Schalke und die Sorge vor dem HSV-Schicksal

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Eine Gast-Kolumne von Pascal "Pepo" Szewczyk (@derPepo)

Wenn ich eines nicht will, dann, dass es mir eines Tages so geht wie Florian Neumann nach der Ausgliederung beim Hamburger SV. "Man steht dann da und weiß nichts mehr mit sich anzufangen", sagte dieser - und musste schlucken.

Als er in der 49. Episode meines Schalke-Podcasts Blauer.Salon über das spricht, was einmal sein Verein und sein Leben war, dann nimmt ihn das immer noch mit. Obwohl er ja seit über sechs Jahren nicht mehr Fan des HSV ist. Nur noch ein Ex-Fan. Ja, das geht. Sogar im Fußball - nicht nur bei Metallica und den Toten Hosen.

Der Vorwurf, den man sowohl diesen Bands als auch dem Hamburger SV machen könnte, ist nämlich immer der gleiche: Kommerzialisierung. Oder, ganz plakativ: Ausverkauf. Genau diese Schlagworte verknüpfen viele Fans und vor allem Mitglieder des FC Schalke 04 mit dem von Neumann benannten Schritt, also der Ausgliederung der Lizenzspieler-Abteilung ihres Vereins - in der Regel in eine Kapitalgesellschaft.

Lieber die E-Sportler verkaufen als wertvolle Fußballer

Mir ist offen gestanden überhaupt noch nicht klar, warum wir nicht einfach ein eingetragener Verein bleiben können. Wir haben doch noch attraktive Werte. Wir könnten die Arena verkaufen, wir könnten die E-Sports-Abteilung veräußern, die mit dem Fußballklub FC Schalke 04 eh nicht viel zu tun hat.

Die Lizenz zur Teilnahme am Computer-Spiel League of Legends in der entsprechenden Liga hat Schalke letztes Jahr acht Millionen Euro gekostet. Eine Veräußerung würde vermutlich jetzt schon zehn Millionen in den Verein bringen. Von den E-Sportlern könnte ich mich wesentlich leichter trennen als von unseren wertvollsten Fußballern.

Auf das sportliche Risiko, mit dem Verkauf von Ozan Kabak und Suat Serdar im Winter noch tiefer in den Abstiegsstrudel zu geraten, würde ich jedenfalls lieber verzichten. Es wird auch so schon eng genug werden in dieser Spielzeit. Allerdings - und das ist der wahre Wert von Schalke 04 - werden die Allermeisten, mit denen ich geredet habe, auch in der 2. Liga spätestens nach Spielende wissen wollen, wie "die Blauen" denn gespielt haben. Und immer noch 45.000 zu den Heimspielen kommen.

Kann ein eingetragener Verein überhaupt noch mithalten im Haifischbecken Bundesliga? Geschweige denn Ansprüche auf die Teilnahme am internationalen Fußballgeschäft formulieren? Glaubt man den Offiziellen auf Schalke, Marketing-Vorstand Alexander Jobst zum Beispiel, dann geht das nicht. Die Bundesliga-Tabelle spricht da ja auch eine klare Sprache: Schlechter als Schalke geht kaum. Die Vergleiche mit Tasmania Berlin sind nicht nur Hohn und Spott, sie liegen mittlerweile sehr nahe. Das tut uns Schalker:innen in der Seele weh.

Schalke geht es aber nicht nur sportlich schlecht. Noch dramatischer ist die wirtschaftliche Situation des großen, stolzen Ruhrpott-Klubs. Rund 200 Millionen Euro Schulden drohen den Verein zu erdrücken, und die Corona-Pandemie kommt als weiterer Mühlstein, den auch S04 schleppen muss, noch obendrauf.

Genossenschaft als Lösung für Schalkes Geldprobleme?

Die Königsblauen brauchen frisches Kapital, und zwar viel und dringend. 50 Millionen Euro, so schätzen nicht nur die Experten, mit denen ich gesprochen habe, müssen kurzfristig her, sonst droht die Insolvenz. "Das Management von Schalke 04 steht unter erheblichem Zeitdruck. Sie brauchen nicht irgendwann eine Lösung, sie brauchen jetzt eine schnelle Lösung", weiß Günter Althaus, zweiter Podcast-Gast und Experte in Sachen Finanzen und Gesellschaftsrecht.

Bilanzen lesen kann Althaus also - und vielleicht hat der Mann, der als Präsident des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DRGV) auch einen eigenen Wikipedia-Eintrag vorweisen kann, ja eine Lösung. In jedem Fall hat Althaus eine Lieblings-Rechtsform: Die Genossenschaft, die "überragendste" Rechtsform von allen - und er meint es ernst mit diesem etwas lustigen Superlativ. "Eine Genossenschaft, so glaube ich, würde Schalke 04 mehr Beständigkeit, Nachhaltigkeit und Stabilität bringen", betont Althaus.

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Im Vergleich zu anderen Rechtsformen ist dabei hervorzuheben, dass bei einer Genossenschaft alle Mitglieder Kapital einbringen können, während sie unabhängig von der Höhe ihrer Kapitalbeteiligung aber nur je eine Stimme haben. Bei rund 160.000 Schalke-Mitgliedern wäre die enorme Liquiditätslücke so doch vielleicht auch zu schließen!? Wenn beispielsweise 100.000 Mitglieder mit durchschnittlich(!) 500€ an einer Genossenschaft beteiligt wären, hätte man die 50 Millionen zusammen.

Auch wären kleinere Einlagen möglich, sodass jede und jeder, egal wie groß der Geldbeutel ist, auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil von Schalke 04 sein kann. Und: ohne direkt Gefahr zu laufen, dass sich ein Investor den siebenmaligen Deutschen Meister unter den Nagel reißt. Jetzt, wo er wohl zum Schnäppchenkurs zu haben wäre. Stichwort Ausverkauf.

Schalke hat genug Experten, um etwas zu ändern

Und ohne Entfremdung. Florian Neumann hat seinerzeit den HFC Falke mit aufgebaut, das heißt Bezirksliga Nord Hamburg statt Profifußball, aber immerhin mit Gleichgesinnten. Auf Gleichgesinnte hoffe ich ebenfalls. Aber nicht unter dem Banner einer Gelsenkirchener Variante des HFC Falke, selbst wenn das so ähnlich klingt. So wie "Schalke" nur ohne Zähne, oder so. Nein, ich möchte, dass alle offen darüber diskutieren, wie es mit Schalke weitergehen kann, und nicht nur Vorstand und Aufsichtsrat einen Geheimplan schmieden.

Vielleicht will ich auch Schalke 04 als Genossenschaft - mit Tochtergesellschaften unter diesem Dach, unter anderem einer Lizenzspieler-Abteilung. Wenn's hilft, um Schalke zu retten! Wir müssen uns alle schlau machen und wir müssen laut denken. Es müssen Experten zusammenkommen.

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Die Schalke-Welt, die Gedanken und Lösungen hat, muss konstruktiv miteinander arbeiten, und nicht sich gegenseitig in den Rücken schießen. Es gibt diese fachlichen Experten auf Schalke: Professoren, Top-Manager, Juristen, alle mit königsblauem Herzen, denen auch etwas am Verbleib von Schalke 04 für die Menschen mit seinen Gefühlen und Geschichten am Herzen liegt, und einige davon sind bereits im Austausch.

"Ausgliedern im Zwist jedenfalls, das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in die Hose gehen", unterstreicht Althaus im Podcast. Einen Gegenbeweis ist nicht nur der Hamburger SV schuldig geblieben. Und so wie in Hamburg im Mai 2014 soll es sich ja nicht anfühlen, demnächst auf Schalke.

Es soll sich für uns Schalker:innen noch nach Schalke anfühlen. Nach etwas, mit dem alle Schalker:innen noch etwas anfangen können.