Ratingagentur sieht klassische Lebensversicherung auf dem Weg zum Nischenprodukt

dpa-AFX

KÖLN (dpa-AFX) - Die Ratingagentur Assekurata sieht klassische Lebens- und Rentenversicherungen mit Garantiezins auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Von 55 Lebensversicherern, die an der jüngsten Studie der Agentur teilnahmen, bieten nur noch 30 klassische Policen an. Vor einem Jahr hatten sich noch 34 Lebensversicherer mit solchen Produkten an der Erhebung beteiligt. "Im nächsten Jahr sind es vielleicht noch 25 oder 20, und irgendwann ist es ein Nischenprodukt", sagte der Chefanalyst der auf Versicherer spezialisierten Ratingagentur Assekurata, Lars Heermann, bei der Vorstellung der Überschussstudie am Montag in Köln.

Die Branche steht seit Jahren wegen der allgemeinen Niedrigzinsen unter Druck. Die sinkenden Kapitalerträge am Finanzmarkt machen es den Versicherern immer schwerer, die hohen Garantieverpflichtungen für alte Lebens- und Rentenversicherungsverträge zu erwirtschaften. Ein Großteil der Unternehmen baut im Neugeschäft auf neuartige Vertragsmodelle ohne Garantiezins und auf Indexpolicen, deren Rendite an die Entwicklung verschiedener Marktindizes gebunden ist. Gleichzeitig halten die hohen Garantien für alte Verträge die Branche im Niedrigzinsumfeld unter Druck.

Eben diese Garantien bremsen 2018 der Assekurata zufolge für die Kunden den allgemeinen Abwärtstrend bei der Rendite klassischer Lebens- und Rentenversicherungsverträge. "Über alle analysierten Produktarten und Tarifgenerationen sinkt die laufende Verzinsung 2018 im Marktdurchschnitt nur um 0,05 Prozentpunkte auf 2,83 Prozent", sagte Assekurata-Chef Reiner Will. "Dies liegt daran, dass der Garantiezins eine zwangsläufige Untergrenze bei der Absenkung der laufenden Verzinsung darstellt."

Dem Experten zufolge sind steigende Überschüsse zwar auch in den nächsten Jahren nicht zu erwarten. Allerdings werde der Rückgang langsamer erfolgen. 2017 war die Verzinsung über alle Tarifgenerationen hinweg noch um 0,23 Prozentpunkte gesunken.

Noch in den 1990er-Jahren hatte die Branche ihren Kunden Verträge mit Zinsgarantien von bis zu 4 Prozent verkauft, die die Branche auch in Zeiten allgemeiner Niedrigzinsen erfüllen muss. Seither wurden die Garantien für neue Verträge auf Geheiß der Bundesregierung zwar nach und nach zurückgeschraubt. Der Assekurata zufolge müssen die Lebensversicherer aber noch fast die Hälfte aller angesparten Kundengelder weiterhin mit 3 Prozent und mehr verzinsen.

Wer seit Anfang 2017 eine klassische Lebens- oder Rentenversicherung abgeschlossen hat, kann nur noch auf einen Garantiezins von 0,9 Prozent bauen. Ein solcher Rentenversicherungsvertrag wirft 2018 im Schnitt eine laufende Verzinsung von 2,47 Prozent ab - ein neuer Tiefpunkt nach 2,61 Prozent im Vorjahr. Allerdings hat die jüngste Tarifgeneration der Assekurata zufolge nur einen Anteil von knapp 1,5 Prozent an den gesamten Kundengeldern.

Bei der Verzinsung stehen die einzelnen Anbieter höchst unterschiedlich da. Die laufende Verzinsung neuer klassischer Rentenversicherungsverträge reicht von 1,80 Prozent bei der Gothaer Leben bis 3,05 Prozent bei der Deutschen Ärzteversicherung. Bei Rentenversicherungsverträgen aus der so genannten "Neuen Klassik", zu der etwa die "Perspektive"-Verträge der Allianz zählen, sind die Unterschiede zwischen den Anbietern noch größer. Im Schnitt bleibt die laufende Verzinsung solcher privater Rentenversicherungsverträge 2018 mit 2,39 Prozent fast auf dem Vorjahresniveau - immer noch unter dem Wert herkömmlicher Verträge.

Die laufende Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil, den der Versicherer nach Abzug von Abschluss- und Verwaltungskosten sowie dem Beitrag für einen Todesfallschutz anlegt. Rechnet man einen neuen Rentenversicherungsvertrag beispielhaft auf 25 Jahre hoch, bringt ein klassischer Vertrag laut Assekurata daher im Schnitt gerade noch eine garantierte Rendite von 0,16 Prozent auf die eingezahlten Beiträge. Alles Weitere müssen die Überschüsse bringen.

Bei Verträgen der Neuen Klassik liegt die garantierte Rendite nach 25 Jahren im Schnitt sogar bei minus 0,17 Prozent. Bei den sogenannten Indexpolicen, deren Überschüsse an die Entwicklung verschiedener Marktindizes gebunden sind, beträgt das Minus 0,23 Prozent. Allerdings locken die Anbieter bei diesen Produkten im Gegenzug zu den geringeren Garantien mit der Chance auf höhere Renditen.

Der Druck auf die Lebensversicherer wird der Assekurata zufolge trotz der neuen Produktwelt vorerst nicht abnehmen: Die Zinszusatzreserve, mit der sich die Branche für die hohen Zinsgarantien aus der Vergangenheit wappnet, werde im laufenden Jahr voraussichtlich um 18 Milliarden auf dann 78 Milliarden Euro aufgestockt werden müssen. 2017 hatten die Lebensversicherer laut Assekurata 15 Milliarden Euro hineingesteckt. Abhängig von der allgemeinen Zinsentwicklung geht die Assekurata davon aus, dass der Puffer bis 2025 auf etwa 150 Milliarden Euro wachsen muss.