Red Bulls Siegrechnung: "Müssen fünf Zehntel aufholen"

Sven Haidinger
Red Bull scheitert beim Auftakt in Budapest nur um ein Haar an der Bestzeit: Mit welcher Rechnung man Vettel besiegen will und wieso Ricciardo im Nachteil ist

Starker Auftakt für Red Bull in Budapest: Die österreichische Truppe mit Sitz in Milton Keynes präsentiert sich mit den Plätzen zwei und drei für Max Verstappen (+0,074) und Daniel Ricciardo (+0,227) als erster Verfolger von Bestzeithalter Sebastian Vettel, nachdem der "Aussie" am Vormittag sogar die Bestzeit geholt hatte. Die Mercedes-Piloten liegen mit einem Abstand von 0,753 (Lewis Hamilton) und 1,034 Sekunden (Valtteri Bottas) deutlich zurück.

Ist Red Bull damit auf dem Hungaroring, auf dem die Motorleistung keine so große Rolle spielt, auf Siegeskurs? Verstappen ist nicht gänzlich überzeugt: "Wir sehen mit unserem Autonatürlich konkurrenzfähig aus, aber ich bin nicht sicher, ob das ausreicht, da wir auf den Geraden verlieren."

Ergebnis: 2. Freies Training

Ergebnis: 1. Freies Training

Das bestätigt die Analyse der Rundenzeiten: Im ersten Sektor, auf dem die Motorleistung durch die Start-Ziel-Gerade und die kurze Bergauf-Gerade nach Kurve 3 die größte Rolle spielt, verliert Verstappen rund drei Zehntel auf Bestzeithalter Vettel. Bei Ricciardo sind es sogar noch um zwei Zehntel mehr.

So wirkt sich der Motorennachteil in Ungarn aus

Teamchef Christian Horner rechnet damit, dass Ferrari und Mercedes im Qualifying, das in Ungarn wegen der mangelnden Überholmöglichkeiten eine besonders große Rolle spielt, noch mehr Leistung aus den Antriebseinheiten pressen werden: "Die Motorenperformance wird uns rund eine halbe Sekunde pro Runde im Qualifying kosten. Das müssen wir in den Kurven kompensieren. Wenn wir uns mit anderen Autos vergleichen, kann man sehen, dass wir an Stellen wir Kurve 4, 9 und 11 sehr stark sind. In diesen Bereichen müssen wir auftrumpfen."

Bildergalerie: Die Formel 1 in Budapest

Ein Plan, der grundsätzlich aufgegangen ist: In den Sektoren zwei und drei, in denen es auf Abtrieb ankommt, kann niemand Red Bull das Wasser reichen. "Die Pole ist möglich", glaubt Verstappen, gibt aber zu bedenken: "Wir müssen noch mehr Tempo finden, und alles wird davon abhängen, wie viel die anderen mit ihren Antriebsmodi finden werden. Sie müssen nur einen Knopf drücken ..."

Horner wäre schon mit der ersten Startreihe hochzufrieden. "Und selbst aus der zweiten Reihe können wir einiges ausrichten", glaubt er. Und auch Ricciardo schließt sich dem an, als er über sein Ziel für das Qualifying gefragt wird: "Ich würde liebend gern Pole sagen, aber ich könnte auch damit leben, in die Top 3 zu kommen. Nur in der dritten Reihe will ich nicht stehen. Auf eine schnelle Runde scheint Ferrari alle im Griff zu haben. Mit einem schnelleren Auto im Rennen können wir dann aber immer noch gewinnen."

Red Bull schreibt Mercedes nicht ab

Mercedes schreibt der "Aussie" - wie übrigens auch sein Teamkollege - trotz des Respektabstands nicht ab: "Sie werden auf eine schnelle Runde sicher noch zulegen. Ich rechne als mit einem Dreikampf."

Der Trumpf von Red Bull: Der RB14 ist für seinen geringen Reifenverschleiß bekannt. Das zeigten auch die Qualifying-Simulationen mit dem Ultrasoft-Reifen, in denen der Pneu auch im dritten Sektor immer noch den gewünschten Grip brachte. Und auch in den Longruns sah es gut aus für Red Bull.

Im Gegensatz zur Konkurrenz war von Blasenbildung keine Spur: "Die Reifen funktionieren auf unseren Autos bislang sehr gut", stellt Horner klar. Auch die Fahrer zeigen sich mit der Balance sehr zufrieden, fordern aber noch leichte Verbesserungen, um wirklich um den Sieg mitfahren zu können.

Longruns: Verstappen hält die Ultrasoft-Reifen am Leben

Verstappen verzeichnete am Vormittag einen Dreher in der ersten Kurve, als er zu früh aufs Gas stieg, Ricciardo ärgerte sich bei seinem Longrun am Nachmittag im dichten Verkehr über einen Force-India und einen Williams-Piloten, die den Red-Bull-Piloten nicht passieren ließen. "Sie aktivieren einfach das DRS! Ich hasse sie alle!", scherzt er etwas später. "Im Ernst: Das war einfach ein bisschen Racing, aber es ist doch erst Freitag."

Max Verstappen has a brief spin at Turn 1 🔄

The @redbullracing man currently sits P4 on the time sheets#HungarianGP 🇭🇺 #F1 pic.twitter.com/iqe2KntxSR

— Formula 1 (@F1) 27. Juli 2018

Apropos Freitag: Bei den Longruns am Nachmittag erwies sich Red Bull gewohnt stark. Auf dem Ultrasoft-Pneu waren Verstappen und Ricciardo mit einem Schnitt von 1:22.351 und 1:22.354 die absolut schnellsten, Vettel war mit 1:22.467 der erste Verfolger. Ricciardos Soft-Longrun war mit einem Schnitt von 1:21.407 nur einen Tick langsamer als die Versuche von Hamilton und Bottas. Vettel kam sogar auf einen Schnitt von 1:20.908. Die Spitze liegt also auch im Renntrimm eng beisammen.

Ricciardos Antriebsnachteil

Ricciardo geht nun mit einem kleinen Fragezeichen in die entscheidende Phase des Wochenendes: Nach seinem Motorschaden in Hockenheim muss der Red-Bull-Pilot auf die erste Ausbaustufe des Renault-Motors zurückwechseln, wodurch er gegenüber seinem Teamkollegen klar im Nachteil ist: Verstappen hat die zweite und damit neueste Ausbaustufe eingebaut, die nicht nur zwölf PS mehr hat, sondern durch das Benzin-Update auf einen Vorteil von rund 20 PS kommt.

Dazu kommt, dass Ricciardos erste Antriebseinheit der Saison bereits zahlreiche Renndistanzen auf dem Buckel hat. Er muss nun hoffen, dass sie auch noch den Ungarn-Grand-Prix übersteht und er nicht zum dritten Mal in vier Rennen ausscheidet, ehe für Spa-Francorchamps die dritte Renault-Ausbaustufe bereitstehen könnte.

Im Hintergrund schwelt wegen der Motorenstrategie übrigens ein Konflikt zwischen Red Bull und den Franzosen: Die einstige Weltmeistertruppe hätte bei Ricciardo bereits in Hockenheim gerne einen neuen Verbrennungsmotor eingebaut, weil eine Gridstrafe ohnehin unvermeidbar war, doch Renault hielt diesen zurück. Hätte man gewechselt, hätte der Red-Bull-Pilot vermutlich nicht nur das Ziel in Hockenheim erreicht, sondern auch in Ungarn die zweite Ausbaustufe zur Verfügung.

Warum Red Bull auf Renault sauer ist

Doch Renault-Geschäftsführer Cyril Abiteboul verteidigt die Entscheidung: Es sei noch nie aufgetreten, dass ein Ventil abgerissen ist, "also haben wir in Anbetracht unserer damaligen Informationslage die richtige Entscheidung getroffen, denn es gab damals absolut keinen Grund, einen neuen Motor zu bringen. Wir tun unser Bestes, dass Red Bull später in der Saison um Siege und vielleicht um Pole-Positions kämpfen kann."

Bei Red Bull ist man allerdings "not amused", denn im schlimmsten Fall wird die neue Ausbaustufe bis Belgien nicht fertig, und Ricciardo muss trotzdem eine neue Antriebseinheit einbauen lassen, wodurch er erneut gegenüber Verstappen im Nachteil wäre, der noch einen Verbrennungsmotor, eine Batterie und eine MGU-H einbauen lassen kann, ohne eine Strafe zu riskieren. "Dieses Wochenende wird es mich nicht treffen, aber irgendwann nach der Sommerpause wird es schmerzhaft werden", weiß Ricciardo.