Die Rakete dieser Gründer soll zum Taxi für tausende Satelliten werden

Sarah Heuberger
·Lesedauer: 6 Min.
Die Gründer von Isar Aerospace: Josef Fleischmann, Markus Brandl und Daniel Metzler (von links)
Die Gründer von Isar Aerospace: Josef Fleischmann, Markus Brandl und Daniel Metzler (von links)

12 Uhr mittags in Ottobrunn, einem Vorort von München. Von hier aus will das Startup Isar Aerospace die private Raumfahrt vorantreiben. Viel Platz gibt es und die Nähe zu anderen Raumfahrt-Forschungszentren. Nur die Auswahl an Lunch-Möglichkeiten ist in Ottobrunn eher begrenzt. Der Großteil des Teams sitzt deshalb an einem langen Tisch mit mitgebrachtem Essen.

Josef Fleischmann ist Mitgründer und COO des Raketen-Startups. Der 30-Jährige führt kurz durch die Räumlichkeiten, vom Büro aus geht es in seinem Auto direkt weiter zur eigentlichen Produktionshalle, wenige Kilometer entfernt. Vor Kurzem fiel hier der offizielle Startschuss für die Raketenfertigung, schon im kommenden Jahr will das Startup zum Erstflug abheben.

Dieser Artikel erschien zuerst am 4. November 2020. Weil Isar Aerospace gerade angekündigt hat, noch dieses Jahr von einem Startplatz der norwegischen Insel Andøya ins All fliegen zu wollen, veröffentlichen wir den Text an dieser Stelle erneut.

Dafür hat die Firma schon einiges an Geld eingesammelt. Erst im Dezember vergangenen gab Isar Aerospace eine Finanzierung in Höhe von umgerechnet 75 Millionen Euro bekannt. Zu den bisherigen Teilhabern gehören der Berliner VC Earlybird, Airbus Ventures, Apeiron, Vito Ventures und UVC Partners. Auch Bulent Altan, ehemaliger Chefingenieur bei Elon Musks Raumfahrtfirma SpaceX, ist beteiligt. Mit dem Geld soll nun der noch für 2021 geplante Launch vorbereiten werden. Raketenbau ist teuer. Das US-Startup Rocket Lab etwa, das ebenfalls Raketen baut, benötigte bis zum ersten Raketenstart rund 84 Millionen Euro.

„Irgendwer muss das jetzt mal umsetzen“

Vor der weißen Produktionshalle gibt es ungefähr 20 Parkplätze, fast alle sind belegt. „Es wird eng hier“, sagt Fleischmann. 2018 startete die Firma mit gerade mal zehn Mitarbeitern, Ende 2019 waren es 30 – und mittlerweile beschäftigt das Unternehmen schon mehr als hundert Angestellte. Viele davon habe man von der TU München rekrutiert, erzählt Fleischmann. Insbesondere Absolventen des Studiengangs Luft- und Raumfahrt. Aus diesem Studium kennen sich auch er und seine beiden Mitgründer, Daniel Metzler und Markus Brandl. Nach seinem Master arbeitete Fleischmann zunächst noch einige Monate in einem großen Konzern. „Wir hatten uns schon länger gedacht: Irgendwer muss diese Idee doch jetzt mal umsetzen. Dann haben wir das eben gemacht“, sagt er.

Das, damit meint er Raketen, die kleinere und mittlere Satelliten ins All transportieren können. Die sind deshalb so wichtig, weil sie zum Beispiel auf der Erde für eine flächendeckende Versorgung mit Highspeed-Internet sorgen können. Essentiell etwa für selbstfahrende Autos oder Smart Citys – alles Anwendungen, in denen selbstlernende Systeme mit jeder Menge Daten gefüttert werden müssen. Isar Aerospace hilft hier sozusagen beim Aufbau der Infrastruktur, indem es die Satelliten an die richtigen Positionen im Orbit transportiert. Der Umsatz für kleine Satellitenstarts könnte bis 2027 auf knapp zehn Milliarden Euro pro Jahr steigen, schätzt die Beratung Morgan Stanley.

Fast zeitgleich zu der Münchner Firma sind 2018 noch zwei andere Raketen-Startups gestartet – die zum OHB-Konzern gehörende Rocket Factory Augsburg und Hyimpulse, eine Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Beide Unternehmen wollen in den kommenden zwei Jahren ihre sogenannten Micro-Launcher starten. Die Berliner Firma Exolaunch ist da schon weiter: Sie hat nach eigenen Angaben bereits 110 Nano-Satelliten in den Orbit geschossen und kürzlich ein Launch-Abkommen mit Elon Musks SpaceX abgeschlossen.

Nachdem er direkt vor dem Eingang doch noch einen Parkplatz entdeckt hat, führt Fleischmann in die Halle. Gleich am Eingang begrüßt ein Dummy der Rakete die Besucher, Spectrum heißt sie. Der vordere Teil der riesigen Halle ist fast leer, von der Decke hängen drei überdimensionale Flaggen – die europäische, die deutsche und die bayerische. Die Flaggen sind noch ein Überbleibsel der offiziellen Einweihungsfeier der Produktionshalle Anfang September. Ehrengast war der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der sich mit dem Logo des Startups und einer Miniatur-Rakete ablichten ließ.

Bekennender Raketen-Fan: Ministerpräsident Markus Söder bei der Eröffnungsfeier der Produktionshalle Anfang September
Bekennender Raketen-Fan: Ministerpräsident Markus Söder bei der Eröffnungsfeier der Produktionshalle Anfang September

Die Luft- und Raumfahrt ist eines von Söders Lieblingsthemen. Öffentlichkeitswirksam startete er vor zwei Jahren das Programm „Bavaria One“: 700 Millionen Euro sollten in den Aufbau der bayerischen Raumfahrt fließen. Bislang ist jedoch erst ein Bruchteil der versprochenen Gelder ausgezahlt worden, gerade einmal 30 Millionen Euro. Die Landesregierung begründete dies gegenüber dem Bayerischen Rundfunk damit, dass man solch eine hohe Summe nicht auf einen Schlag ausgeben könne und wolle. Auch den Begriff „Bavaria One“ gibt es nicht mehr – die Raumfahrt-Initiative ist mittlerweile ein Teil der Hightech-Agenda.

Viel wurde schon gewitzelt über Söders Space-Ambitionen, „Söderchens Mondfahrt“ titelten einige Zeitungen. Fleischmann widerspricht: „Söder hat verstanden, welches wirtschaftliche Potenzial die Raumfahrt haben kann.“

Triebwerke aus dem 3D-Drucker

Auch im hinteren Teil der Halle hängen Flaggen an der Wand, insgesamt über 30 Stück. Sie stehen für all die Nationalitäten, die mittlerweile bei Isar Aerospace arbeiten. „Da sind aber schon wieder ein paar dazugekommen", sagt Fleischmann. An den Flaggen vorbei befinden sich verschiedene 3D-Drucker, manche davon aktuell noch im Aufbau. Einige Maschinen fehlen noch. Denn Isar Aerospace setzt beim Bau seiner Triebwerke auf additive Fertigung, also auf Bauteile aus dem 3D-Drucker. Das macht die Produktion kostengünstig.

Für das Startup hat das Verfahren noch andere Vorteile: „Wir können heute Bauteile produzieren, testen und – falls wir etwas anpassen müssen – innerhalb von wenigen Stunden adaptieren und neu produzieren. Dafür braucht man auf herkömmlichem Weg mehrere Monate“, so Fleischmann. Deshalb habe man großen Wert darauf gelegt, auch das Herzstück einer jeden Rakete, das Triebwerk, selbst zu entwickeln und zu produzieren und nicht extern zuzukaufen, sagt der Gründer.

Auch nachhaltiger als andere Raketenbauer will die Münchner Firma sein: So nutzt das Unternehmen für den Antrieb flüssigen Sauerstoff als Oxidationsmittel und einen leichten Kohlenwasserstoff. Ein Treibstoff, der nicht nur emissionsärmer, sondern auch effizienter als herkömmliche Antriebe sein soll.

Die Spectrum soll 2021 in Französisch-Guayana abheben

Ende 2021, beim ersten Testflug, soll sich diese Formel beweisen. Bisher verläuft alles im Zeitplan für das Startup. Die Produktion der Rakete hat begonnen und auch ein Startplatz steht seit kurzem fest. Mitte Oktober gab das Startup bekannt, dass es seinen ersten Start vom Raketenbahnhof im französischen Überseegebiet Französisch-Guayana durchführen werde, über dem Atlantischen Ozean.

Eine höhere Bedeutung hat für das Startup indes ein anderes Gewässer: Die Isar hat dem Startup nicht nur zu seinem Namen verholfen, sondern prangt auch prominent in der Mitte des Wandgemäldes im Pausenraum, vor dem Josef Fleischmann mittlerweile seine Tour durch die Produktionshalle beendet. Das Bild hätten einige Mitarbeiter an eine Wand des Pausenraumes gemalt. „Das hat ein ganzes Wochenende gedauert“, sagt Fleischmann anerkennend.

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