Erster Meister aus dem Osten? "Wir werden RB nie lieben"

Sophie Maaßen

Fan-Aufmärsche, Boykott-Banner und Stimmungsproteste: Kaum ein Verein polarisiert so stark wie RB Leipzig.

Anhänger verschiedenster Bundesligaklubs zeigen immer wieder deutlich ihre Abneigung gegenüber dem aktuellen Tabellenzweiten, der am Sonntag im Liga-Gipfel bei Titelverteidiger FC Bayern gastiert (Bundesliga: FC Bayern - RB Leipzig, So., ab 18 Uhr im LIVETICKER). Weil die Sachsen mit Mitteln des Getränkeherstellers Red Bull einen derartig steilen Aufstieg hingelegt haben, sehen viele Fußball-Traditionalisten in ihnen die personifizierte Abordnung des Kommerzes.


Erst zum Rückrunden-Auftakt hatten Fans von Union Berlin ihren Unmut über RB zum Ausdruck gebracht.

Die gegnerischen Fans sind die eine Seite - doch wie stehen die Verantwortlichen anderer Vereine zu dem Klub, der zur Saison 2009/10 das Startrecht des SSV Markranstädt in der fünftklassigen Oberliga Nordost übernommen hatte?

SPORT1 hat sich auf Spurensuche gemacht.

Leipzig Meister? Union leidenschaftslos

Fragt man bei Union Berlin nach, wird klar: Bei den "Eisernen" hält man sich trotz Leipzigs starken Leistungen bedeckt. Im Zweifel stehen die Berliner hinter ihren Anhängern - selbst wenn sie, wie beim Auswärtsspiel in Leipzig geschehen, ihre Abneigung mit einem Trauerzug zum Ausdruck bringen. 

"Wir als Verein machen Fußball für Menschen, organisieren Fußball für Menschen und wir nehmen sie ernst in ihren Positionen und Sorgen", erklärt Unions Pressesprecher Christian Arbeit bei SPORT1. "Wenn sie (die Fans, Anm. d. Red.) sich entscheiden ihre Werte und die Werte des Vereins öffentlich auf diese Weise sichtbar zu machen, dann sind wir an ihrer Seite."

Der Höhenflug des ungeliebten Ost-Rivalen sieht man bei Union komplett leidenschaftslos. "Leipzig wird Meister, wenn sie die meisten Punkte holen. Das ist nicht abhängig davon, ob wir das möchten oder nicht möchten", sagt Arbeit. Die sportliche Leistung der Leipziger stehe aber außer Frage.

Ließ RB Sachsen Leipzig sterben?

Die Leistung ist auch bei anderen Konkurrenten nicht der Kritikpunkt. Und dennoch, überschwängliche Freude würde einem Meister RB, der ja dann der erste ostdeutsche Champions nach der Wiedervereinigung wäre, niemand entgegen bringen. Fast schon selbstredend auch der Stadtnachbar BSG Chemie Leipzig nicht.

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"Wir werden RB nie lieben, das versteht sich von selbst. Wir respektieren uns aber und gehen ganz normal miteinander um", sagt Chemie-Vorsitzender Frank Kühne im Gespräch mit SPORT1. "Ich habe Achtung vor der Leistung, die sie bringen. Mehr aber auch nicht."


Die Vorgeschichte mache es schwierig, die Einstellung gegenüber RB zu ändern, erklärt Kühne: "Es gab ja den FC Sachsen, der DER Fußball-Verein in Leipzig war. Diesen Verein hat man sterben lassen, um den Weg für RB freizumachen."

Das sieht Guido Schäfer, Ex-Fußballprofi und aktuell Chefreporter bei der Leipziger Volkszeitung etwas anders.

Auch Lok und Chemie sind Rivalen - aber anders

Im SPORT1-Gespräch erklärt der frühere Mainz-Verteidiger, welche Rolle RB in der Geschichte des FC Sachsen spielte. "Die Jugendabteilung vom FC Sachsen ging am Anfang direkt zu RB Leipzig über, weil sie das vorweisen mussten. Dafür ist eine relativ kleine Summe geflossen, ich glaube 100.000 Euro", sagte Schäfer. "Das ist natürlich viel zu wenig gewesen, was sie dafür bekommen haben. RB hätte ein bisschen großzügiger sein können."

Die Roten Bullen hätten aber mit dem Sterben des FC Sachsen wenig zu tun, "zumindest haben sie nicht dessen Sterben befördert", urteilte Schäfer weiter.

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Dass sich auch in anderen Städten Lokalrivalen nicht grün sind, steht auf dem einen Blatt. Und doch ist das Bild in der Sachsen-Metropole wohl mit keiner anderen Stadt vergleichbar - schließlich hängte der neu gegründete Klub die alteingesessenen Vereine im Schnelldurchgang ab. 

"Die Traditionsklubs grenzen sich bewusst ab", sagt Schäfer. "Die Chefs von Lok und Chemie gehen durchaus mal zu RB-Spielen, aber die Anhänger spielen da nicht mit." Für den Bundesligisten sei dieser Umstand allerdings nicht schlimm, findet der RB-Experte. "Der Verein ist in der Stadt fest verankert, das sieht man auch an den Zuschauerzahlen."

Chemie-Chef: "Sind die erfolgreichste Mannschaft"

Zu den Traditionsvereinen in der Stadt gehört auch Lokomotive Leipzig, das sich auf SPORT1-Nachfrage aber nicht zur Thematik RB Leipzig äußern wollte. 

Beide Klubs, Lokomotive und Chemie, sind aktuell in der Regionalliga Nordost beheimatet - und beide sind sich ebenfalls spinnefeind. Doch während ihre Rivalität historisch gewachsen ist, sehen Chemie und Lok keinerlei Bezug zum "Brause-Klub" - schließlich stammen die Erfolge beider Klubs noch aus DDR-Zeiten.

Chemie-Chef Kühne verweist mit hörbarem Stolz auf die Umstände, mit denen der Klub vor fast 56 Jahren die Meisterschaft gewann: "Wir sind die erfolgreichste Mannschaft in Leipzig, wir waren ja schon zweimal Meister", sagte er. "Wir sind außerdem der sympathische Meister. Wir sind ja 1964 nicht mit finanziellen Mitteln Meister geworden, als mit politischen Mitteln versucht wurde, den Verein kaputt zu machen."


Während Chemie damals als Außenseiter den Titel einheimste, arbeitet nun also RB Leipzig über ein halbes Jahrhundert später daran, eine deutsche Fußball-Meisterschaft wieder in die Stadt zu holen. Ein Umstand, der in einigen Teilen der Stadt bestenfalls für Naserümpfen sorgen würde.