Reich erben reicht nicht mehr

Deutschlands Blaublüter streiten gerne mal ums Geld. Damit es für sie wieder läuft, eifern sie bürgerlichen Industriellen nach.


Und dann ist es ausgerechnet ein Mann in Arbeiterkluft, der seine Durchlaucht, den Grafen von Oeynhausen-Sierstorpff, zurückpfeift. „Stopp“, ruft es aus dem Hintergrund. „So können Sie da nicht rein.“ Marcus von Oeynhausen-Sierstorpff, Statthalter seines Adelsgeschlechts in siebter Generation, stoppt wenige Schritte hinter dem Eingang zur Fertigungshalle des Bad Driburger Mineralwasserbrunnens. Ein gedrungener Herr verlässt das Aufseherhäuschen, eilt auf den Hausherren zu und wedelt mit einer Warnweste. „Ohne die kommt hier niemand rein.“ Der Graf schaut irritiert in die menschen- und arbeitsleere Halle. „Aber ich dachte ...“ „Nein, Vorschrift ist Vorschrift.“

Der Graf nimmt die Weste und streift das schreiend gelbe Plastik über seinen blauen Anzug. Der Arbeiter nickt zufrieden. Schön, wenn der Chef hört.

Der Graf eilt weiter durch die Halle. Heilwasser füllen sie hier im Ostwestfälischen seit Jahrzehnten ab. Dazu ein Sportgetränk und ein Wasser für das Billigsegment des Marktes. Der Graf, dem sie im Ort einen gewissen Sinn für die Selbstinszenierung nachsagen, greift eine Flasche von Letzterem und streicht übers Etikett. „Gräfin Annabelle Mineralwasser“, steht drauf, daneben das Konterfei der Dame. Gräfin Annabelle ist die Gattin des Grafen. Warum sie als Name und Gesicht für die Billigmarke der Quellen herhalten muss, ist seiner Durchlaucht nicht so recht zu entlocken. Ihn selbst scheinen da keine Zweifel zu plagen. Nur seine Frau, plaudert Graf Marcus, habe sich anfangs ein wenig beschwert.


Aber was will man machen? Blaues Blut alleine ernährt keine Familie mehr. Und so lassen sich aus Graf von Oeynhausens Stippvisite ins eigene Wasserwerk zwei Dinge ableiten: Auch der Adel hat sich unabhängig von altem Standesdünkel in die betriebliche Realität einzuordnen. Und irgendwie muss man ja gucken, wie man zu Geld kommt.

Lange galten Deutschlands Adelige als dekadente Erben. Renditen aus Forst- und Landwirtschaft finanzierten den Lebenswandel. Doch das Geschäftsmodell funktioniert eher schleppend: Die Lebenshaltungskosten explodieren, die Holz- und Milchpreise stagnieren bestenfalls, die maue Zinslage tut das Übrige. Zwar reicht der klassische Ansatz oft noch zum Überleben, groß Hof halten aber lässt sich damit nicht. Wer etwas auf sich hält, geht in andere Bereiche.


Gerade ehelichte der hannoversche Erbprinz Ernst August die russische Designerin Ekaterina Malysheva. Dabei eskalierte ein Streit mit seinem Vater, bei dem es vor allem um Geschäftliches ging. Das Oberhaupt des viertgrößten deutschen Adelsgeschlechts fürchtet, seinen Einfluss auf die Stiftungen und Fondskonstruktionen der Welfen zu verlieren. Während der Vater die alten Strukturen in Gefahr sieht, kann der Sohn mit derlei Dünkel wenig anfangen.

Wie im Hause Hannover geht es in vielen Adelsgeschlechtern zu: Man sucht den richtigen Umgang mit der wirtschaftlichen Moderne. Und dabei kristallisiert sich eine Reihe an Blaublütern heraus, die ihre Vorbilder für den Strukturwandel ausgerechnet bei den bürgerlichen Industriellen suchen.



Statt Karriere bei Philips


Graf von Oeynhausen hat sich zum Gespräch in die Lobby seines Hotels zurückgezogen. Auf weichem Sofa in Leo-Muster, gestaltet wie alles Interieur hier von Gattin Annabelle, plaudert es sich vorzüglich, während livriertes Personal Kaffee und Wasser ausschenkt. Beschäftigte, die hier allen Gästen zu Diensten sind. Niederungen des modernen Grafen-Alltags. Das Hotel ist Kern eines 60 Hektar großen Parks, der die Keimzelle der gräflichen Geschäfte ist. Vor mehr als 20 Jahren bat der Vater seinen Sohn, auf die Karriere bei Philips zu verzichten und stattdessen die Geschäfte derer zu Oeynhausen-Sierstorpff zu übernehmen.

Bad Driburg war damals das letzte noch im Privatbesitz befindliche deutsche Kurbad, mit eigener Klinik und Heilbrunnen. Als Graf Marcus im Teutoburger Wald ankam, traf ihn fast der Schlag. Oder besser: die Gesundheitspolitik. Auf einmal waren Kuren kein kassenärztliches Standardrezept mehr. Der Graf schaute auf seinen weiteren unternehmerischen Besitz, entdeckte die Kliniken, die Mineralwasserquellen und beschloss, mit deren Erträgen, das Kurbad so lange querzufinanzieren, bis sich eine Lösung fand. Schließlich investierte er 20 Millionen Euro, modernisierte den Park, vergrößerte die Zimmer, hob den Standard des Hotels auf „4 Sterne superior“.

Heute hat die Unternehmensgruppe 1500 Mitarbeiter und ist der größte Arbeitgeber der Region. Gesamtumsatz: 81 Millionen Euro jährlich. „Wir sind in der siebten Generation. Das zeigt die Nachhaltigkeit dessen, was wir tun. Aber man muss da auch aufpassen, dass einen das nicht erdrückt, dass nicht zu viel auf den eigenen Schultern lastet“, sagt Graf Marcus und findet, dass er das Erbe so neu organisiert hat, sei eine solche Vereinfachung. Gleichzeitig hat er gerade die Führung der Geschäfte umorganisiert. Aus Prokuristen wurden eigenständige Geschäftsführer.


Er möchte sich nun mehr um das große Ganze kümmern, Schließlich, findet er, braucht es weitere strategische Überlegungen, um seinem wichtigsten Auftrag nachzukommen: „Mein größter Albtraum wäre, wenn am Ende meiner aktiven Zeit meine Tochter oder meine Söhne meinen Generationenbericht sehen und mich dann fragen: Vater, was hast du all die Jahre gemacht?“

Damit dieser Bericht günstig für ihn ausfällt, bedient sich der Adelige längst der Rezepte, mit denen auch bürgerliche Dynastien in Deutschland große Industriereiche entwickelten: Halte die Zahl der Entscheider klein (bei den Oeynhausens erbt grundsätzlich nur ein Nachfolger), halte Banken und fremde Investoren raus (alle Unternehmensteile sind fast ausschließlich in Hand des Grafen), suche dir eine Nische und bringe es dort zur Perfektion (die Kliniken fokussieren sich auf Spezialgebiete des Gesundheitssystems; die Wasserwerke machen nichts außer, genau, Wasser), denke nicht in Quartalen, sondern Generationen und: Kompetenz schlägt Familienzugehörigkeit.


Auch Michael Prinz von Sachsen-Weimar hat sich deutsche Familienunternehmen angeschaut, die Henkels, die Oetkers, diese Liga. Was ist besser: Beirat oder Geschäftsführung, Teilung oder Primogenitur – also der Erbverzicht aller Zweit- und Drittgeborenen zugunsten des Ersten? „Im besten Fall“, sagt Prinz Michael, „gibt es zwischen einem Familienunternehmen und einem Adelshaus keinen Unterschied.“ Das deutet sich schon bei den Werten an, die der Ost-Prinz für sich reklamiert: Disziplin, Verantwortung, Nachhaltigkeit. Dazu hat er einen Beirat, der seine Firma regelmäßig durchleuchtet.

Braungebrannt empfängt der Prinz von Sachsen-Weimar im Garten seines Ferienhauses in Kampen auf Sylt. Rote Hose, weißes Hemd, zwei Knöpfe offen und Pilotenbrille auf der Nase. Den ganzen Juli haben er und seine Frau sich hier einquartiert. Er ist jetzt 70. Es gilt, das Erbe der Firma zu planen. Seine Tochter soll übernehmen. Einziges Kind, schnelle Auffassungsgabe, bringt alles mit. Aber: Will sie auch? Der Vater jedenfalls sieht sein Haus bestellt: „Ich bin im Wald. Aus wirtschaftlichen und aus emotionalen Gründen.“ Die Familie betreibe das Geschäft jetzt ein paar Hundert Jahre. Das wische man nicht so beiseite, auch wenn damit keine großen Sprünge möglich sind.



Wald, Aktien, Anleihen, Immobilien


Die von Sachsen-Weimars nennen 2100 Hektar Wald ihr Eigen, dazu 300 Hektar Landwirtschaft. Macht, so die Rechnung des Prinzen, bei ganz konservativem Wuchs 1,2 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Dazu Aktien, Anleihen, Immobilien. Was man eben so durch die Jahre schleppt. Und, natürlich, der kleine Gebrauchtwagenhandel: Weil ihre Durchlaucht gute Kontakte zur nordischen Armee hatte, die ihre alten Geländewagen loswerden wollte, und er nicht nur eine kleine Werkstatt für die Forstfahrzeuge unterhielt, sondern auch Bedarf hatte an geländegängigem Gefährt, importierte er sich einen Mercedes G-Klasse. Schnell lernten auch seine Freunde die Vorzüge schätzen. Michael orderte Nachschub.

Ansonsten aber ist der Prinz das Gegenmodell von ökonomisch moderneren Adeligen wie von Oeynhausen oder die Welfen. Von „Portfoliomanagement“ hält er wenig, sofern man nicht wirklich Ahnung hat. Viele Adelige, sagt er, hätten ja in den vergangenen Jahren „diversifiziert“. Und was hätten sie davon gehabt? Waren die von Ysenburg und Büdingen nicht mal die Familie mit dem zweitgrößten deutschen Waldbesitz? „Heute ist davon kaum noch was übrig“, sagt der Prinz.

Dabei genügten doch schon 300 Hektar Wald zum Leben: „Da bleibt dann genug, um sich ein bisschen Margarine aufs Brot zu schmieren – wenn sie keine ausschweifenden Hobbys haben.“ So gesehen hat der Prinz natürlich heute das Siebenfache dessen, was er braucht. Eine komfortable Situation. 50 Millionen Euro ist sein Vermögen aktuell wert.


Nur: Wie wird das am besten organisiert? Schließlich sind Nachfolgethema und wer was zu sagen hat oft die Streitfragen im Adel.

Prinz Michael liest viel dazu in letzter Zeit: Aufteilung in zwei Gesellschaften etwa, jeder Gesellschafter bekommt ein Unternehmen, hält aber gleichzeitig 49 Prozent an der Gesellschaft des anderen. Oder die Methode Mittelalter: „1485 gab es in unserer Familie die Wettiner Teilung“, sagt der Prinz. „Der ältere Bruder wollte das Reich damals auf sich und seinen Bruder verteilen. Die Verabredung war: Er macht einen Vorschlag, der Jüngere sucht aus.“ Zum Glück hat er nur eine Tochter. Sollte sie kinderlos bleiben, geht alles in eine Stiftung. So hat er es organisiert.

Auch Graf Marcus aus dem Ostwestfälischen will seine Kinder auf das Erbe vorbereiten, drei derer gibt es, zwischen 14 und 20 Jahre alt. Und bis es so weit ist, treibt er, wie jeder gute Familienunternehmer, die Entwicklung seines Unternehmens voran. Er hat seinem Hotel eine Ayurveda-Abteilung spendiert, nun grübelt er über Synergien zwischen dem Wellnessbereich seines Hotels und seinen Kliniken.

Nur eins möchte der Graf auf keinen Fall: dass ihm jemand reinredet. Bei der Entwicklung einer Autorennbahn auf seinem Land mithilfe eines Fonds hat er schlechte Erfahrung gemacht. Es gab neben 34 Millionen Euro durch 180 Anleger auch eine Menge juristischen Ärger. „Da fällt ein Abstimmungsbedarf an, bei dem Sie schnell sämtliche Zeit für die eigentlich erforderlichen Dinge verlieren“, sagt Graf Marcus. Künftig möchte er wieder im Kreis der Seinen arbeiten.

Ganz Familienunternehmer eben.

KONTEXT

Die fünf wichtigsten Adelshäuser in Deutschland

Haus Bayern

Die Wittelsbacher sind eines der ältesten deutschen Adelshäuser. Sie stellten jahrhundertelang die Herrscher von Bayern, ebenso wie die Pfalzgrafen bei Rhein. Als eines der bedeutendsten Adelsgeschlechter Europas waren die Wittelsbacher zeitweise auch Könige in Ungarn, Schweden, Dänemark und Norwegen, Griechenland und im Römisch-Deutschen Reich.

Haus Fugger

Die Fugger sind bis heute Synonym für Geld und Einfluss. Das schwäbische Kaufmannsgeschlecht war seit 1367 in Augsburg ansässig. Nach der Aufteilung des Vermögens im Jahr 1455 trennten sich die zwei Familienzweige. Der Zwei der Fugger von der Lilie baute ein Handelsimperium auf. Der Zweig Babenhausen stieg im Jahr 1803 in den Hochadel auf.

Haus Hannover

Die Welfen stammen ursprünglich aus Franken, sind aber heute in Niedersachsen ansässig. Sie sind auch der Ursprung für das britische Königshaus, das von der Familie Sachsen-Coburg-Gotha abstammt. Der wohl bekannteste Vertreter der Welfen ist Prinz Ernst August von Hannover, der als "Prügelprinz" Schlagzeilen machte.

Haus Hessen

Das Haus Hessen geht auf das Haus Lothringen-Brabent zurück, das durch Einheirat in das Haus der Ludowinger deren westliche Landesteile um 1264 übernahm. Danach folgte die Teilung in viele Linien und Zweige. Das letzte Regiment hatten die Hessen bis 1866 als Kasseler Kurfürsten und bis Ende des Zweiten Weltkriegs in Darmstadt.

Haus Hohenzollern

Seitdem im Jahr 1871 das Deutsche Reich gegründet wurde, waren diese Könige gleichzeitig die Deutschen Kaiser. Heutzutage wird das Haus von Georg Friedrich Prinz von Preußen verwaltet und geleitet.