Raketenstart fürs Gold

Nordkorea zündelt wieder – und prompt springt der Goldpreis über die Marke von 1300 Dollar. Einige Analysten erwarten weiter steigende Notierungen. In manch einem Szenario verteuert sich das Edelmetall drastisch.


Kim Jong Un provoziert die Amerikaner – wieder einmal. In der Nacht zu Dienstag lässt er die Krise mit einer Rakete, die über Japan hinwegflog und in den Pazifik stürzte, weiter eskalieren. Aus Sorge vor einer Verschärfung des Nordkorea-Konflikts haben Investoren am Dienstag Aktien aus ihren Depots geworfen. Der Dax rutschte zeitweise um knapp zwei Prozent ab. Sichere Anlagen sind das Gebot der Stunde. Neben deutschen Staatsanleihen sind klassischen Krisenwährungen wie Yen und Franken gefragt – zudem flüchten viele Anleger vor allem ins Gold.

So passiert das, worauf manche Marktbeobachter in diesem Jahr schon mehrere Male gehofft haben: Der Edelmetallpreis springt erstmals 2017 über die Marke von 1300 Dollar. Die Feinunze (etwa 31,1 Gramm) kostete damit am Dienstag so viel wie zuletzt im November 2016. Seit dem Frühjahr pendelte der Preis für eine Feinunze zwischen 1200 und 1300 Dollar. Seit Monatsanfang hat der Kurs nun rund vier Prozent an Wert zugelegt, seit Jahresbeginn beträgt das Plus rund 15 Prozent.


Die Goldrally ist nach Einschätzung von Investoren vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die US-Notenbank angesichts der schwachen Inflation schwertun wird, die Zinsen nochmals anzuheben. Zudem hat die unberechenbare Amtsführung von Präsident Donald Trump die Nachfrage angetrieben, ebenso wie die Spannungen zwischen Nordkorea und den USA.

Bank of America Merrill Lynch erklärte in der vergangenen Woche, der Goldpreis werde Anfang kommenden Jahres 1400 Dollar erreichen und verwies zur Begründung auf niedrigere langfristige US-Zinsen und einen Mangel an Fortschritten bei der Umsetzung von Trumps politischer Agenda. „Ziel wären in den kommenden Wochen 1355 bis 1375 Dollar“, meint Eugen Keller, Marktstratege beim Bankhaus Metzler.


Eine ähnliche Perspektive hat Robert Hartmann, Mitgründer des Edelmetall-Handelshauses Pro Aurum. „Die Bewegung könnte nachhaltig sein“, glaubt er. Hartmann denkt beim Preis schon an die Marke von 1500 Dollar.

Ronald-Peter Stöferle erwartet wenig Gutes nach dem jüngsten Raketentest Nordkoreas. Der Partner des Liechtensteiner Vermögensverwalters Incrementum rechnet sogar mit noch größeren geopolitischen Verwerfungen: „Der Konflikt zwischen Nordkorea und den USA wird sich weiter verschärfen.“ Die Strategen sehen im Hintergrund allerdings noch andere Kräfte am Werk.


Ein schwacher Dollar als weitere Unterstützung


Es ist zunächst der schwache Dollar. Seit Jahresbeginn hat der Euro zum Dollar um mehr als 15 Prozent aufgewertet – von weniger als 1,04 Dollar in der ersten Januar-Woche auf aktuell über 1,20 Dollar. Dabei hatten zum Jahresbeginn viele Börsianer einen Euro-Dollar-Kurs von 1:1 auf dem Radar. Gold wird immer als Alternativwährung zur Welt-Leitwährung angesehen. Ein schwacher Dollar ist daher gut für das Gold.

Im Blickpunkt stehen aber auch die wirtschaftlichen Perspektiven für die USA. Die US-Wirtschaft hatte sich nach einem schwachen Jahresstart auch dank Außenhandel und privatem Konsum erholt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erhöhte sich im zweiten Quartal um aufs Jahr gerechnet 2,6 Prozent zum Vorquartal, wie aus Zahlen des Handelsministeriums vom vergangenen Freitag hervorgeht. Im ersten Quartal lag das Wachstum bei 1,2 Prozent.

Nach Meinung einiger Experten könnte sich Wachstum wieder abschwächen, auch weil Trump bislang nicht seine Versprechen einer Steuerentlastung für Unternehmen und einer Deregulierung der Finanzbranche eingelöst hat. „Ich rechne mit rezessiven Tendenzen, und dann wird es auch keine weitere Zinserhöhung in USA mehr geben“, meint Stöferle von Incrementum.

In diesem Szenario, an das bisher wenige Beobachter glauben, würden auch die Anleiherenditen niedrig bleiben. Weiter unattraktive Zinspapiere wären dann wieder gut für Gold als alternative Anlage. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe ist bereits auf 2,1 Prozent gefallen – so tief war sie zuletzt im vergangenen November.


Sollte sich das ökonomische Bild eintrüben, könnte Gold auch noch aus einer anderen Richtung Rückenwind bekommen. Die Aktienmärkte würden in schwieriges Wasser geraten: „Anleger werden dann Bestände verkaufen, Teile der Erlöse wohl auch in Gold investieren“, schätzt Hartmann.

In diesen Tagen ist der Pro-Aurum-Mann mit einigen vermögenden Kunden im Gespräch, die niedrige zweistellige Millionenbeträge anlegen wollen. Da sei Nordkorea gar kein Thema. Hartmann erklärt: „Es geht um langfristige Vermögenssicherung wegen der unsicheren Zukunft der Papierwährungen.“

KONTEXT

Die globalen staatlichen Goldreserven

Hintergrund

Die Daten des Internationalen Währungsfonds zeigen die Goldreserven ausgewählter Staaten (in Tonnen) zum Jahresende 2016. Die Statistik legt außerdem offen, wie groß der Anteil des Goldes an den gesamten staatlichen Währungsreserven ist. Viele Länder bunkern neben Gold große Devisenbestände, etwa in US-Dollar oder in Euro.

USA

Bestand: 8133,5 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 73,8 Prozent

Quelle: World Gold Council

Deutschland

Bestand: 3779,9 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 67,6 Prozent

Frankreich

Bestand: 2435,8 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 61,5 Prozent

China

Bestand: 1842,6 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 2,2 Prozent

Schweiz

Bestand: 1040,0 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 5,6 Prozent

Russland

Bestand: 1615,2 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 15,2 Prozent

Indien

Bestand: 557,8 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 5,7 Prozent

Großbritannien

Bestand: 310,3 Tonnen

Gold-Anteil an staatlichen Reserven: 8,5 Prozent