Nach dem Fall von Rakka: So geht die Anti-IS-Allianz mit ausländischen Islamisten um

Ein gefangener Islamist aus der Türkei wird von kurdischen Soldaten bewacht. (Bild: AP Photo)

Im Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ ist mit Rakka vor Kurzem die Hochburg des „Kalifats“ gefallen. Die Militäroperation der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in Rakka wäre damit beendet, so ihr Sprecher Talal Silo am Dienstag. Jetzt suche man nach den noch verbliebenen IS-Widerstandsnestern. Das siegreiche – von kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) geführte – SDF-Bündnis bekam bei der Schlacht um Rakka durch Luftangriffe der US-geleiteten internationalen Koalition und durch Spezialeinheiten am Boden Unterstützung. Dabei hatte die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition eine klare Linie, wie man mit den Ausländern, die sich dem IS angeschlossen haben, umgehen solle: vor Ort umbringen.

Es war ein Riesenerfolg im Kampf gegen den IS. Vor wenigen Tagen nahm die Anti-IS-Allianz mit Rakka die Hochburg der Terroristen ein. Jahrelang hatten die Fanatiker von der nordsyrischen Stadt aus ihre Massaker und Anschläge geplant, darunter auch viele Europäer. Laut der Nachrichtenagentur „AP News” haben Kämpfer der Anti-IS-Koalition die Anweisung, ausländische Dschihadisten in Syrien nach Möglichkeit zu töten.

Zeitweise sollen laut „AP News“ schätzungsweise 30.000 Menschen aus der ganzen Welt in den Nahen Osten gereist seien, um der Terrormiliz als Kämpfer beizutreten. Dazu gehörten schätzungsweise auch 6000 Europäer, vor allem aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien – davon überdurchschnittlich viele mit Migrationshintergrund. Etwa ein Drittel der europäischen Dschihadisten ist mittlerweile wieder nach Hause zurückgekehrt, wo viele auf eine Gerichtsverhandlung warten. Andere sind noch auf freiem Fuß und werden durch die internationalen Geheimdienste überwacht.

Der US-Sondergesandte für den Kampf gegen den IS, Brett McGurk, sagte dem arabischen TV-Sender „Al Aan“: „Unsere Mission ist es, sicherzustellen, dass ausländische Kämpfer, die sich dem IS angeschlossen haben, hier in Syrien sterben. Wenn sie sich also in Rakka befinden, werden sie auch in Rakka sterben.“

Der Bericht von „AP News” zeigt, dass europäische Regierungen dieses Vorgehen durchaus gutheißen oder zumindest dulden – aus Angst vor möglichen Rückkehrern, die daheim weitere Anschläge planen und durchführen könnten. Zumindest habe derzeit keine Regierung öffentlich Bedauern über das Schicksal der Islamisten aus ihren Ländern zum Ausdruck gebracht.

Die französische Verteidigungsministerin Florence Parly gab gegenüber dem Radiosender „Europe 1“ offen zu, es wäre „das Beste“, wenn Dschihadisten in den Kämpfen umkämen. Das sei die einzige Möglichkeit, ihre Rückkehr dauerhaft zu verhindern.

Soldaten machen ein Selfie in einem Stadion, das der letzte Rückzugsort der Islamisten in Rakka war. (Bild: dpa)

Ein Kommandant des Militärbündnisses „Demokratische Kräfte Syriens“, der anonym bleiben möchte, sagte „AP News“, die US-Koalition habe Namen und Fotos von ausländischen Dschihadisten weitergegeben, die für ihre jeweiligen Heimatländer eine Bedrohung darstellen würden. Ein ebenfalls anonymer Kommandant der Volksverteidigungseinheiten bestätigte das im Anschluss und gab an, Ausländer, die sich zum Kämpfen entschließen, würden „eliminiert“ werden.

Jene IS-Terroristen, die im Kampf um Rakka nicht getötet wurden und sich nun in kurdischer Gefangenschaft befinden, sollen eigentlich zeitnah an ihre Heimatländer ausgeliefert werden. Darunter befinden sich auch viele Europäer.

In Rakka sollen zuletzt noch rund 300 zumeist ausländische Terroristen ausgeharrt haben, ihr Schicksal ist weitgehend ungeklärt. Im Irak sollen neben hunderten von IS-Kämpfern auch deren Familien festgehalten werden – teils unter menschenunwürdigen Zuständen. Werden die IS-Kämpfer schließlich verurteilt, droht ihnen die Todesstrafe.

Auch Deutsche sollen sich noch unter den verbliebenen Kämpfern in Rakka befunden haben. Andere stecken in den weiteren Kriegsgebieten fest. Sollten sie überleben, gelten sie in der Heimat als tickende Zeitbomben. Doch eine lückenlose Überwachung der Rückkehrer und potenziellen Gefährder ist kaum möglich.

Entsprechend zurückhaltend agieren westliche Staaten bei der Rückführung gefangener IS-Kämpfer. Die beiden kurdischen Kommandanten, die anonym bleiben wollten, sagten „AP News“: „Wir versuchen, sie zurückzuführen, aber viele Länder wollen sie nicht wiederhaben.“

Auch der belgische Dschihadismus-Experte Pieter Van Ostaeyen bestätigt diese Einschätzung: „Die allgemeine Stimmung in Nordeuropa ist, dass wir diese Leute nicht zurückhaben wollen, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand über die Alternativen nachgedacht hat.”