Ratingagentur stuft die Türkei herab – Erdogan muss jetzt liefern

Die Warnung ist deutlich. Die Ratingagentur Fitch stufte die Türkei am Freitag erneut herab, auf die Stufe BB, der weitere Ausblick ist negativ. Die Begründung liefert nicht nur eine akkurate Beschreibung der pessimistischen Stimmung unter Anlegern. Sie ist vor allem eine Warnung an den neuen Finanzminister der Türkei, Berat Albayrak.

„Unserer Meinung nach hat die Glaubwürdigkeit der türkischen Wirtschaftspolitik in den vergangen Monaten gelitten“, warnen die Autoren und fügen in Bezug auf die von Amtsinhaber Erdogan gewonnene Präsidentschaftswahl Ende Juni hinzu: „Die ersten Schritte nach der Wahl haben die Verunsicherung verstärkt.“

Die Fitch-Autoren glauben, dass sich an der Situation in Zukunft wenig ändern werde. Der Grund: die neue türkische Führung. Die Fitch-Autoren hätten auch schreiben können: „Herr Minister Albayrak, handeln sie endlich!“


Präsident Erdogan hatte die Wahl am 24. Juni mit 52,5 Prozent gewonnen. Mit seinem Sieg ist eine Verfassungsänderung in Kraft getreten, die ihm ausgedehnte Befugnisse erteilt. Erdogan kann sein Kabinett ohne Zustimmung des Parlaments bestimmen und auch sonst in einigen essenziellen Politikbereichen an der Volksvertretung vorbeiregieren.

Das zeigte Erdogan am vergangenen Dienstag. Da verfügte er per Dekret, künftig den Chef der türkischen Zentralbank und seinen Stellvertreter selbst zu bestimmen. Vorher war die Zustimmung der Volksversammlung nötig, in der Erdogans AKP zuletzt die Mehrheit verloren hatte. Seitdem fürchten viele Anleger, Erdogan könnte die Zinsen senken, um die Wirtschaft anzukurbeln, ohne die grassierende Inflation anzugehen.

Das Bruttoinlandsprodukt des Landes stieg im vergangenen Jahr zwar um 7,4 Prozent, so stark wie in keinem anderen Land. Doch die Türkei leidet unter einer hohen Inflation von über 15 Prozent und einer schwachen türkischen Lira, die seit Jahresbeginn zum US-Dollar mehr als ein Viertel an Wert verloren hat. Hinzu kommt das globale Umfeld mit Konflikten und Handelskriegen.

Die Autoren der US-amerikanischen Agentur sehen die größte Gefahr in dem großen Außenhandelsdefizit des Landes. Das heißt, dass die Türkei derzeit deutlich mehr importiert, als sie exportiert. So glaubt Fitch, dass die Differenz am Ende des Jahres 6,1 Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts betragen wird.


Bis Ende 2019 soll sich das Defizit zwar auf 4,1 Prozent des BIP verringern. Doch die Nettoinvestitionen aus dem Ausland würden bis dahin nur ein Prozent des BIP betragen. Das heißt: Für drei Viertel des nationalen Handelsdefizits müsse das Land neue Schulden aufnehmen.

Die hohe Abhängigkeit des Landes von neuen Schulden gefährde auf Dauer die Stabilität des Landes, sind sie sich die Fitch-Experten sicher. Darüber hinaus zweifeln die Analysten des Hauses daran, dass die türkische Führung in der Lage ist, die Probleme zu bewältigen – Stichwort hohe Inflation.

„Eine nachhaltige Reduktion der Inflation würde mehr Vertrauen in die Unabhängigkeit der Zentralbank voraussetzen“, schreiben die Analysten. Aber: „Die Aussichten hierfür sind ungewiss.“ Die Autoren bringen das konkret mit dem neuen Personal in Verbindung: „Schlüsselfiguren des alten Kabinetts sind nicht mehr Teil der neuen Regierung“, beklagen die Autoren.


Der neue Finanzminister Albayrak ist gleichzeitig Schwiegersohn von Präsident Erdogan. Als Superminister für Finanzen und wirtschaftliche Entwicklung gehört er zu den wichtigsten Mitgliedern des neuen Kabinetts von Präsident Erdogan.

In dieser Woche gab er Ziele für seine Wirtschaftspolitik bekannt. So bezeichnet Albayrak die Reduktion der Inflation und die Ausbalancierung der Wirtschaft als „höchste Priorität“. Ein „klarer Plan“ werde veröffentlicht, sobald Gespräche mit allen Wirtschaftsvertretern abgeschlossen seien.

Auch die künftige Steuerpolitik solle zur langfristigen Preisstabilität beitragen. Schon Amtsvorgänger Mehmet Şimşek hatte im Interview mit dem Handelsblatt angekündigt, mehr Steuersätze erheben zu wollen, um die Staatsfinanzen zu sanieren. Albayrak sagte dazu, dass die neue Steuergesetzgebung vorhersehbar und simpel strukturiert sein solle. Viele Versprechungen – denen jetzt endlich Taten folgen müssen.