Rakitic: So war mein Verhältnis zu Messi wirklich

Reinhard Franke
·Lesedauer: 10 Min.
Rakitic: So war mein Verhältnis zu Messi wirklich
Rakitic: So war mein Verhältnis zu Messi wirklich

"Du wirst immer ein Teil unserer Geschichte sein." Mit diesen Worten wurde Ivan Rakitic im vergangenen Sommer nach sechs Jahren beim FC Barcelona verabschiedet, nachdem seine Rückkehr zum FC Sevilla perfekt war. Dort hatte er bereits von 2011 bis 2014 gespielt. Der kroatische Vize-Weltmeister ist der Ausländer mit den viertmeisten Spielen bei Barca: Nur Lionel Messi, Dani Alves und Javier Mascherano haben mehr Einsätze.

Im SPORT1-Interview spricht Rakitic über die Zeit in Barcelona, seine Frau Raquel, Messi - und den FC Bayern.

SPORT1: Herr Rakitic, der FC Sevilla ist aktuell Vierter in Spanien. Was macht was macht Ihre Mannschaft in dieser Saison so stark? (Service: Tabelle von La Liga)

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Rakitic: Der Verein hat in den vergangenen Jahren sehr viel richtig gemacht. Wir sind in der Champions League knapp an Borussia Dortmund und im Pokal an Barca gescheitert. Jetzt hoffen wir aber, dass wir erstmals in der Vereinsgeschichte zum zweiten Mal hintereinander in die Königsklasse kommen. Das ist ein Riesenziel für uns. Wir müssen aus ganz vielen Sachen lernen. Wir sollten die nächsten Spiele genießen und alles geben.

SPORT1: Sie sind aus Barcelona nach Sevilla gewechselt. Wie schwer fiel Ihnen der Abschied?

Rakitic: Es war nicht besonders schwer. Das ist einer der größten Klubs in der Welt. Ich war sechs Jahre dort und habe 311 Spiele gemacht. Ich habe Barca richtig genossen. Manchmal passiert etwas Emotionales neben dem Platz mit dir, was dir ein Zeichen gibt, etwas Neues zu machen. Und so war es bei mir. Ich bin nicht traurig gegangen, sondern glücklich. 13 Titel sind nicht so schlecht, oder? Es hätten aber auch ein paar mehr sein können. Ich bin unheimlich stolz ein Teil von Barca gewesen zu sein.

Messi? "Freue mich riesig, dass er geblieben ist"

SPORT1: Sie haben mit Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar zusammengespielt. Wie viel Spaß hat es gemacht, hinter so einer Sturmreihe zu spielen?

Rakitic: Es war eine unglaubliche Zeit, leider durch die Wechsel-Entscheidung von Neymar zu kurz. Ich hatte das Gefühl, dass sie immer etwas anderes machen als der Rest. Es war eine Riesenehre, hinter ihnen spielen zu dürfen. MSN (Messi, Suárez, Neymar, Anm.d.Red.) ist das Beste, was es je im Sturm gegeben hat.

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SPORT1: Als Sie gegangen sind, gab es auch Gerüchte um einen Abschied von Messi bei Barca. Was haben Sie damals gedacht?

Rakitic: Ich war wie alle sehr überrascht und geschockt. Als Leo nicht zum Trainingsstart kam, haben 90 Prozent der Fans gedacht, dass er jetzt weg ist. Es war eine ganz komische Situation. Leo ist nicht Fußballgeschichte von Barca, er ist ein Teil dieses Klubs. Ich freue mich riesig, dass er geblieben ist. Und ich hoffe, dass er noch einige Jahre für Barca spielen wird. Was er auch immer entscheidet, das muss man respektieren. Ich wünsche ihm nur das Beste.

SPORT1: Sie haben mal gesagt, dass Sie und Messi nicht die besten Freunde waren, er habe Sie aber immer gut behandelt. Ist er nicht mit jedem Teamkollegen fair umgegangen?

Rakitic: Doch, schon. Was ich damit sagen wollte, war, dass auch ich nicht der engste Kumpel von anderen Mitspielern war. Aber das ist doch ganz normal. Mein Verhältnis zu Marc-Andre ter Stegen war viel enger als zu Leo. Unsere Familien haben sich oft getroffen. Auch jetzt haben wir noch guten Kontakt. Leo ist ein guter Kumpel von Suárez. Ich bin ein Kumpel von Andres Iniesta oder Kevin-Prince Boateng. Dass es im Fußball jahrelange, enge Freundschaften gibt, ist eher selten. Wir hatten ein super Verhältnis, stehen auch nach den Spielen noch zusammen und quatschen. Aber wir sind nicht die besten Freunde. Unser Respekt voreinander ist sehr groß.

SPORT1: Sie sollen 2019 dem FC Bayern angeboten worden sein, und der Klub habe abgelehnt. Gab es diese Idee wirklich?

Rakitic: Ganz ehrlich? Ich wusste davon wirklich nichts. Dass sich mein Kumpel Brazzo so entschieden hat, finde ich schade. Ich hätte gerne mit Manu (Manuel Neuer, Anm.d.Red.) nochmal zusammengespielt. Spaß beiseite: Man hat mal darüber gesprochen, mehr aber nicht. Teil vom FC Bayern sein zu können, ist sicher eine Riesen-Ehre. Was dieser Klub in den vergangenen Jahren aufgebaut hat, ist sagenhaft. Dazu kann man den Verantwortlichen nur gratulieren. Die Bayern sind immer noch die größte Adresse in Europa, auch wenn sie aus der Champions League rausgeflogen sind.

SPORT1: Hätten Sie gerne mal für den FC Bayern gespielt?

Rakitic: Auf jeden Fall. Ich hätte sehr gerne mal für den FC Bayern gespielt. Das ist einer der größten Klubs auf der ganzen Welt und mit Manu und Toni (Bayerns Torwarttrainer Toni Tapalovic, d. Red.) habe ich da zwei gute Kumpels. Sie sind Freunde fürs Leben, ein Teil meiner Familie. Ich hätte mit den beiden in der Kabine gerne nochmal Gas gegeben. Leider kam es nicht dazu.

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SPORT1: Sie sind jetzt 33 Jahre alt und haben 346 La-Liga-Spiele bestritten. Fühlen Sie sich noch fit genug für 400 Spiele?

Rakitic: Ich fühle mich fit für 500 Spiele und mehr. Die Fans werden Rakitic noch eine Weile erleben dürfen. Ich fühle mich so gut wie nie. Ich bin jetzt besser drauf als mit 22 oder 23 Jahren. Das hat natürlich auch mit der Erfahrung zu tun. Ich genieße alles und bin am richtigen Ort.

"Den Frauen muss man einfach vertrauen"

SPORT1: Vor Ihrer Rückkehr nach Sevilla sagten Sie, es wäre eine große Ehre, wenn sie die Zehn tragen dürften - die Nummer, die ihr Freund Antonio Reyes getragen hatte, der 2019 bei einem Autounfall ums Leben kam. Läuft er in Gedanken noch heute mit ihnen auf?

Rakitic: Auf jeden Fall. Es ist eine Riesenehre seine Nummer tragen zu dürfen. Auch, weil ich mich oft mit seinem Sohn unterhalte, der in der Jugend von Real Madrid spielt. Er hat viel vom Vater und ist ein unglaubliches Talent. Ein toller Junge. Hoffentlich werden wir da nochmal einen Reyes auf höchstem Level sehen. Als ich nach meiner Rückkehr das erste Tor für Sevilla geschossen habe, habe ich zum Himmel geschaut und das Tor Antonio, seiner Frau, dem Sohn und seiner Familie gewidmet. Antonio ist immer bei mir.

SPORT1: Es gibt die schöne Geschichte, wie Sie ihre Frau rund um den Wechsel zum FC Sevilla 2011 in einer Bar kennengelernt haben, in der sie arbeitete. Haben Sie wirklich noch am ersten Tag ihrer Begegnung gewusst, dass sie sie heiraten wollen?

Rakitic: Es gibt eine schöne Geschichte, die ich so noch nie erzählt habe. Als ich in Sevilla damals ankam, war es schon spät. Am nächsten Morgen sollte ich den Medizincheck absolvieren und den Vertrag unterschreiben. Ich war etwas nervös, war mit meinem älteren Bruder in dieser Bar noch etwas trinken. Und da stand Raquel. Dann rief ein anderer Klub-Boss an und wollte mich nochmal umstimmen, dass ich nicht bei Sevilla unterschreibe. Doch ich sagte zu meinem Bruder 'Mein Wort gilt mehr als eine Unterschrift', denn ich stand beim Sevilla-Präsident im Wort. Ich sagte mir also, dass ich unterschreiben und diese Kellnerin heiraten werde. Es war für mich also vom ersten Moment an klar. Und wir hatten gleich eine super Verbindung. Gleich am ersten Abend in Sevilla landete ich meinen wichtigsten Sieg in meinem Leben.

SPORT1: Es gibt noch eine weitere Anekdote, die Sie und Raquel betrifft. Sie soll sie am Tag vor dem Achtelfinale gegen Dänemark bei der WM 2018 in Russland angerufen und prophezeit haben, dass sie den entscheidenden Elfmeter im Elfmeterschießen verwandeln werden. Genau so kam es. Stimmt die Geschichte?

Rakitic: Bei einer WM ist man als Fußballer wochenlang nicht zu Hause, man hängt viel am Handy und hält Kontakt zu der Familie. Immer, wenn ich auf dem Weg zum Stadion bin, rufe ich Raquel kurz an. So auch damals. Sie sagte zu mir 'Ich habe so ein Gefühl, dass du im Elfmeterschießen den entscheidenden Strafstoß rein schießt'. Ich sagte nur 'Alles klar'. Als es dann tatsächlich zum Elfmeterschießen kam und ich von der Mittellinie zum Punkt lief, dachte ich mir 'Das kann doch nicht wahr sein, hat sie wirklich recht?'. Ich hatte Riesendruck, der Elfer musste rein. Ich wollte mein Land natürlich nicht enttäuschen, aber vor allem auch nicht meine Frau. Ich hätte nicht mehr nach Hause fahren können. Den Frauen muss man einfach vertrauen.

SPORT1: Ihr Mitspieler Jesús Navas gilt in Sevilla als lebende Legende. Wie erleben Sie ihn und den Kult um seine Person?

Rakitic: Er ist unglaublich. Man sollte den Hype um ihn noch weiter pushen. Eine Tribüne im Stadion, in dem die 2. Mannschaft spielt, wurde nach ihm benannt. Wenn du von Sevilla sprichst, sprichst du von Jesús Navas. Dass er immer noch auf diesem Niveau spielt, ist großartig. Es ist so schön, jeden Tag mit ihm auf dem Rasen zu stehen. Wir werden diese Legende weiter genießen können.

Schalke-Rückkehr? "Kein Witz. Warum nicht?"

SPORT1: Sie sind seit Februar der erste offizielle Botschafter der UEFA-Stiftung für Kinder, die Projekte in über 500 Ländern unterstützt. Was ist ihre Aufgabe, und warum habe sie sie angenommen?

Rakitic: Das ist für mich keine Aufgabe. Auf dieser Welt sind die Möglichkeiten nicht immer gleich. Der Fußball kann für Kinder viel erreichen. Ein Lächeln von einem Kind zu sehen, ist das Schönste, was es gibt. Und ich möchte dieses Gefühl in die Welt tragen und als Profi habe ich das Glück das machen zu können. Es ist für mich also eine Herzensangelegenheit und ich bin der UEFA sehr dankbar dafür. Ich will, dass alle Kinder happy sind.

SPORT1: Während ihrer Zeit auf Schalke wurden sie mal nach einer Partynacht mit Jermaine Jones und Mladen Krstajic für ein Spiel suspendiert. Wie viel Partylöwe steckt heute noch in ihnen?

Rakitic: Ich erinnere mich noch an die Nacht. Partylöwe? Ich bin nur noch eine kleine Katze. (lacht laut) Ich war damals zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde zu Recht bestraft. Daraus habe ich gelernt. heute gibt es einen anderen Ivan. Ich habe zwei Töchter und ich habe auch einen großen Respekt vor dem Coronavirus. Aber seit ich verheiratet bin, hat sich mein Leben komplett geändert. Ich bin ein totaler Familienmensch, gehe gerne mit meiner Frau und Freunden essen. Ich fühle mich daheim am wohlsten und mag es, meine Kinder ins Bett zu bringen.

SPORT1: Was sagen Sie dazu, dass Ihr früherer Klub Schalke 04 absteigen wird?

Rakitic: Das ist traurig. Ich bin noch oft in Kontakt mit Gerald Asamoah. Erst kürzlich haben wir am Telefon über seine neuen Aufgaben gesprochen. Der Abstieg ist ein Riesen-Schlag in den Magen. Aber vielleicht lernt man aus den Fehlern der Vergangenheit und es geht nächstes Jahr gleich wieder hoch. Schalke 04 ist weiter ein top Name in Deutschland und in Europa. Ich wünsche Asa und meinem anderen Kumpel Mike Büskens viel Erfolg. Auch Peter Knäbel wünsche ich nur Gutes. Er war Sportdirektor in Basel, als ich als kleiner Junge da gespielt habe. Ich bin überzeugt davon, dass sie die Richtigen sind.

SPORT1: Können Sie sich vorstellen im letzten Jahr Ihrer Karriere noch mal für Schalke zu spielen?

Rakitic: Man muss immer offen sein für alles. Kein Witz. Warum nicht? Man kann nie etwas komplett ausschließen. Aktuell ist es schwer daran zu glauben, aber ich war auch überrascht, als ich hörte, dass meine Kumpels wie Asa und Mike da mithelfen. Vielleicht kommt Asa mal zu mir und schafft es mich zu überzeugen. Man weiß nie.

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SPORT1: Welche Zukunftspläne haben Sie?

Rakitic: Ich möchte nicht zu weit nach vorne schauen. Ich habe in Sevilla einen langen Vertrag und hoffe den auch erfüllen zu können. Ich will jetzt den Augenblick genießen und jeden Tag Vollgas geben, um den Klub nach vorne zu bringen.