Wird Friedrich bei Hertha zum besseren Klinsmann?

Christian Paschwitz
·Lesedauer: 4 Min.

Natürlich sind die Absichten nur die allerbesten und kreisen um die nächstliegenden Schritte. Und so erscheint es im ersten Moment denn auch völlig banal, dass Arne Friedrich vordergründig nach einem erfolgreichen Verbleib in der Bundesliga trachtet.

"Es ist eine herausfordernde Challenge. Wir sind überzeugt, in der Liga zu bleiben, aber es ist noch ein harter Weg bis zum Ende der Saison", sagte der Sportdirektor von Hertha BSC im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1. "Aber wir arbeiten sehr gut alle zusammen, und ganz wichtig: In der Mannschaft ist Leben!" (Service: Ergebnisse und Spielplan)

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Der Plan ist klar: Ruhe reinbringen und raus aus dem Abstiegskampf, in dem der Tabellen-15. nach dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart noch längst nicht über den Berg ist. (SERVICE: Die Tabelle der Bundesliga)

Und doch schwebt Friedrich - wen wundert's - noch viel mehr vor bei dem einst selbst ernannten Big City Club.

Hertha BSC: Arne Friedrich in Klinsmanns Rhetorik

So weit, so legitim - und nachvollziehbar nach der vergangenen Berliner Tristesse.

Was dabei jedoch auffällt bis irritiert: Ausgerechnet Friedrich, als "Performance Manager" im November 2019 von Jürgen Klinsmann in die Hauptstadt geholt, klingt dabei so, als spräche der so unrühmlich gescheiterte Ex-Trainer höchstselbst aus ihm. (SERVICE: Ergebnisse/Spielplan der Bundesliga)

"Wir müssen alles hinterfragen, jeden Stein umdrehen, dazu gehört neben einem kurzfristigen Plan auch ein langfristiger", sagte Friedrich nun im CHECK24 Doppelpass.

Ein rhetorischer Zufall, dass der frühere Nationalspieler sich dabei des exakt gleichen Vokabulars bedient wie ehedem der bei der Hertha nach nur 76 Tagen geflohene Klinsmann, der zuvor auch schon beim DFB, dem FC Bayern und als Nationalcoach der USA angekündigt hatte, jeden Stein umdrehen zu wollen?

Friedrich: Preetz-Nachfolger und viel mehr im Blick

Es ist schwierig, Friedrich sowohl für das eine als auch das andere etwas unterstellen zu wollen.

Augenfällig ist immerhin, dass Herthas Hoffnungsträger, zur Saison 2020/'21 dann zügig zum Sportdirektor weiterbefördert und erst seit Ende Januar als Nachfolger des entlassenen Managers Michael Preetz mit noch mehr Macht ausstaffiert, in seiner neuen Verantwortung anders als noch vor einigen Wochen ("Er hat einen Riesenfehler gemacht") offenbar nicht mehr komplett den Stab über Klinsmann brechen mag.

"Wir müssen die Hertha auf lange Sicht umstrukturieren: Wofür stehen wir, was ist unsere DNA?", sagte Friedrich.

Sind sich der 41-Jährige und Klinsmann ("Sein Abgang war definitiv nicht in Ordnung, da würde ich in der Bewertung mit einer 6 minus mitgehen. Das weiß er auch, aber das ist abgehakt") trotz dessen damaliger Fundamentalkritik an der Hertha am Ende gar näher im Geiste als vermutet?

Dass der frühere Bundestrainer auch Gutes in Berlin bewirkt habe, ließ Friedrich erstmals auch schon im vergangenen August durchblicken: "Er hat hier etwas bewegt. Er hat alles auf den Prüfstand gestellt und wollte viele Dinge in kurzer Zeit anschieben. Der Ansatz war richtig, aber das Ende war natürlich schlecht."

Hertha-Investor Windhorst hält sich zurück

Umso besser soll es nun unter Friedrich werden - zusammen mit dem neuen und alten Hertha-Coach Pál Dárdai. Und ungeachtet des Abstiegskampfs soll die Neuausrichtung zusehends in den Vordergrund rücken.

Diesbezüglich dürfte auch Lars Windhorst ein gehöriges Wörtchen mitreden wollen. Beim Tagesgeschäft halte sich der Investor aber zurück, betonte Friedrich: "In meine Aufgaben mischt sich Lars Windhorst nicht ein, wir können frei arbeiten." Es sei jedoch "logisch, dass man Erfolg haben will, wenn man viel Geld investiert".

Denkbar ist zudem, dass dabei auch Winter-Neuzugang Sami Khedira trotz seiner bereits 33 Jahre eine gewichtige Rolle spielt. Zum Saisonende wollen sich Friedrich und der von Juventus Turin für zunächst fünf Monate geholte 2014-Weltmeister "in Ruhe hinsetzen und auch über die weiteren Pläne sprechen".

Die Spekulationen über eine Rückkehr von Fredi Bobic (derzeit Eintracht Frankfurt), der Preetz ab Sommer ersetzen könnte, wollte Friedrich nicht kommentieren. "Ich kenne ihn als Mitspieler und habe eine hohe Meinung von ihm", sagte der frühere Hertha-Kapitän lediglich: "Mit mir hat darüber auch keiner gesprochen. Ich kann zu den Gerüchten nichts sagen."

Hertha-Boss Schmidt voll des Lobes

Muss er auch nicht. Friedrich und seine bisherige Arbeit sprechen anscheinend für sich selbst, werden - anders als bei Klinsmann - höchst positiv registriert.

"Ich bin sehr froh, dass Arne hinter der Aufgabe steht", sagte Herthas CEO Carsten Schmidt unlängst bei Sky90. Er habe Friedrich in der kurzen Zeit der Zusammenarbeit als "meinungsstarken, reflektierten und mit Energie geladenen Kollegen kennengelernt".

Man sollte den in seiner Zeit als Profi lange unter akutem Leisetreter-Verdacht stehenden Friedrich offenbar keineswegs unterschätzen - erst recht nicht, wenn er nun womöglich zum "besseren" Klinsmann reift.