Der Rasierer-Krieg

Die Rasierer-Hersteller Gillette und Wilkinson kreuzen vor dem Düsseldorfer Landgericht die Klingen. Es geht um das Patentrecht für preisgünstige Ersatzklingen eines weit verbreiteten Nassrasierers.


Er war mal eine Neuheit: Zur Markteinführung 1998 warb Gilette für seinen Nassrasierer Mach 3 mit Düsenpiloten. Quasi in dreifacher Schallgeschwindigkeit sollte der Dreiklingenrasierer über die Haut hinwegfliegen. Jetzt, fast 20 Jahre später, fordert ausgerechnet Erzkonkurrent Wilkinson den Marktführer heraus: Die Wilkinson-Mutter Edgewell hat Nachahmerklingen auf den Markt gebracht, die auf den Mach3-Rasierer passen. In Deutschland hängen die billigen Kopien unter anderem bei Rossmann.

Das Bild liegt nahe: Wilkinson und Gilette kreuzen die Klingen. Vor dem Landgericht Düsseldorf klagt die Gilette-Mutter Procter & Gamble (P&G). Der Konzern meint, dass seine Klingen noch immer patentgeschützt seien. Edgewell hält dagegen. Heute beginnt der Prozess, der sich einige Monate hinziehen könnte.

„Wir haben sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass wir uns wehren, wenn Edgewell oder ein anderes Unternehmen unsere Patente verletzt und tun, was nötig ist, um unsere Rechte zu wahren“, sagte kürzlich die Leiterin der Rechtsabteilung von Procter & Gamble, Deborah Majoras. Der Nordost-Europachef von Wilkinson, Max Chambers, weist die Vorwürfe zurück. „Wir sind davon überzeugt, dass die Vorwürfe von P&G jeder Grundlage entbehren“, betonte er nach Bekanntwerden des Antrags.

Es geht um viel Geld. 650 Millionen Dollar geben Verbraucher laut Schätzungen des Fachblatts „Lebensmittel Zeitung“ weltweit im Jahr für Mach3-Klingen aus, davon 75 Millionen in Deutschland. Nicht einmal ein Jahr nach Markteinführung will Edgewell in den USA bereits 15 Prozent Marktanteil herübergezogen haben.


Der Nassrasierer-Markt lockt. Gilette und Wilkinson haben aus der einst austauschbaren einfachen Rasierklinge mit Hilfe teurer Werbekampagnen Markenartikel gemacht, für die Männer vergleichsweise viel Geld ausgeben. Doch dabei haben sie den Bogen überspannt – und so Raum für Alternativen geöffnet.

Dass ein Konkurrent direkt Klingen für ein bestehendes Produkt entwickelt, ist dabei ungewöhnlich. Aber es gibt am Markt zahlreiche No-Name-Produkte, wie sie auch Edgewell neben seiner Marke Wilkinson über Händler weltweit vertreibt. Rossmann setzt beispielsweise wie Edeka Mehrklingensysteme des großen südkoreanischen Herstellers Dorco ein. Andere große Hersteller sind das 135 Jahre alte Unternehmen Personna aus Japan und Supermax aus Indien mit weltweiter Präsenz.

Das ist nicht nur die Grundlage für die preisgünstigen, oft aber ebenfalls qualitativ guten Mehrklingensysteme der etablierten Einzelhändler. Nach dem Vorbild von US-Pionieren wie dem für eine Milliarde Dollar an Unilever verkauften Dollar Shave Clubs sind etliche Internet-Companies entstanden, die Rasierklingen im Abo anbieten.

Das Kalkül: Sie binden Kunden langfristig und bringen sie dazu, die Klingen häufig zu tauschen. Online und in sozialen Medien erzählen die Anbieter ausführliche Marketing-Geschichten und bieten häufig auch höhermargige Pflegeprodukte an. Dabei kaufen sie häufig schlichtweg die Standardlösungen der unbekannten Hersteller ein, die vielfache Design-Varianten erlauben.


Ein deutscher Hersteller profitiert ebenfalls von dem Trend. Der Dollar-Shave-Club-Konkurrent Harry’s aus den USA hat 2014 den ehemaligen DDR-Betrieb Feintechnik Eisfeld von Finanzinvestoren für den stolzen Preis von 100 Millionen Dollar gekauft. Neben der eigenen Marke Chroma fertigte Feintechnik vor allem für Handelsmarken – und seitdem auch für das Online-Abo.

Auch ein deutscher Dax-Konzern will den Markt verändern: Beiersdorf-Chef Stefan Heidenreich hat bereits Damen-Rasierer der Marke Nivea in die deutschen und österreichischen Drogerien gebracht. Wenn seine Forscher eine besonders hautfreundliche Variante entwickeln können, will er auch Herren-Rasierer unter der Marke bringen – wohl in Zusammenarbeit mit einem Rasiererhersteller für die Technik. Beiersdorf könnte etwa einen neuentwickelten Nivea-Men-Gleitstreifen beisteuern.

Und auch bei Edgewell könnte sich etwas tun: Der Wilkinson-Konzern ist in der Hand von Finanzinvestoren, die über kurz oder lang einen Ausstieg versuchen könnten.


Wie hoch ist die „Erfindungshöhe“?

Klar ist: Die Markenhersteller kämpfen um ihre Margen. Nach Angaben einer Düsseldorfer Justizsprecherin hält Wilkinson im aktuellen Fall das Gillette-Patent für nichtig. Das Unternehmen habe beim zuständigen Patentgericht in München kürzlich eine entsprechende Klage erhoben. Ein Patent kann für nichtig erklärt werden, wenn die „Erfindungshöhe“ nicht ausreicht. Das Landgericht Düsseldorf muss nun zu prüfen, ob die Wirksamkeit des umstrittenen Patents hinreichend gesichert ist, um die beantragte einstweilige Verfügung zu erlassen.

Für den Wirtschaftsprofessor Michael Stephan von der Universität Marburg sind derartige Prozesse ein Beweis dafür, dass das Patentrecht in den vergangenen Jahren immer mehr von einem defensiven Schutzschild zu einer strategischen Waffe im Wettbewerb geworden ist. Selbst vergleichsweise simple Produkte wie eben Nassrasierer würden inzwischen von einem regelrechten „Patentdickicht“ umgeben.


Allein für den „Mach3 Turbo“ habe Gillette 35 Patente angemeldet, berichtet der Wissenschaftler. Das reiche von der Schnittstelle für die Verbindung zwischen Klinge und Schaft über den Neigungswinkel der Klingen bis zur Verpackung. Die Unternehmen versuchten dadurch starke Schutzschilde für die eigenen Produkte aufzubauen. Allerdings laufe das umstrittene Patent sowieso im Februar 2018 aus, sagte eine Gerichtssprecherin.

Etliche Männer reagieren auf die teuren Manöver mit einem Gegentrend: Die Hersteller von klassischen Rasierhobeln aus Metall und Rasiermessern wie Dovo/Merkur in Solingen erleben seit einigen Jahren einen unverhofften zweiten Frühling. Liebhaber erklären die 100 Jahre alte Technik zum wahren Rasiererlebnis – und brauchen dafür nur die simple alte Wechselklinge oder einen Lederriemen zum Schärfen des Messers.