RAF: Wie Jan-Carl Raspe mehreren DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte

Auch seine Schwester Inka spielte eine entscheidende Rolle.

Auf ihren IM „Karola“ hat sich die Stasi stets verlassen können. Die junge Architektin ist vom DDR-Geheimdienst gezielt in die Ostberliner Bauakademie eingeschleust worden. Sie arbeitet in der von Hermann Henselmann, dem Schöpfer der Karl-Marx-Allee, aufgebauten Experimentalwerkstatt, die sich mit dem Entwurf markanter Hochausprojekte für die DDR befasst. Das Universitätshochhaus von Leipzig und der Uni-Turm in Jena sind hier geplant worden. Eine Eliteabteilung, die aber auch im Visier des Mielke-Ministeriums steht. Denn seit dem Ausscheiden Henselmanns im Jahr 1972 haben in nur drei Jahren gleich fünf Architekten und eine Sekretärin der Experimentalwerkstatt versucht, aus der DDR zu fliehen. Nur drei von ihnen aber ist das Vorhaben auch geglückt, die übrigen flogen auf und wurden zu Haftstrafen verurteilt – auch dank des Stasi-Spitzels „Karola“.

Die junge Frau hat ihre Zuverlässigkeit also wiederholt unter Beweis gestellt. Aber die Geschichte, die sie im März 1975 erzählt und die zum Gegenstand einer schmalen, jetzt im MfS-Archiv aufgetauchten Akte wird, klingt dann doch etwas zu abenteuerlich. Ein Ingenieur, der mit ihr in der Experimentalwerkstatt arbeitet, will mit Hilfe von Terroristen der westdeutschen Baader-Meinhof-Gruppe in den Westen fliehen, berichtet IM „Karola“ am 18. März 1975 ihrem Führungsoffizier Hauptmann Stürzebecher.

Republikfluchthelfer Raspe

Doch Stürzebecher zweifelt. Die Baader-Meinhof-Gruppe, wie sich die erste Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) auch nennt, ist zu dieser Zeit kaum handlungsfähig. Der harte Kern – Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe – sitzt seit einigen Jahren in westdeutschen Gefängnissen. In zwei Monaten, im Mai 1975, soll der Prozess gegen das Quartett in Stuttgart-Stammheim beginnen. Es geht um versuchten Mord, Sprengstoffanschläge und Banküberfälle. Und jetzt soll sich die Baader-Meinhof-Gruppe auch noch um die Republikflucht eines ostdeutschen Architekten kümmern? Unglaublich.

„Karola“ jedoch beharrt auf ihrer Geschichte. Ihr Kollege G., mit dessen Familie sie gut befreundet sei, habe ihr im Vertrauen erzählt, dass er seit zwei Jahren mit einer zirka 25-jährigen Frau namens Inka* eng befreundet sei. Diese Inka wohne in Berlin-Weißensee in der Parkstraße und sei „die Schwester eines der führenden Köpfe der Baader-Meinhof-Bande“, erzählt „Karola“ laut dem IM-Bericht ihrem Führungsoffizier. „G. äußerte, dass er durch diese Inka die Möglichkeit habe, mit anderen Personen und dieser Inka die DDR … ungesetzlich zu verlassen“, heißt es in dem Treffbericht weiter. „Außerdem sei er durch diese Inka in einen Kreis gelangt, den er nicht mehr verlassen kann, da er zuviel um diese Gruppe weiß und er sich deshalb physisch bedroht fühle.“

Stürzebecher informiert seine Vorgesetzten von der MfS-Hauptabteilung XVIII, die für die Überwachung der Ingenieure und Architekten von der Bauakademie zuständig ist. Dort wendet man sich an die Stasi-Kreisdienststelle in Weißensee: Wissen die Genossen Tschekisten dort etwas über die geheimnisvolle Inka aus der Parkstraße?

Die Schwester von Raspe

Die Kollegen aus Weißensee melden einen Treffer: Bei der jungen Frau handele es sich um Inka Raspe aus der Parkstraße 87/88, die als medizinisch-technische Assistentin im diagnostischen Zentrum des Lichtenberger Oskar-Ziethen-Krankenhauses arbeitet. Sie ist die Schwester „des zum engeren Kreis der Baader-Meinhof-Gruppe gehörenden Raspe, Jan-Carl“, der bis zum Mauerbau 1961 in der DDR-Hauptstadt lebte. Die 26-Jährige sei „wegen ihrer Verbindungen nach der BRD, des illegalen Besitzes von D-Mark sowie Telefonaten nach der BRD und Westberlin operativ angefallen“, heißt es in der Stasi-Auskunft weiter. Sie lebe mit ihrer Mutter Charlotte, Jahrgang 1906, zusammen, die in der Vergangenheit Reisen nach Westberlin und in die Bundesrepublik unternommen habe. Bei diesen Gelegenheiten habe die Rentnerin auch ihren Sohn, den inhaftierten Terroristen Jan-Carl Raspe, mehrfach im Gefängnis in Köln besucht.

Schon zwei Tage nach dem Treff mit IM „Karola“ liegt ein Bericht mit ihrer Aussage in der Chefetage des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Zusammen mit einer aus westdeutschen Zeitungsmeldungen zusammengestellten „Information über den westdeutschen Bürger Jan-Carl Raspe“. Dem MfS ist der Führungskader der Baader-Meinhof-Gruppe zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbekannt. Zur RAF-Gründergeneration – anders als zu deren Nachfolgern – hatte die Stasi keinen Draht gefunden.

Notizen des RAF-Terroristen

In den überlieferten MfS-Akten über den RAF-Terroristen Raspe findet sich auch eine handschriftliche Notiz, verfasst von Michael „Bommi“ Baumann. Baumann, Mitbegründer der Westberliner Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“, war nach dem Bombenanschlag auf einen Yachthafen in Westberlin, bei dem ein Mensch starb, mit falschen Papieren untergetaucht. Auf seiner Flucht Richtung Syrien und Afghanistan wurde er im November 1973 in der DDR von der Stasi geschnappt. Sechs Wochen lang verhörten ihn Geheimdienstoffiziere, 165 Seiten umfassen die Vernehmungsprotokolle. Daneben lieferte Baumann auch noch einen 125 Seiten langen, handschriftlichen Bericht mit den Persönlichkeitsprofilen von 94 Kampfgefährten aus dem linksterroristischen Spektrum der Bundesrepublik. Über Jan-Carl Raspe und dessen Verhältnis zur RAF notierte er: „Raspe … passte nicht in den Haufen. Sehr still, lieb und bescheiden solidarisch. Pflichtbewusst, nicht gewalttätig. Kfz und Techniker der Gruppe.“

Hauptmann Stürzebecher und seinen Vorgesetzten im Staatssicherheitsdienst helfen diese dürren Angaben jedoch wenig weiter in der Frage, wie ernst man die mögliche Fluchthilfe der RAF für Raspes Schwester Inka nehmen soll. Noch mehr als die offensichtlichen Fluchtabsichten der jungen Frau und ihres Freundes aus der Bauakademie treibt die Stasi jedoch ein anderer Verdacht um – das „Bestehen aktiver Verbindungen zur Baader-Meinhof-Gruppe und … einer illegalen Gruppe auf dem Territorium der DDR“, wie es in einem Aktenvermerk heißt. Haben die westdeutschen Terroristen etwa schon Gefolgsleute im SED-Staat geworben? Um das aufzuklären, eröffnet die Stasi eine sogenannte operative Vorlauf-Akte mit der Deckbezeichnung „Primaner“. Der Name ist ganz offenbar eine Anspielung auf Jan-Carl Raspe, der als Primaner – also als ein Schüler, der kurz vor dem Abitur steht – die DDR verlassen hatte.

Geboren in Österreich

Geboren wurde Raspe am 24. Juli 1944 im österreichischen Seefeld. Seinen Vater, der dort eine chemische Fabrik besaß, hat er nie kennengelernt. Der Fabrikant starb vier Monate vor der Geburt seines Sohnes an Angina pectoris. Nach Kriegsende ging die Mutter Charlotte Raspe mit ihrem kleinen Sohn zurück nach Berlin. Dort war sie 1906 geboren worden, als Kind des Gartenbaumeisters Grille, der in der Weißenseer Parkstraße eine große Gärtnerei betrieb. Mitten auf dem Grundstück stand eine alte Villa, in der Charlotte geboren und aufgewachsen war. Nach dem Tod des Vaters erbten dessen Kinder Betrieb und Grundstück. Als die Söhne sich 1953 in den Westen absetzten, wurde der Gartenbaubetrieb enteignet. Charlotte Raspe behielt nur das Haus mit Grundstück in der Parkstraße 87/88. Dort lebte sie zusammen mit ihren beiden Schwestern und ihren drei Kindern.

„Jan war nie ein leichter, heiterer, fröhlicher, er war ein nachdenklicher Junge“, erzählte die Mutter Charlotte Raspe im Jahr 1975 dem Stern-Reporter Erich Kuby, der sie in Ostberlin besuchte. „Wenn er nachmittags aus der Oberschule nach Hause kam, wollte er allein sein.“ Tierlieb sei der Junge gewesen und lieb zu seinen Schwestern. „Wenn die Kinder Bonbons bekamen, teilte Jan sein Tütchen genau ein. Die Schwestern aßen alles auf einmal auf und bettelten dann den Bruder an, der immer weich wurde“, erzählte die damals 69-Jährige dem Reporter aus dem Westen.

Jan-Carl Raspe besucht damals die Johannes-R.-Becher-Schule. Er ist ein guter Schüler, aber...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung