wie werden Menschen zu "Querdenkern"? (Bild: 2021 Getty Images/Sean Gallup)

Im Film wird die Recherche etwas zu reißerisch als "eine Reise ins Herz der Revolte" bezeichnet. Die entscheidende Frage laute dabei: "Warum denken diese Menschen so anders als die Mehrheit der Rest der Gesellschaft?" - Eine schlüssige Antwort liefert da letztlich auch dieser Beitrag nicht. Die Bilder von Demonstrationen, von notorischer Maskenverweigerung und aggressiv zur Schau getragener Anti-Haltung, sie sind wahrlich nichts Neues mehr.

Und doch geht der Film in seinen besten Momenten erstaunlich tief: Immer wenn es privat wird, wenn die Kameras im Alltagsleben der Protagonisten dabei sind und sie daheim, bei ihren Familien oder auch mal bei einem ruhigen Spaziergang begleitet werden, bekommt man zumindest eine Ahnung, was sie umtreibt. Es sind unaufgeregte, fast intime Einblicke in ganz normale Lebenswelten, die dem Zuschauer hier gewährt werden. Vom "Querdenker"-Alarm ist da nicht mehr viel zu spüren. So wird vielleicht nicht unbedingt Verständnis, aber immerhin eine gewisse Empathie erzeugt - dort, wo sie sonst eher nicht zu finden ist. Das ist im Angesicht einer viel zitierten gespaltenen Gesellschaft gewiss nicht das Schlechteste.

Konfliktforscher Andreas Zick erklärt im Film, in Zeiten der Verunsicherung suche man Halt bei Gleichgesinnten: Wer nicht an eine Pandemie glaube, wende sich Medien zu, die das auch nicht tun - egal, wieviel Expertise dahintersteckt. Viele, so Zick, sagten, sie würden ihrem Gefühl mehr glauben "als den sogenannten Experten". Darauf fuße im Grunde der ganze, massive gesellschaftliche Konflikt. Das Procedere dahinter sei wissenschaftlich gut erforscht: Der Weg führe in mehreren Stufen immer tiefer hinein - oder immer weiter weg, je nach Perspektive.

Er hat sich in sozialen Medien radikalisiert: Marcel H. glaubte an Verschwörungstheorien. Inzwischen hat er den Ausstieg aus den Netzblasen geschafft. (Bild: NDR/Alexander Rott)
Er hat sich in sozialen Medien radikalisiert: Marcel H. glaubte an Verschwörungstheorien. Inzwischen hat er den Ausstieg aus den Netzblasen geschafft. (Bild: NDR/Alexander Rott)

Dass es auch in die umgekehrte Richtung gehen kann, zeigt die Geschichte von Marcel H. Er glaubte an Verschwörungstheorien, radikalisierte sich im Netz, entwickelte eine Wut auf Angela Merkel, träumte vom Systemsturz. Doch inzwischen hat er den Ausstieg aus den Netzblasen geschafft. In der Rückschau zeigt er sich nun selbst über die ein oder andere Wortmeldung in den Sozialen Medien erschrocken.

Im Video: Die Querdenker-Bewegung - Wissenswertes im Überblick

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