Reicht die Corona-Notbremse, um die Dritte Welle zu besiegen? Das sagen Experten

Josh Groeneveld
·Lesedauer: 5 Min.
Ein Intensivpfleger auf einer Corona-Station in Berlin
Ein Intensivpfleger auf einer Corona-Station in Berlin

Am Mittwoch kommt der Bundestag zusammen, um über die von der Bundesregierung geplante erneute Änderung des Infektionsschutzgesetzes abzustimmen. Wird das Gesetz — wie erwartet — vom Parlament abgesegnet, gelten in Zukunft dann bundesweit einheitliche Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Zu der sogenannten Notbremse, die in Landkreisen mit einer Inzidenz über 100 verpflichten wird, gehören folgende Maßnahmen:

  • Eine nächtliche Ausgangssperre von 22 Uhr bis 5 Uhr. Bis 24 Uhr darf gejoggt und spaziert werden.

  • Betriebe müssen Mitarbeitern Home Office anbieten, "wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen." Mitarbeiter müssen diese Angebote annehmen, "soweit ihrerseits keine Gründe entgegenstehen.“

  • Arbeitgeber müssen Mitarbeitern zweimal pro Woche einen Corona-Schnelltest anbieten.

  • Die meisten Geschäfte, Freizeiteinrichtungen und Kulturbetriebe müssen schließen. "Click & Collect" soll im Einzelhandel möglich bleiben.

  • Ab einer 7-Tage-Inzidenz von 165 müssen auch Schulen schließen und der Unterricht digital stattfinden.

Auf viele dieser Regeln, teilweise sogar in schärferer Form, hatten sich Bund und Länder eigentlich schon Anfang März geeinigt. Die Länder wendeten sie aber nicht konsequent an, lockerten vielerorts sogar. Die Bundesregierung zwingt ihnen nun die Notbremse geradezu auf. Aber reicht das, um die dritte Welle der Corona-Pandemie in Deutschland zu brechen?

"Und ehrlich gesagt hilft dann auch keine Notbremse mehr"

Nach Meinung von Gesundheitspolitikern aus Regierung und Opposition sowie vielen führenden Wissenschaftlern: Nein.

Seit Wochen plädiert etwa Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für einen Lockdown, der über die in der Notbremse festgehaltenen Maßnahmen hinausgeht. So müssten Schulen und Kitas auf Notbetreuung heruntergefahren und private Kontakte auch am Tag eingeschränkt werden.

Impfen und Testen allein reiche nicht aus, um die dritte Welle zu brechen, sagte Spahn vergangene Woche in Berlin auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Lothar Wieler, dem Direktor des Robert-Koch-Instituts. Auch dieser forderte damals einen härteren Lockdown und verglich die Infektionslage in Deutschland mit einer steilen Kurve in den Dolomiten: "Jeder weiß, in diese Kurve kann ich nur mit 30 fahren. Wenn ich hier mit einer Geschwindigkeit von 100 reinfahre, dann ist das lebensgefährlich. Man kommt nämlich von der Straße ab. Und ehrlich gesagt hilft dann auch keine Notbremse mehr."

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt seit Tagen und Wochen vor einem zu leichten Lockdown. Die nun von der Bundesregierung ausgearbeitete Notbremse hält Lauterbach für unzureichend. Eine härte Ausgangssperre ab 20 Uhr hätte mehr Kranke und Tote verhindert, schrieb Lauterbach am Montag auf Twitter. Auch Schulen erst bei einer Inzidenz von 165 zu schließen sei zu spät — schon jetzt liege die Inzidenz bei Kindern um die 240.

Auch Christian Drosten, Leiter des Berichts Virologie an der Berliner Charité, zeigte sich zuletzt skeptisch, was die Wirksamkeit der Notbremse gegen die dritte Coronawelle in Deutschland angeht. „Ich denke, dass man anhand der sich jetzt einstellenden Situation in den Krankenhäusern auch noch mal anders reagieren muss“, sagte der Corona-Experte vor einer Woche im Podcast „Coronavirus-Update“ bei NDR-Info. Dies müsse in „allernächster Zeit“ geschehen.

Modellierungen zeigen: Notbremse führt nicht aus der dritten Welle

Diesen Schluss legen auch mathematische Modellierungen der Verbreitung des Coronavirus in den kommenden Wochen in Deutschland nahe.

Schon Mitte März hatten Aerosol- und Mobilitätsforscher der TU Berlin Berechnungen über die Ausbreitung des Coronavirus unter Berücksichtigung der Anfang März beschlossenen Notbremse angestellt. Ihr Ergebnis: "Trotz Notbremse wird die dritte Welle im Maximum zu höheren Inzidenzen führen als die zweite Welle, da die Mutation B.1.1.7 deutlich ansteckender ist, als die bisherigen Virusvarianten." Je nach Impffortschritt und Anzahl von Testungen könne die 7-Tages-Inzidenz im Mai auf Werte zwischen 1000 und 2000 steigen. Vor allem ungeschützte Kontakte in Innenräumen seien Treiber der Pandemie, es "müssen zusätzliche Anstrengungen unternommen werden, um solche ungeschützten Kontakte zu reduzieren."

Bisher blieb ein Anstieg auf solche dramatischen Höhen aus. Die 7-Tages-Inzidenz in Deutschland liegt aktuell bei etwa 160, war zuletzt sogar gefallen. Forscher der Universität Saarbrücken kommen in ihren Corona-Modellierungen von vergangener Woche so auch zu weniger dramatischen Inzidenz-Prognosen. "Sollte die Notbremse nicht gezogen werden, dann könnte in den nächsten 10 Tagen die 7-Tages-Inzidenzmarke von 200 Fällen erreicht sein", schrieben die Forscher am Dienstag vergangener Woche. "Die Belegung der Intensivstationen dürfte, trotz Impfungen, weiter ansteigen."

Tatsächlich ist das der Fall. Die Zahl der belegten Intensivbetten liegt laut Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bei über 4700; nur um Weihnachten war diese Zahl höher. Die schlechte Nachricht: Die Forscher aus Saarbrücken erwarten einen weiteren Anstieg, selbst dann, wenn die neuen Bundesnotbremse greift: "Bei einer Notbremse ab dem 19.04.2021 dürfte trotz allem die 7-Tage-Inzidenz von 200 erreicht werden. Der Peak bei den Belegungen der Intensivbetten kann Anfang Mai erwartet werden."

Noch deutlicher wird Dirk Brockmann, Physiker und Biologieprofessor an der Humboldt-Universität. Er modelliert für das Robert Koch-Institut das Corona-Infektionsgeschehen und sagte am vergangenen Freitag dem "Spiegel" über die geplante Notbremse: "Wenn wir jetzt immer bei einer Inzidenz knapp unter 100 lockern, müssen wir kurz darauf wieder schließen. Das ist eine Betriebsanleitung für einen erfolgreichen Dauer-Lockdown."

Brockmann fordert stattdessen einen harten, kurzen Lockdown, der die Corona-Inzidenz so niedrig wie möglich drücken soll: "Wenn die Inzidenzen runter sind, können die Gesundheitsämter die Kontakte wieder nachverfolgen und Infizierte schneller isolieren. Bei niedrigen Inzidenzen können wir wieder weitgehend zum Alltag zurückkehren, wenn dann schnell, früh und regional differenziert auf steigende Zahlen reagiert wird."