IS-Miliz greift kurz vor Abschluss des US-Abzugs Flughafen in Kabul an

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Afghanen warten am Haupteingang des Kabuler Flughafens (AFP/WAKIL KOHSAR)

Raketenangriff auf den Flughafen und Warnung vor neuen Anschlägen: Inmitten einer extrem angespannten Sicherheitslage ziehen die USA ihre verbliebenen Soldaten aus Afghanistan ab. Mit den letzten Evakuierungsflügen aus Kabul endet am Dienstag nach knapp 20 Jahren der Militäreinsatz der USA am Hindukusch. Außenminister Heiko Maas (SDP) lotete derweil bei den Nachbarn Afghanistans Möglichkeiten aus, auch weiterhin schutzbedürftige Menschen aus Afghanistan herauszuholen.

Am Montagmorgen wurden mehrere Raketen auf den Flughafen in Kabul abgefeuert, doch wurden die Geschosse nach Angaben der Taliban vom Raketenabwehrsystem am Flughafen zerstört. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Angriff für sich. "Soldaten des Kalifats" hätten den internationalen Flughafen der afghanischen Hauptstadt mit sechs Raketen angegriffen, erklärte der regionale Ableger der IS-Miliz in Afghanistan (IS-K).

Das Weiße Haus bestätigte den Vorfall und erklärte, der Evakuierungseinsatz laufe ohne Unterbrechung weiter. Bei einem US-Drohnenangriff wurde später ein Auto zerstört, von dem aus die Raketen vermutlich abgeschossen worden waren.

Die US-Regierung warnte vor weiteren Anschlägen auf den Flughafen. Die Lage sei derzeit "besonders gefährlich", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. Die Bedrohungen seien "noch immer real, aktuell und in vielen Fällen spezifisch".

Die Machtübernahme der radikalislamischen Taliban vor gut zwei Wochen hatte Afghanistan ins Chaos gestürzt. Über die von den USA koordinierte Luftbrücke konnten seit dem 14. August gut 116.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden.

Insgesamt wurden unter Beteiligung der US-Armee seit Ende Juli mehr als 122.000 Menschen außer Landes gebracht. Mit den letzten Militärmaschinen sollten nun aber vorrangig US-Soldaten und Diplomaten ausgeflogen werden.

Bereits am Sonntag hatten die USA einen weiteren Anschlag des IS-K auf den Flughafen von Kabul vereitelt. Nach Angaben des Pentagons wurde bei einem US-Drohnenangriff ein mit Sprengstoff beladenes Auto zerstört. Afghanischen Medien zufolge starben bei dem Drohnenangriff möglicherweise auch Zivilisten. Die USA erklärten, dies werde geprüft.

IS-K hatte am Donnerstag auch den verheerenden Selbstmordanschlag am Flughafen von Kabul für sich reklamiert, bei dem mehr als hundert Menschen getötet wurden, darunter 13 US-Armeeangehörige. Als Reaktion auf das Attentat tötete die US-Armee bei einem Drohnenangriff im Osten Afghanistans zwei Logistikexperten der Dschihadistenmiliz.

Mit dem bevorstehenden Ende der Luftbrücke richtet sich der Blick nun auf das Schicksal der tausenden Afghanen, die es nicht an Bord eines Evakuierungsflugs geschafft haben.

Die Bundeswehr hatte ihre Rettungsmission bereits am Donnerstag beendet, auch die anderen US-Verbündeten stellten ihre Evakuierungsflüge aus Kabul bereits ein. Allerdings befinden sich noch zahlreiche afghanische Ortskräfte mit westlichen Aufnahmezusagen sowie ausländische Staatsbürger in Afghanistan, darunter auch Deutsche.

Maas führte am Montag Gespräche in Afghanistans Nachbarländern Usbekistan und Tadschikistan, um die Möglichkeiten für weitere Ausreisen aus Afghanistan zu prüfen. Usbekistan sei bereit, seine Grenzen für Deutsche, afghanische Ortskräfte und andere Schutzbedürftige aus Afghanistan zu öffnen, sagte der Minister.

Er bekräftigte, dass er bei den weiteren Evakuierungen aus Afghanistan vor allem auf den Luftweg setze. In erster Linie gehe es nun darum, den stark beschädigten Flughafen von Kabul wieder soweit instand zu setzen, dass alle Ausreisewilligen mit entsprechenden Dokumenten mit Hilfe von zivilen Chartermaschinen ausgeflogen werden können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel sprachen sich für "eng abgestimmtes Vorgehen der internationalen Gemeinschaft" in dieser Frage aus, wie Merkels Sprecher Steffen Seibert nach einem Telefonat der Kanzlerin mit Macron mitteilte.

Bei den bisherigen Evakuierungsflügen wurden nach Angaben der Bundesregierung 138 afghanische Ortskräfte sowie 496 Familienangehörige nach Deutschland gebracht. Damit reisten 634 Menschen "mit Ortskräfte-Bezug" ein, wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte.

Die Regierung kalkuliert inzwischen mit weitaus mehr Schutzsuchenden aus dieser Gruppe. Das Bundesinnenministerium geht davon aus, dass die Gesamtzahl der Menschen mit Bezug zu Ortskräften bei mehr als 40.000 liegt.

bfi/mid

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